Mit scharfer Klinge

Eine öffentliche Hinrichtung in Saudi-Arabien

Nicht nur die Terroristen vom "Islamischen Staat" hacken Köpfe ab. Auch im Königreich Saudi-Arabien werden regelmäßig Menschen auf diese Weise hingerichtet. Ein Spektakel für tausende Schaulustige.

15.10.2014

Von MARTIN GEHLEN

Ein heißer Windstoß fegt über den Al-Safah-Platz in Riad, treibt leise schmirgelnd einen leeren Pappkarton vor sich her. Wie versteinert steht die etwa tausendköpfige Menge hinter den Absperrgittern und verfolgt mit den Augen die beiden großen, schlanken Gestalten in weißen Gewändern, die zur Mitte des Platzes schreiten. Hüfthohe, silbrige Krummsäbel blitzen in ihren Händen. Die Augen der Henker sind hinter Sonnenbrillen verborgen, Mund und Nase verhüllt, der Kopf mit dem üblichen Kufiya-Tuch bedeckt.

Langsam rollt ein grau-blauer Kleintransporter rückwärts heran, die hintere Ladetür wird geöffnet. Auf den grauen Steinplatten, wo bis zum Mittag noch Jungen lärmend Fußball spielten und Wasserfontänen plätscherten, sind zwei Bereiche mit mehreren Lagen aus rötlichen Decken ausgelegt. Auf den umliegenden Dächern recken sich Scharfschützen. An den Ecken des Platzes in der saudi-arabischen Hauptstadt liegen kubische Lautsprecher aus, für die Durchsage der beiden Todesurteile des Tages.

Es ist kurz vor 16 Uhr an diesem Freitag. Das Nachmittagsgebet nebenan in der Imam Turki bin Abdullah Moschee ist gerade zu Ende gegangen, als Saudi-Arabiens blinder Großmufti Abdul Aziz al-Sheikh in Sichtweite des Hinrichtungsortes im schwarzen Geländewagen vorfährt. Von seinen Begleitern untergehakt, wird der 71-Jährige durch das Haupttor ins Innere des prächtigen Gotteshauses geleitet, wo er, wie jeden Freitag, frisch bekehrten Muslimen den wahren Islam unterrichtet.

Draußen stützen Helfer derweil die beiden Todeskandidaten bei ihren letzten Schritten auf Erden. Wahrscheinlich sind sie vollgestopft mit Beruhigungsmitteln. Ihre Hände sind auf den Rücken gefesselt, über die Gesichter wurden breite, graue Tücher geknotet.

Einen Moment mustert der Henker konzentriert sein flach kniendes Opfer, drückt mit dem linken Zeigefinger den freigelegten Hals noch ein wenig nach unten. Dann saust das Krummschwert herab, der Kopf fällt auf das Deckenlager und eine runde Blutfontäne spritzt aus dem Rumpf. Der Torso macht einen Satz nach vorne und schlägt auf den Boden.

Hastig werden über die blechernen Lautsprecher der Name und die Taten des Hingerichteten heruntergeleiert, während der Scharfrichter bedächtig seine Klinge mit einem weißen Tuch abwischt. Der geköpfte Saudi Abdullah Al-Qassim soll einen Mann erdrosselt haben. Der wenige Minuten später exekutierte Jemenit Khadr Al-Tahiri soll sein Opfer mit Säure übergossen und zu Tode geätzt haben.

Saudi-Arabien hat dieses Jahr bereits 60 Menschen öffentlich mit dem Schwert hingerichtet. Allein im Monat August waren es 23, im vergangenen Jahr und 2012 insgesamt jeweils 79. Immer wieder appellieren die Vereinten Nationen mit scharfen Worten an das erzkonservative Königreich, diese brutale Praxis zu beenden, die auf der Welt sonst nur die Barbaren vom "Islamischen Staat" praktizieren. "Trotz zahlreicher Aufrufe von Menschenrechtsorganisationen fährt Saudi-Arabien in widerlicher Regelmäßigkeit mit seinen Exekutionen fort und verstößt damit in schamloser Weise gegen internationale Rechtsstandards", kritisiert Christof Heyns, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für außergerichtliche, wahllose und willkürliche Hinrichtungen. Human Rights Watch spricht von "einem weiteren dunklen Makel in der Menschenrechtsbilanz des Königreichs".

Mord, Vergewaltigung, Hochverrat, schwerer Raub, aber auch Drogenhandel und sogar Hexerei können in dem ultraorthodoxen Gottesstaat mit dem Tode bestraft werden. Kürzlich wurde auf dem Al-Safah-Platz in Riad ein Saudi öffentlich enthauptet, "weil er eine große Menge an Haschisch und Amphetaminen ins Land schmuggeln wollte", wie das Innenministerium mitteilte. Für Amnesty International erfüllen saudische Strafprozesse nicht die Mindeststandards eines fairen Verfahrens. Angeklagten werden Verteidiger verweigert, Geständnisse durch Folter erpresst und die Beschuldigten dann einzig aufgrund dieser Geständnisse zum Tode verurteilt.

