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Einmal Weißrussland – und zurück

Kein Männerteam im Kreis Tübingen kickt höher als die TSG Tübingen. Für den Verbandsligisten mit Amateurstrukturen ist die sechsthöchste Liga des Landes eine Herausforderung – und das nicht nur, weil das Team in dieser Saison alleine rund 2740 Kilometer für die Fahrten zu den Auswärtsspielen auf sich nehmen muss.

07.10.2019

Von TEXT: Moritz Hagemann|FOTOS: Markus Ulmer

Addiert man die Summe der Kilometer, die das Team der TSG Tübingen in der laufenden Saison auf den Straßen im Südwesten der Republik verbringen muss, kommt man auf etwas mehr als 2740. Das würde reichen, um von Tübingen, vorbei an Nürnberg, Dresden, Lodz und Warschau, bis kurz hinter die weißrussische Grenze nach Brest zu fahren. Und wieder zurück. Wer den Süden bevorzugt, käme über Lyon und Montpellier bis nach Barcelona – und sogar noch ein bisschen weiter. Die Rückfahrt ist auch hier inbegriffen. Das klingt heftig. Dafür, dass die TSG Tübingen ein Amateurverein ist; dafür, dass die Spieler alle nicht vom Fußball leben, sondern das Treten gegen den Ball nur ein Hobby ist. Diese Umstände machen es schwierig.

Doch wie meistert die TSG diese Herausforderung? „Bei uns läuft vieles anders als bei anderen Vereinen in dieser Liga“, sagt Fußball-Abteilungsleiter Alexander Wütz. „Zu uns kommt keiner wegen des Geldes.“ Ein ganz wichtiger Faktor sei Trainer Michael Frick, der die Mannschaft vor 14 Jahren übernommen hat, nebenbei noch die Jugend trainiert und eine Fußballschule aufbaut. Wütz sagt, Frick habe Situationen als Coach gemeistert, in denen er von anderen Vereinen mutmaßlich entlassen worden wäre.

Beispielsweise im Herbst 2008, kurz nachdem die TSG im legendären Relegationsspiel in Glatten (3:2 nach 0:2-Rückstand gegen Freudenstadt, das Spiel wird gar im Buch „Echte Liebe“ über Jürgen Klopp erwähnt) in die Landesliga aufgestiegen war. Damals holte die TSG am 8. Spieltag ihren ersten Punkt der Saison, in Mühlheim gab’s letztlich im 10. Spiel den ersten Sieg. Und am Ende den Klassenerhalt. „Dass wir einen Trainer haben, der als absolutes Vorbild vorneweg geht, ist mitentscheidend“, sagt Wütz. Der Trainer formte Spieler, beispielsweise Tobias Dierberger, der vom FC Rottenburg II aus der A-Liga kam und jetzt bei der TSG Balingen in der Regionalliga kickt. Ein Anreiz, warum immer wieder Talente nach Tübingen kommen.

Dabei ist es finanziell kaum lukrativ für den Klub, wenn die Kicker aus der Verbandsliga noch höher wechseln. Denn meist bekommen die Spieler dann sogenannte Amateurverträge und der TSG steht keine Ausbildungsentschädigung zu, die im Volksmund Ablösesumme heißt. Weil die TSG keine Gehälter für die Spieler zahlt, beschäftigt sie auch keine Vertragsamateure und muss ihrerseits die Ablösesummen bezahlen, wenn neue Spieler von unterklassigen Vereinen kommen.

Einnahmen generiert die TSG vor allem durch Mitgliedsbeiträge, Zuschüsse von Verbänden und Sponsoren. „Wir wollen attraktiv und innovativ für Partner sein“, sagt der 42-jährige Wütz. Immer wieder sticht die Abteilung durch Aktionen hervor, wie der Aufnahme des Beckenbauer-Klassikers „Gute Freunde kann niemand trennen“ mit der Tübinger Schlagerlegende Dieter Thomas Kuhn oder einem vereinseigenen Sammelalbum mit Stickern der Sportlerinnen und Sportler.

Damit diese Aktionen einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden, setzt die Abteilung stark auf die eigenen Online-Kanäle, den monatlichen E-Mail-Newsletter sowie die Facebook- und Instagram-Seite. „Jeder in der Abteilungsleitung bringt sein berufliches Know-how und sein Netzwerk ein“, erklärt Wütz. „Jonas Frey sein Studium der Sportwissenschaft, Matthias Härtner seine Erfahrung als Teamleiter im Einkauf und ich meine Expertise als Inhaber einer Sportmarketing-Agentur.“

Solche Aktionen helfen letztlich auch, „dass die Spieler die TSG cool finden“. Und auch mal widerstehen, wenn ein anderer Verein Geld auf den Tisch legt. Dass bei der TSG seit Jahren dieselben Entscheidungsträger dabei sind, schafft für Wütz die Möglichkeit, strategisch zu arbeiten. Identifikation schafft der Verein auch nach außen sichtbar durch ein eigens für die TSG designtes Trikot: Von den Bambini bis zu den Alten Herren tragen alle dieselbe Spielkleidung. „Die TSG fällt auf“, stellt Wütz fest. Die Spieler seien auch zufrieden, weil der Klub ihnen „eine längere Leine“ lasse. So geht auch mal einer auf Weltreise oder länger in den Urlaub – ist ja kein Profisport. Gibt’s aber bei manch ambitioniertem Ligakonkurrenten nicht.

Den Erfolg der vergangenen Jahre rechnen sie beim Tübinger Verein auch der Jugendarbeit zu. Dort investiert der Klub. Die Jugendtrainer (oft aktive Kicker aus der 1. und 2. Mannschaft) erhalten eine Aufwandsentschädigung und der Verein bezahlt ihre Lizenzen, erzählt Wütz. Zwar bleiben auch Kicker auf der Strecke, aber einige haben den Sprung aus der TSG-Jugend in den Verbandsliga-Kader geschafft: wie Tammo Heinzler, Adrian Braun oder Lars Lack. „Wir wollen nicht nur ausbilden, sondern die Spieler später auch in unserer ersten Mannschaft einsetzen“, sagt Wütz.

Der Abteilungsleiter gesteht, dass er das Budget „immer ganz, ganz spitz rechnen“ müsse. Langfristige Optimierungsideen, etwa eine Tribüne auf dem Sportgelände, seien natürlich eine Überlegung, „aber wir gehen streng nach sportlicher Priorität vor“. Der Verein sei bereit, auch ein Risiko einzugehen, „aber einfach nicht blindlings, sondern wohlkalkuliert und mit langfristiger Ausrichtung“. Dabei hält Wütz die Verbandsliga für attraktiv, weil es sportlich gute und namhafte Gegner gebe. Nicht zuletzt den VfL Pfullingen oder den VfL Sindelfingen, die schon gegen die TSG in der Landesliga kickten. „Diese Teams bringen natürlich Zuschauer“, sagt Wütz. Also auch Einnahmen. Männer zahlen bei Heimspielen 6 Euro Eintritt, Frauen 4 Euro.

Anders die Auswärtsspiele. Außer nach Pfullingen, Sindelfingen und Leinfelden-Echterdingen fährt der TSG-Tross mit dem Bus, die Fans können in der Regel für gut 15 Euro (inklusive Eintrittskarte) mitfahren. Rund 500 Euro im Schnitt müsse man für eine Auswärtsfahrt an anfallenden Kosten für den Verein rechnen, sagt Wütz. Macht bei 13 Spielen gleich mal 6500 Euro.

Doch die TSG – früher gerne als Studententruppe bezeichnet – gebe ihr Bestes, um die Rahmenbedingungen anzunehmen und zu stemmen. „Auch wenn wir da von der Art und Weise im Gegensatz zu anderen Klubs in der Liga aus der Reihe fallen“, sagt Wütz. Etwa, wenn es wieder Sommer wird, und die Mannschaft in der Vorbereitung in andere Orte ausweichen muss, weil der eigene Rasenplatz aufbereitet wird. Der Abteilungsleiter sagt: „Dass Spieler und Trainer das mitmachen, ist alles andere als normal. Das zeigt, wie stark sie sich mit der TSG identifizieren.“ Ziele sind dann Kiebingen oder Kusterdingen. Immerhin noch näher als Weißrussland.

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Erstellt:
7. Oktober 2019, 08:35 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2019, 08:35 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2019, 08:35 Uhr

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