Harmonische Schienenfahrt

Einendes Moment der Regionalstadtbahn in S21-Zeiten

Bahn geht auch ohne Konflikt. Mitten in Baden-Württemberg saßen am Dienstagabend zwei Stuttgart-21-Befürworter miteinem Gegner zusammen, um gemeinsam für ein Schienen-Projekt zu streiten. Die Region braucht eine Stadtbahn – das war der gemeinsame Nenner des Tübinger OB Boris Palmer, des Reutlinger LandratsThomas Reumann und desAlbstädter SPD-Landtagsabgeordneten Hans-Martin Haller.

21.04.2011

Von Matthias Stelzer

Reutlingen. In der Region Neckar-Alb ist die Verkehrspolitik männlich. „Ich soll eigentlich nicht mehr an Podien teilnehmen, auf denen keine Frau sitzt“, witzelte Boris Palmer schon beim Vorbereitungsgespräch mit SWR-Moderator Jörg Assenheimer im Biergarten des „Nepumuk“. Partei und Frau hätten da klare Vorstellungen. SPD-Mann Hans-Martin Haller inspirierte das gleich zur gedanklichen Suche nach einer Verkehrspolitikerin im Land. Fehlanzeige. „Das ist die letzte männliche Domäne, die uns geblieben ist“, sagte er unter allgemeinem Gelächter.

Eine Stimmung, die sich dann auch aufs Podium im franz. K übertrug. Die rund 100 Besucher/innen erlebten eine Diskussion zwischen drei Männern, die sich im Austeilen regionaler Niedlichkeiten und in Politikspäßchen gefielen. Angestachelt von Moderator Assenheimer sprang das Thema des Abends, die Realisierungschancen der Regionalstadtbahn, öfters aus der Schiene.

Die Frage, ob sich Palmers Zukunft in Tübingen oder Stuttgart abspielen wird (siehe dazu die Seiten 23 und 25), beschäftigte die Männerrunde auf der Bühne. Und man ergötzte sich an meist spöttischen Zwischenstandsmeldungen der Stuttgarter Koalitionsverhandlung und der Postenverteilung am Kabinettstisch. Jörg Assenheimer handelte den grünen Boris Palmer so penetrant als Ministeraspirant, dass ihm letztlich sogar der verkehrspolitische Sprecher des potenziellen Koalitionärs beisprang: „Aber ich will doch Landesminister werden“, rief Haller.

Das Gesamtnetz sollte das Ziel sein

„Es gibt nur eines, was schlimmer ist als Koalitionsverhandlungen, keine Koalitionsverhandlungen“, konterte der Tübinger OB. Auf dem Podium wurde deshalb auch kräftig in Sachen Regionalstadtbahn koaliert. Alle drei Diskutanten sprachen sich für eine möglich rasche Realisierung aus. Daran änderten auch kritische Stimmen aus dem Off nichts, die der SWR immer wieder einspielte. Ein Statement des Reutlinger IHK-Geschäftsführers zum Beispiel, in dem dieser postulierte: „Wir haben als Priorität den Straßenbau.“ Er wolle keine Verteufelung von Bussen und Autos, ließ Epp beim Interview wissen. Im Saal stellte das eine Minderheiten-Meinung dar. Beifall gab es bei klaren Bekenntnissen zur Regionalstadtbahn. Und die wurden auf dem Podium zuhauf ausgesprochen.

Strittig waren allenfalls regionale Dringlichkeiten, auf die vor allem Hans-Martin Haller als Vertreter der Zollernalb verwies. Der Bäckermeister und Verkehrsexperte in Diensten der Stuttgarter SPD-Fraktion will ganz offensichtlich verhindern, dass mit dem Ausbau der Stadtbahn in den regionalen Ballungszentren Reutlingen und Tübingen angefangen wird. Von der Zollernalb müsse man endlich zügig nach Stuttgart kommen.

„Ich werbe dafür, dass wir das Gesamtnetz sehen“, antwortete Reutlingens Landrat. Und: „Es gibt keine Partner erster oder zweiter Klasse.“ Darüber hinaus sprach sich Thomas Reumann vor allem für den Bahnanschluss der Albhochfläche aus. Eine „historische Chance“ nannte er eine Schienenverbindung am Albaufstieg. Der Landrat legte aber auch Wert darauf, dass man außer der Bahnstrecke auch eine neue Straße am Albaufstieg braucht. Man müsse beides vorantreiben – auch im Sinne der Region. Für diese brach dann der wenig straßenbau-begeisterte Boris Palmer eine Lanze: „Wir sind keine Erfindung von Kartografen. Es gibt diese Region, das zeigen die verkehrlichen Beziehungen.“ Die Stadtbahn sieht er als wichtiges Gesamtprojekt. „Ich halte das für so bedeutend, dass ich mir eine Bürgerbefragung vorstellen kann“, sagte er. Voraussetzung dafür sei aber, dass man auch über Alternativen diskutieren könne.

Hat S 21 Einfluss auf die Regionalstadtbahn?

Ja, und dann war da doch noch Stuttgart 21. Das umstrittene Großprojekt, das – wie Reumann mitteilte – nun doch keinen negativen Einfluss auf die Kosten-Nutzen-Rechnung der Regionalsstadtbahn haben soll. Aber welchen dann? Da lauerte der Dauerkonflikt: Während die S 21-Befürworter Reumann und Haller keine finanziellen Abhängigkeiten zwischen den beiden Projekten sehen wollten, glaubt Gegner Palmer sehr wohl eine Verbindung zwischen dem Milliarden teuren Stuttgarter und regionalen Projekt (Kosten geschätzt gut 500 Millionen) entdeckt zu haben: „Es wird auch unter der grün-roten Regierung eine Rangfolge geben. Deshalb sind die Chancen für die Regionalstadtbahn besser, wenn weniger Geld in Stuttgart vergraben wird.“

Runde mit männerbündischem Spaßfaktor: der Reutlinger Landrat Thomas Reumann, der Albstädter SPD-Verkehrsexperte Hans-Martin Haller, SWR-Moderator Jörg Assenheimer und Tübingens OB Boris Palmer (von links) auf der Regionalstadtbahn-Bühne im Kulturzentrum franz. K. Bild: Franke

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Erstellt:
21. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. April 2011, 12:00 Uhr

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