Eine Woche für Helden und solche, die gar keine sein wollen

Einsätze mit übergroßem Einsatz

Vor einer Woche waren die Aufräumarbeiten noch in vollem Gange. Auch wenn die Lage sich mittlerweile beruhigt hat, sind die Spuren des Hagelbombardements noch überall zu sehen. Häuser, Gärten und Autos werden irgendwann wieder instand gesetzt sein, erinnern wird man sich aber noch lange an den Einsatz vieler Helfer/innen.

05.08.2013

Von Ulla Steuernagel

Tübingen. Als Helden des Hagels wollen sie nicht bezeichnet werden. Und fast alle weisen bescheiden darauf hin, dass es einfach sehr viele waren, die sich nach dem Hagelgewitter am Sonntag vor einer Woche als Helfer/innen für Andere einsetzten. Wir haben ein paar derjenigen befragt, die keine Mühe scheuten und sich bis an die Grenze ihrer eigenen Kräfte verausgabten, wie sie die Zeit nach dem Unwetter verbrachten.

Hier dichten Armin Romanitan (links) und Lukas Kreuz von der Dachdecker-Firma Peetz gerade provisorisch ein Oberlicht in der Heinlenstraße ab. Bild: Metz

Jochen Ankele ist ehrenamtlicher Feuerwehr-Kommandant in Gomaringen, sein Einsatz begann am Sonntag um 17.30 und endete tags drauf um kurz vor 5 Uhr. Um 7.30 ging es dann schon wieder weiter, um 22 Uhr konnte er mal die Füße hochlegen. Dienstag war der Feuerwehr-Job zwischen 10 und 19 Uhr dann etwas ruhiger, aber „da ging man dann schon ziemlich auf dem Zahnfleisch daher“, so Ankele, der als Koordinator für Dach- und Fensterschäden tätig war. Er kann gar nicht genug die Teamarbeit hervorheben: „ein dickes Lob an die Mannschaft und die Gemeindeverwaltung“.

Das eigene Auto musste warten

Im Nonstop-Dienst war auch Feuerwehrmann Patrick Schuparra aus Kirchentellinsfurt. Obwohl er selber auch vom Hagelschlag betroffen war, machte er sich gleich auf den Weg, um Anderen zu helfen. Nach sehr kurzer Nachtruhe ging?s in aller Herrgottsfrühe am Montag weiter bis mittags und von da aus direkt an den Arbeitsplatz bei Kemmler Baustoffe, wo er denn gleich die Spezialfolie zum Abdecken der zerschlagenen Dachfenster und „der angeblich hagelsicheren Sichtkuppeln“ beschaffen konnte. Sein Arbeitgeber sei gegenüber Feuerwehreinsätzen sehr kulant, sagt Schuparra, aber in diesem Fall wurde er auch am Arbeitsplatz benötigt. Und die eigenen Schäden? „Erst zwei, drei Tage später konnte ich mich um mein Auto kümmern.“

Tanja Knapp wohnt in der Christophstraße in Tübingen, im gleichen Haus wie Natascha Amiri, die Vizeschulleiterin der Ludwig-Krapf-Schule in Derendingen. Am Sonntag kurz nach dem Unwetter zog es Amiri zur Schule. Tanja Knapp fackelte nicht lange, sie fuhr zusammen mit ihrem Mann und der Schulleiterin zum Gebäude, das „von vorne harmlos aussah, aber an der Rückseite furchtbar“. Es stellten sich auch andere Helfer/innen ein. Mit schweren Mülltüten und Tacker machten sie sich an die Arbeit und dichteten Fenster um Fenster provisorisch ab. Vor allem nachdem sie gehört hatten, dass die Wetterberichte Regen für die gesamte Nacht prognostizierten. Immerhin hatte Knapp zu Hause einigermaßen Glück, nur ihre Terrasse hat es furchtbar erwischt. Und von den 74 Tomatenpflanzen ihres Sohnes sind gerade mal drei faulige stehen geblieben.

Frauke Betz, Noch-Schulleiterin an der Kreuzerfeld-Schule in Rottenburg und bald Rektorin an der Gottlieb-Rühle-Schule in Mössingen, wollte am Montag eigentlich die Lehrpläne durchgehen und ihr Zimmer ausräumen. Doch stattdessen wurde sie von den Dach-und Flurschäden im Haus überrascht. Erst dachte sie, als sie ins Obergeschoss kam und an die Renovierungsarbeiten im Haus dachte: „So heftig kann der Umbau doch gar nicht sein!“ Dann sah sie die brisante Mischung aus Wasser, Kopierpapier und Scherben.

Weinbau ist manchmal nur zum Weinen

Auch im Lehrerzimmer und im Rektorat mussten erst einmal die Papiere auseinandergezogen und zum Trocknen ausgelegt werden. „Zu viert haben wir gegen das Chaos gekämpft“, sagt Betz. Auch die Bauarbeiter halfen mit. Irgendwann machte sich Betz dann erschöpft auf den Weg zu den beiden Weinbergen, die sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten in Wurmlingen und Hirschau bestellt. Als sie die Rebstöcke sah, an denen sie in der Vorwoche jeden Abend mit Hochbinden beschäftigt gewesen war, war ihr nur noch zum Heulen zumute. „Weinbau als Hobby, das sollte man sich gut überlegen“, sagt sie im Rückblick.

Für Lukas Kreuz sind Zwölf-Stunden-Tage gerade das Arbeitsminimum. Bis zum Wochenende war er im Dauereinsatz, so der Zimmermannsgeselle. Wer hätte gedacht, dass es bei ihm nach der Gesellenprüfung, die er am 12. Juli abschloss, so heftig zur Sache gehen sollte? Zusammen mit Armin Romanitan ist er als „Mini-Einsatzkolonne“ jeden Tag im Auftrag von „Peetz Bedachungen“ unterwegs. Weilheim, Derendingen, Kiebingen und Metzingen sind die bisherigen Einsatzorte.

„Outlet-City Metzingen“, so Kreuz, „hat es ganz schlimm erwischt.“ Umso schlimmer, als der Ort nur noch aus Outlet-Firmen bestehe und keine Handwerker mehr ansässig seien. „Aber man hat uns wieder aus den Stadtmauern rausgelassen“, sagt der Zimmermann lachend. Auch nach einem anstrengenden Arbeitstag macht er einen munteren Eindruck. Zwar hat er gerade ohne Gerüst zusammen mit seinem Kumpel 200 Ziegel auf einem Dach erneuert. „Das bedeutet, dass man hundert Mal eine zehn Meter lange Leiter hochsteigen muss“.

Die einen überglücklich, die anderen genervt

Nach dem Hagel am vergangenen Sonntag wurde Kreuz erst einmal zum Großeinsatz bei MHH Solartechnik gerufen, dort ging es bis 1 Uhr in der Nacht. Montag dauerte der Arbeitstag dann 14 Stunden, am Ende hat er unter schwierigeren Bedingungen als sonst, eben ohne Gerüst und Kran, eine 60-Stunden-Woche erreicht.

Nebenbei lernt er auch eine Lektion Psychologie und beobachtet, wie unterschiedlich die Betroffenen auf ihre Lage reagieren. „Manche sind überglücklich, dass man so schnell zur Stelle ist, andere sind nur genervt.“ Auf jeden Fall sei es schwer, jemandem nach Besichtigung eines Schaden eine Absage zu erteilen, etwa wenn das Dach zu steil ist.

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Erstellt:
5. August 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. August 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. August 2013, 12:00 Uhr

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