Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Trotz allem

"Eintagsfliegen" zum 85. Geburtstag: Günter Grass und seine Gedichte

Mit "gelegentlichen Gedichten" hat Günter Grass, der weltweit bekannteste deutsche Schriftsteller der Gegenwart, zuletzt viel Staub aufgewirbelt. Heute feiert er seinen 85. Geburtstag: "Eintagsfliegen" und mehr.

16.10.2012
  • JÜRGEN KANOLD

Woran erkennt man einen Schriftsteller von Weltrang? Dass er den Literaturnobelpreis erhalten hat? Dass seine Werke in mehr als 45 Sprachen übersetzt wurden? Gewiss - aber auch daran, dass politisch provokante Gedichte aus seiner Feder, und mögen sie noch so verkrampft poetisch ausfallen, wirklich gelesen werden und extreme Reaktionen hervorrufen. Günter Grass, der heute seinen 85. Geburtstag feiert, ist in jeder Beziehung ein Schriftsteller der Weltliteratur.

Grass, der Zündler. Im Frühjahr beleidigte er pauschal die Atommacht Israel, der er vorwarf, auf ein Erstschlagsrecht gegen den Iran zu pochen und damit den Weltfrieden zu gefährden. "Was gesagt werden muss" war dieses in Gedichtform zurechtgeschnittene Prosa-Pamphlet überschrieben. Wirklich ärgerlich dabei war, wie Grass den Antisemitismusvorwurf an einen, der Israel kritisiert, bereits märtyrerhaft in seinen Zeilen mit einkalkulierte.

Wie dann allerdings auf ihn eingedroschen wurde, hatte selbst er nicht vorausgesehen. So mancher Großfeuilletonist nahm dieses Gedicht zum Anlass auch einer ästhetischen Generalabrechnung mit Grass, der seit dem Erscheinen seines Romans "Die Blechtrommel" (1959) zu den führenden literarischen Stimmen Deutschlands gehört - und im Ausland die gegenwärtig bekannteste ist. Volker Neuhaus schreibt in seiner gerade veröffentlichten Grass-Biografie von einem "fanatischen Vernichtungswillen" gegen den Autor.

Nun, Grass selbst hat stets massiv ausgeteilt und sich Feinde und Neider herangezogen. "Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und mißachtet, wie vormals der biblische Sündenbock", so formulierte es Grass, gewohnt selbstgerecht, in seinem Buch "Grimms Wörter". Er ist tatsächlich jener Moralapostel. Aber seit dieser große Nie-wieder-Krieg-Veteran aus Danzig in seinem autobiografischen Werk "Beim Häuten der Zwiebel" bekannte, als 17-Jähriger kurze Zeit der Waffen-SS angehört zu haben, ist ihm Häme sicher.

Pessimistisch ist der barocke, sinnenfreudige, sprachmächtige Grass geworden. Aber nicht schweigsam. Er hat in diesem Jahr noch einmal in einem Gedicht Israel kritisiert, und zwar mit einer Hymne auf Mordechai Vanunu, der 1986 das Atomforschungsprogramm verriet und dafür in Haft saß: "Ein Held unserer Tage". "Europas Schande" im Umgang mit Griechenland hat Grass auch gebrandmarkt, diesmal klassisch-antik, in Distichen. Wobei er in einer "kleinen Versschule" auch spottet: "Wo fängt Prosa an, wo hört Lyrik auf?/ Vielleicht wissen beamtete Schriftgelehrte/ oder das freischwebende Feuilleton,/ ab wann Erzählung rhythmisch stolpern / das Gedicht episch wuchern darf."

Das alles ist jetzt gebündelt und in rotes Leinen gebunden nachzulesen in dem Band "Eintagsfliegen", der 87 "gelegentliche Gedichte" versammelt samt feinen, farbensatten Illustrationen des Dichters und Zeichners. Katz und Maus, Unke, Butt, Ratte . . . Jetzt gehört die Eintagsfliege zum poetischen Zoo des Günter Grass.

Tatsächlich nicht jedes gelegentliche Gedicht darf man auf die Goldwaage legen, und längst nicht nur räsoniert ein Großschriftsteller politisch. Da schreibt in einem poetischen Tagebuch ein alter Mann aus seinem Leben: erinnernd, bewahrend, banale Fundsachen notierend, die fortlaufende Zeit nicht immer verstehend.

Ein Grass-Lesebuch: nicht sein stärkstes. Aber doch ein herzliches, sogar ein patriotisches: "Trotz allem" liebt er sein Deutschland: "Meiner Liebe gewisses Land, / dem ich verhaftet bin, / notfalls als Splitter im Auge." Das ist jetzt auch wieder nicht bescheiden gesagt, aber so kennen wir Günter Grass. Und müssen das so aushalten.

Info Günter Grass: Eintagsfliegen. Steidl Verlag, 107 S., 28.80 Euro.

Volker Neuhaus: Günter Grass. Steidl Verlag, 464 S., 19.80 Euro.

"Eintagsfliegen" zum 85. Geburtstag: Günter Grass und seine Gedichte
Nobelpreisträger Günter Grass zündelt gerne - auch noch mit 85. Mit Gedichten mischt sich der Schriftsteller in die Politik ein. Foto: dpa

"Eintagsfliegen" zum 85. Geburtstag: Günter Grass und seine Gedichte
Das neu gestaltete Günter-Grass-Haus in Lübeck. Foto: dpa

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.10.2012, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular