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Der Freund fürs Leben

Eislinger Mordprozess: Tübinger Gutachter gibt Einblicke in die Psyche des Frederik B.

Der psychiatrische Gutachter im Prozess um den Eislinger Vierfachmord hält Frederick B. für selbstmordgefährdet. In seinem mit Spannung erwarteten Bericht schilderte er die Begegnungen mit dem 19-Jährigen.

03.03.2010

Von DIRK HÜLSER

Ulm Tiefe Einblicke in die Psyche des Angeklagten Frederik B. ermöglichte gestern der Tübinger Psychiater Dr. Peter Winckler. Der Gerichtsgutachter berichtete von seinen Sitzungen mit dem 19-jährigen Angeklagten, der sich vor der 6. Großen Jugendkammer des Landgerichts Ulm wegen des Vierfachmords von Eislingen verantworten muss. Gemeinsam mit seinem ebenfalls angeklagten Freund Andreas H. soll er dessen Eltern und Schwestern in der Nacht zu Karfreitag 2009 erschossen haben.

Verwundert zeigte sich Winckler gestern darüber, dass Frederik B. in Stammheim in einer Einzelzelle sitzt: "Ich halte ihn für latent selbstmordgefährdet, in ganz ernstzunehmender Weise." Er riet dringend dazu, vor allem, wenn das Urteil in dem nun bereits 15 Verhandlungstage dauernden Prozess fällt, ein besonderes Auge auf Frederik zu haben. Die abschließende Diagnostik des Angeklagten steht noch aus, sie wird am Freitag kommender Woche erwartet. Seine Untersuchungsbefunde gab Winckler aber gestern schon zu Protokoll: Es gebe keine Hinweise auf geistige Verwirrtheit bei dem Probanden, auch keinen Realitätsverlust, keine psychotischen Störungen, Wahnvorstellungen oder Psychosen. Lediglich deutliche Hinweise auf diskrete frühkindliche Hirnschäden habe er finden können, berichtete Winckler - jedoch seien die bei zehn Prozent der Bevölkerung nachzuweisen.

Vor den Befunden waren gestern jedoch die Berichte der Sitzungen - "Explorationen" - mit Frederik B. gestanden. In seiner knapp 20-jährigen Laufbahn und nach mehr als 1000 Gutachten ist Winckler nach eigenen Worten "eine solche schwierige und mühsame Exploration noch nicht untergekommen". Er habe in den insgesamt 13 Stunden nie das Gefühl gehabt, Frederik nahe gekommen zu sein, immer sei da eine gläserne Wand zwischen ihnen gewesen. Dennoch habe der 19-Jährige einiges berichtet. Er erzählte beispielsweise davon, wie die Freundschaft mit Andreas H. begann. Im Winter 2006/2007 - nach dem ersten gemeinsamen Einbruch in die Eislinger Dr.-Engel-Realschule - sei die Freundschaft intensiver geworden, er habe Andreas bewundert. Niemals sei es in der Freundschaft jedoch um Homosexualität gegangen, "allerhöchstens mal Händchenhalten" sei gewesen. Sie hätten aber eigene Rituale gepflegt, so besaßen sie zusammen einen Kleiderschrank - Frederik: "Unser kleines schmutziges Geheimnis" -, in dem sie gemeinsame Kleidungsstücke aufbewahrten, zum Teil auch gestohlene Waren. Der Schrank sei ein Symbol für das geistige Band gewesen, das zwischen den beiden Freunden bestand.

Diese enge Freundschaft ermöglichte letztlich auch die vier Morde. Frederik hatte gegenüber Winckler zwar von Überlegungen seinerseits berichtet, Andreas zu stoppen, nachdem dieser ihm rund ein bis zwei Monate vor der Tat erstmals von dem Mordplan berichtet hatte. Doch er habe es als seine Freundschaftspflicht angesehen, Andreas in allen Lebenslagen - auch einer solchen - beizustehen und zu helfen. "Es war die vollkommene Beziehung, ein Freund fürs Leben", sagte der 19-Jährige demnach. Finanzielle Motive hätten bei dem Vierfachmord keine Rolle gespielt, davon sei nie die Rede gewesen, Andreas habe Frederick auch keine Vergünstigungen in Aussicht gestellt. Winckler gegenüber hatte Frederik entgegen seinem ersten Geständnis auch erklärt, er allein habe die Familie erschossen.

Auf Wincklers Frage nach drei Wünschen, die er jetzt noch habe, hatte Frederik gesagt: "Ich habe nur einen Wunsch: Die Zeit um ein Jahr zurückdrehen." Wenn es nach ihm ginge, müsse er mit dem Tode bestraft werden, befand Frederick gegenüber dem Gutachter. Die Gesellschaft erwarte von ihm, dass er sich therapieren lasse, er aber halte das für Unsinn. Eine Rückkehr in die menschliche Gesellschaft sei für ihn ohnehin unmöglich.

Der Psychiater wollte noch mehr von seinem Probanden wissen: "Mögen Sie sich überhaupt selbst?" Frederik habe geantwortet: "Das muss ich ja wohl."

Sein Gutachten spielt im Eislingen-Prozess eine wichtige Rolle: Der Tübinger Psychiater Peter Winckler hat gestern erstmals berichtet. Foto: Volkmar Könneke

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Erstellt:
3. März 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. März 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. März 2010, 12:00 Uhr

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