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Geschichte

El Dorado für Archäologen

Rund um die Heuneburg bei Herbertingen werden regelmäßig spektakuläre Zeugnisse frühkeltischer Kultur entdeckt. Vergnügten sich die Stämme in der „Alten Burg“ gar in einer Pferderennbahn?

11.06.2019

Von JANA ZAHNER

Hoch über der Donau thront die Lehmziegelmauer des Freilichtmuseums Heuneburg. Foto: Jana Zahner

Herbertingen-Hundersingen. Die Kelten konnten kühl bauen“, bemerkt eine Besucherin beim Eintreten in das weiß getünchte Gebäude. Das rekonstruierte Herrenhaus des Freilichtmuseums Heuneburg bei Herbertingen-Hundersingen im Landkreis Sigmaringen schützt vor der Junisonne. Die Kelten scheinen einen Sinn für angenehmes Wohnen gehabt zu haben: Der auf einem Hügel gelegene, von einer Lehmziegelmauer befestigte Fürstensitz bietet eine herrliche Aussicht auf die Donau und die Landschaft ringsherum.

Wie das Leben der Kelten in dem Gebiet ausgesehen haben könnte, dazu informiert die vergangene Woche eröffnete Ausstellung „Burgen, Bauern, Bestattungen“. Infotafeln im Zentrum des Hügelplateaus mit den nachgebauten Gebäuden aus der Eisenzeit präsentieren archäologische Funde und Erkenntnisse. Großformatige Illustrationen transportieren den Betrachter in die Blütezeit der ansässigen Kelten vor mehr als 2500 Jahren.

„Die Gegend ist ein El Dorado für Archäologen“, sagt Leif Hansen, der um die Heuneburg Ausgrabungen durchführt. Archäologiestudenten aus der ganzen Welt bewerben sich bei ihm um eine Stelle. Seit 2014 läuft das von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) geförderte Projekt. „Die Funde kommen hier zu einem, das ist nicht überall so“, sagt Landesarchäologe Dirk Krausse.

Die Heuneburg aus dem 6. Jahrhundert vor Christus gilt als die älteste städtische Siedlung nördlich der Alpen. „So etwas gab es zu dieser Zeit in Griechenland noch nicht“, sagt Krausse. Allerdings währte die kulturelle Hochzeit nur bis etwa 450 vor Christus. Dann führten vermutlich Brände und Veränderungen der Handelswege zum Niedergang.

Laut Krause ist die Heuneburg „nur das Innere“ eines größeren Siedlungsgebiets der Kelten im Südwesten. Im Fokus der Archäologen stehen zwei weitere, nur wenige Kilometer entfernte Höhensiedlungen: die „Große Heuneburg“ bei Zwiefalten-Upflamör und die „Alte Burg“ bei Langenenslingen. Hier wurden Spuren einer Mauer gefunden, die mit zehn Metern Höhe noch höher gewesen sein muss als in der Heuneburg.

Frühe Forscher hielten die „Alte Burg“ daher für mittelalterlich. „Die Bauten müssen so monumental gewesen sein, dass man sich nicht vorstellen konnte, dass die frühen Kelten dazu in der Lage waren“, sagt Hansen. Vermutlich hatte der Platz kultische Funktionen inne. Außerdem gibt es Hinweise, dass dort einmal eine Pferderennbahn stand – der zungenförmige Grundriss erinnert an den bekannten Circus Maximus in Rom. „Es wäre eine Sensation, wenn sich das bewahrheitet“, sagt Krausse. Die Anlage könnte in Friedenszeiten den keltischen Stammesgesellschaften Raum für sportliches Kräftemessen und Unterhaltung geboten haben.

Auch unter den Anwohnern der Region ist die Begeisterung für die Kelten groß: „Jeder Bauer aus der Gegend hofft, beim Pflügen etwas zu finden“, sagt eine Museumsbesucherin. Schließlich hat die Suche nach Zeugnissen der untergegangenen Kultur in den vergangenen Jahren zahlreiche Schätze zutage gefördert: Beispielsweise das mit Goldschmuck und Gagatarmreifen bestückte Hügelgrab von Bettelbühl einer Keltenfürstin. Das Grab ist eines von sieben Hügelgräbern, die nur wenige Kilometer von der Heuneburg entfernt entdeckt wurden. 2016 fanden die Archäologen bei Grabungen den bronzenen „Unlinger Reiter“, die älteste Reiterdarstellung Deutschlands. Manche Funde werden im Herbertinger Keltenmuseum zwei Kilometer entfernt von der Heuneburg ausgestellt, andere werden noch wissenschaftlich untersucht.

Nach der Entdeckung der Bauten und Schätze der Keltenfürsten wollen Krausse und seine Kollegen das einfache Leben in der Eisenzeit erforschen. Schließlich müsse jemand die prunkvollen Machtzentren ernährt haben. „Wir kennen Gräber und Burgen, aber nicht die Basis des Lebens: die Gehöfte. Bisher haben wir keines ausgegraben.“ Siedlungsgrabungen seien kompliziert. Anders als von den großen Verteidigungsanlagen aus Lehmziegeln und den Hügelgräbern bleibe von den einfachen Behausungen wenig übrig. Die Spurensuche erfolgt zum Beispiel mit geomagnetischen Messungen, die Störungen im Boden aufzeigen können. Auch der Bussen, der „Heilige Berg Oberschwabens“, wie er im Volksmund genannt wird, wird untersucht – der Unlinger Reiter wurde nur etwa drei Kilometer entfernt gefunden.

SWP Grafik Foto: SWP Grafik

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Erstellt:
11. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 06:00 Uhr

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