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Eiswein vom Klimawandel bedroht
Im Jahr 2010 konnten Winzer wie hier im badischen Oberrotweil gefrorene Trauben für den Eiswein lesen. Doch früher strenger Frost wird seltener. Foto: dpa
Nur nach einer langen Kälteperiode kann aus den Trauben ein edler Tropfen werden

Eiswein vom Klimawandel bedroht

Die Rebstöcke sind entlaubt, die Weinlese ist vorbei - das heißt fast vorbei. Denn es gibt noch eine Nachspielzeit für die Winzer: den Eiswein. Eine Spezialität, bei der sie viel hoffen und bangen müssen.

08.12.2015
  • WOLF VON DEWITZ, BIRGIT REICHERT UND KATHARINA HÖLTER, ALLE DPA

Lauffen am Neckar. Für Winzer ist es ein Glücksspiel. Der Einsatz: Trauben am Rebstock. Der Gewinn: ein hoher Preis für kleine Flaschen. Die Rede ist vom Eiswein, einer Spezialität, die bei Minusgraden geerntet wird - die gefrorenen Beeren werden ruckzuck verpresst und ergeben dann einen süßen Saft. Insgesamt gilt die Qualität des Weinjahrgangs 2015 als sehr gut. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den Eiswein, der häufig zum Dessert getrunken wird.

"Aus dem Jahrgang 2015 muss man alles rausholen - also auch Eiswein", sagt der württembergische Winzer Ulrich Maile. Eiswein sei "das i-Tüpfelchen eines Jahrgangs", so der Moselwinzer Markus Molitor. Doch es ist ein Glücksspiel mit maximalen Risiko, dem Totalausfall. Wenn es bis Anfang Januar nicht sehr kalt wird, sind die hängengelassenen Trauben reif für den Kompost. "Mit denen können wir nichts mehr machen", sagt Maile.

Zugegeben: Wenn Maile das Pokern verliert, sind die Einbußen überschaubar. Nur etwa 0,3 Hektar hat der Chef der Lauffener Weingärtner stehen lassen in der Hoffnung auf langanhaltenden Frost. Wenn alles gut geht, könnten es 500 Flaschen Eiswein à 0,375 Liter werden. Geschätzter Preis: 40 EUR pro Flasche. Die Eiswein-Umsatzerwartungen liegen bei Maile also alles in allem zwischen 20 000 EUR und - bei Totalausfall - 0 EUR.

Um große Mengen geht es nicht beim Eiswein, belegen die Zahlen des Deutschen Weininstituts (DWI). In Rheinland-Pfalz - mit zwei Dritteln der Rebfläche Stammland des deutschen Weins - sind es dieses Jahr 110 Hektar Eiswein-Fläche, in allen anderen Ländern mit Weinanbau sind es rund 90 Hektar. Es geht also um maximal 0,2 Prozent der deutschen Anbaufläche. Unter Winzern ist Eiswein eher die Kür. "Es geht ums Prestige", sagt Maile.

Sein Einsatz beim Eiswein-Glücksspiel war früher höher. Seit ein paar Jahren beschränkt er sich aber auf drei Hektar, sagt der Weingärtner. Aber: "Der Klimawandel spielt ein bisschen gegen uns beim Eiswein." Denn durch die höheren Durchschnittstemperaturen bei trockenem, sonnigem Wetter werden Trauben früher reif - dieses Jahr im Falle von Mailes Betrieb Mitte Oktober. Sonst war das Anfang November. Früher also war der Abstand zwischen Hauptlese und winterlicher Eiswein-Ernte geringer, dadurch waren die Chancen höher.

"Die Reifeentwicklung war in diesem Jahr sehr früh", sagt der Chef des Verbands der Deutschen Prädikatsweingüter (VDP), Steffen Christmann. "Insofern ist die Phase, bis es dann wirklich kalt wird, einfach ein bisschen lang." Wenn in dieser Zeit Regen falle wie unlängst geschehen, mindere das die Qualität der Trauben. "Große Mengen wird es wahrscheinlich nicht geben", sagt Christmann. Generell würden die Bedingungen für Eiswein immer schwieriger, da seltener Temperaturen von minus 8 bis minus 10 Grad über einen längeren Zeitraum erreicht werden. Eiswein werde "ein immer selteneres Produkt".

Mit dem Klimawandel werde die Eiswein-Erzeugung sehr viel schwieriger, ergänzt Weinexpertin Ruth Fleuchaus von der Hochschule Heilbronn. "Dieses Risiko gehen weit weniger Betriebe ein als noch vor zehn Jahren." Es sei für Winzer eine "Lotterie" - mit geringeren Aussichten auf Erfolg.

Beim Badischen Winzerkeller in Breisach ist man daher skeptisch. "Eine Eiswein-Lese, die erst unter minus 7 Grad möglich ist, zeichnet sich derzeit nicht ab", sagt Sprecher Henning Johanßen. Nur zwei Winzer aus dem Verbund hätten dieses Jahr Trauben für Eiswein hängengelassen. "Je länger die Zeit voranschreitet, desto unwahrscheinlicher wird es", sagt Johanßen. "Im Extremfall gehen wir leer aus." Die letzte Pressemitteilung zur Eisweinlese habe er 2010 versandt - der Extremfall scheint eher Normalität zu sein.

Misserfolge musste auch Moselwinzer Molitor hinnehmen. 2013 und 2014 habe er keinen Eiswein abfüllen können, berichtet er. Mal sei es zu warm, mal zu nass gewesen. "Ich hoffe, dass es jetzt schnell eiskalt wird", sagt der Winzer aus Bernkastel-Wehlen. Leider seien die Temperaturen derzeit ungewöhnlich warm für die Jahreszeit.

Gut möglich also, dass das Thema Eisweinjahrgang 2015 einen leisen Tod stirbt. Denn, wie der Württemberger Weingärtner Maile verrät: "Wenn es nicht klappt, spricht niemand gern drüber.

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08.12.2015, 08:30 Uhr
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