Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Coronavirus

Einstieg in den Ausstieg

Der Stillstand ist nur befristet durchzuhalten. Kommt es zu längerer Isolierung von Senioren?

27.03.2020

Von HAJO ZENKER / NBR

Foto: Lopolo /shutterstock.com Foto: ©Lopolo /shutterstock.com

Berlin. Deutschland ist derzeit Stillstandland. Doch längst mahnen immer mehr Ärzte, Politiker und Ökonomen an, dass das öffentliche Leben nicht so lange ruhen soll, bis endlich Medikamente und Impfstoffe gegen das Coronavirus gefunden sind. Schon vorher müsse es Normalisierungen geben – und im Gegenzug besondere Schutzmaßnahmen für Risikogruppen.

Die Nationale Akademie der Wissenschaft Leopoldina setzt eine Entwicklungszeit von vier bis sechs Monaten für Medikamente und von neun bis zwölf Monaten für Impfstoffe an. Und ist sich dabei bewusst, dass der derzeitige Stillstand „aufgrund der zu erwartenden, mitunter gravierenden sozialen und ökonomischen Konsequenzen sowie der möglichen negativen physischen und psychischen Auswirkungen auf die Gesundheit nicht über einen so langen Zeitraum aufrechterhalten werden kann“. Für drei Wochen sei der Stillstand aber sinnvoll. Nun müssten Vorbereitungen für „das kontrollierte und selektive Hochfahren des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft getroffen werden“.

Das hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) durchaus vor. Es gehe darum, öffentliches Leben in Zeiten der Epidemie wieder möglich zu machen. „Bis spätestens Ostern will ich darauf eine gute Antwort geben können.“ Auch Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, glaubt, man müsse den Bürgern „schon aus psychologischen Gründen vermitteln, dass die jetzt eingeleiteten Maßnahmen zeitlich begrenzt sind“. Und der Virologe Christian Drosten meint, man solle relativ bald, so um Ostern herum, darüber nachdenken, ob man nicht an einigen Stellen „die Bremse etwas lockern kann“, etwa, ob nicht alle Schüler „oder zumindest einzelne Jahrgänge“ wieder in die Schulen könnten.

Wo aber Verbote gelockert werden und noch keine Impfung zur Verfügung steht, hat das Virus wieder bessere Chancen, sich auszubreiten. Damit steigen die Gefahren besonders für Ältere und chronisch Kranke, wo die Sterberate bei Corona besonders hoch ist. Für Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt braucht man dann für über 65-Jähre und andere Risikofälle „umfassende Maßnahmen, um diese Bevölkerungsgruppe isolieren zu können“. Man müsse sie mit allem Lebenswichtigen zu Hause versorgen, ohne dass sie selbst auf die Straße gehen müssten.

Das sieht der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner ganz ähnlich. Statt die gesamte Bevölkerung solle man in einigen Wochen gezielt die besonders Gefährdeten isolieren: „Denkbar wäre eine Ausgangssperre für Personen über 70 Jahre.“ Er betont aber ebenfalls, dass Unterstützung organisiert werden müsse, die über Lebensmittel hinausgehe.

Auch in der Politik, die das letztlich entscheiden muss, mehren sich entsprechende Stimmen. Der CDU-Rechtsexperte Heribert Hirte hält es für wahrscheinlich, dass Ältere und Risikogruppen länger Einschränkungen in Kauf nehmen müssten als der Rest der Gesellschaft: „Es geht um die Verhältnismäßigkeit.“ Auch für den CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich ist das „eine realistische Option“. Schließlich brauche man eine Exit-Strategie. Wenn man das öffentliche Leben Stück für Stück hochfahre und etwa Schulen und den gesamten Einzelhandel wieder öffne, müsse man die besonders Gefährdeten besonders schützen.

Generell gilt: Es geht in den kommenden Wochen darum, die Corona-Maßnahmen besser auszutarieren. Jens Spahn spricht da von „Beschleunigen und Bremsen“, es gehe um „eine sorgfältige Balance zwischen Eigenverantwortung und staatlicher Kontrolle“. Der Normalzustand aber kommt so schnell nicht wieder. Der Minister stimmt darauf ein, „dass es über Wochen bestimmte Ausgangsbeschränkungen immer mal wieder und zeitlich begrenzt geben wird, je nachdem, wie sich das Virus regional ausbreitet“. Und Frank Ulrich Montgomery, Chef des Weltärztebundes, ist überzeugt, dass uns die Krise „mit Sicherheit bis zum Ende des Jahres begleiten wird“. Einschränkungen im Alltag werde es so lange geben, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Bis dahin „werden wir unser gesamtes soziales Leben und unser Arbeitsleben umstellen müssen“.

Auch der Virologe Christian Drosten spricht sich für eine Exitstrategie aus. Foto: Michael Kappeler/dpa

Zum Artikel

Erstellt:
27. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. März 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+