Die Zuschauer auf dem Al-Safah-Platz haben für diese Bedenken kein Verständnis, empfinden sie als typisch westliche Bevormundung. "Leute wissen, wo sie bei uns dran sind. Sie bekommen ihre gerechte Strafe - das dient der Sicherheit unseres Landes", sagt ein fülliger Saudi in traditioneller Kleidung. Ein älterer Herr mit schütterem Haar, abgewetztem Trainingsanzug und goldfarbenem Brillengestell gesellt sich dazu. "Ich bin undercover hier", kokettiert der 66-Jährige in makellosem Englisch.

Seinen Vornamen gibt er mit Aziz an und stellt sich als pensionierter Geheimdienst-General vor, der in der Nähe wohne. 42 Jahre lang war er Agent, sagt er, zuletzt habe er als Dozent bei der Staatssicherheit gearbeitet. In den achtziger Jahren als junger Leutnant habe er saudische Geldkoffer eigenhändig nach Afghanistan zu Osama bin Laden und dessen Leuten gebracht. "Ich habe alle Terroristen gekannt", brüstet er sich.

Damals, im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer, züchteten die Saudis die erste Generation arabischer Gotteskrieger heran. Drei Jahrzehnte später steht das superreiche Königreich selbst im Visier der Extremisten - und fliegt Seite an Seite mit den Vereinigten Staaten Luftangriffe gegen die blutrünstigen Fanatiker des "Islamischen Staats".

Parallelen zwischen der Strafpraxis der saudischen Monarchie und ihren Nachahmern vom "Kalifat", die bisher vier westlichen Geiseln vor laufender Kamera die Köpfe abgeschnitten haben, wollen Geheimdienstveteran Aziz und andere Umstehende nicht gelten lassen. "Was IS macht, sind Verbrechen, was wir tun, geschieht nach Recht und Gesetz des Islam", deklamieren sie. Außerdem seien Enthauptungen humaner und weniger qualvoll als die Giftspritze oder der elektrische Stuhl.

So professionell der "Islamische Staat" seine Horrorvideos für das Internet inszeniert, so generalstabsmäßig plant der Golfstaat, die Heimat des Propheten Mohammed, seine öffentlichen Enthauptungen. Kurz nach dem Freitagsgebet in voller Mittagshitze schwärmt bereits das erste Dutzend braun-weißer Polizeijeeps auf den Al-Safah-Platz und postiert sich an dessen Rändern. Am Schluss sind es über 50 Fahrzeuge. Die Bereitschaftspolizisten beordern alle Passanten hinter die Absperrgitter und behalten jeden Zuschauer im Auge. Niemand darf auch nur ein Handy in die Hand nehmen. Fotos vom Hinrichtungsort sind streng verboten, sie könnten dem Ruf des Landes schaden. Der Imbissstand und das Café unter den Arkaden müssen schließen, die Plastikstühle zusammenräumen und die eisernen Rollläden herunterlassen.

Zwei Stunden später, kurz vor dem Nachmittagsgebet, fahren mit Blaulicht und Sirenen zwei Gefangenentransporter und zwei Krankenwagen auf, gefolgt vom Suburban des Staatsanwalts und einem weißen Pickup mit Verwandten eines Mordopfers. Nach Scharia-Recht kann die Familie den zum Tode Verurteilten im letzten Moment begnadigen. Dann wird ein Blutgeld fällig, der Tarif für Mord liegt in Saudi-Arabien gegenwärtig bei 60 000 Euro. Doch die Verwandten lehnen endgültig ab, exakt sechs Minuten später entfernen sich die beiden Henker mit strammem Schritt vom Exekutionsort. Ein Krankenwagen rollt heran, Sanitäter schlagen die Leichen in die blutgetränkten Decken, hieven sie auf Bahren und schieben sie ins Innere. Dann jagen sie heulend davon.

Der pensionierte Geheimdienst-General Aziz wirkt erleichtert und zufrieden, steckt sich eine Zigarette an und spendiert den ausländischen Besuchern Dosen-Cola vom Imbiss. Ob es ihnen gefallen habe, ob sie wiederkommen werden, will er wissen. "Wir hätten allen IS-Leuten sofort die Köpfe abschlagen sollen wie diesen Mördern, dann hätten wir dieses Problem heute nicht", sagt er in die Runde.

Am Hinrichtungsort steht inzwischen ein weißer Tankwagen, der die ganze Zeit hinter den Zuschauern gewartet hatte. Pakistanische Gastarbeiter schrubben die Steine, einige Saudis in weißen Gewändern schauen zu. Mit einem Schlauch wird das Blut in den speziellen Abfluss in der Platzmitte gespült. Dann sind die jungen Fußballer wieder da. Einer im Ronaldo-Trikot lässt den Ball tanzen. Andere kurven lachend um die große Pfütze.

  • Statistik Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) berichtet jedes Jahr über die Entwicklung der Todesurteile und Hinrichtungen weltweit. 2013 lag die Zahl der registrierten Todesurteile bei 778 in 22 Ländern, im Vorjahr waren es 682 gewesen. Die Dunkelziffer liegt höher. In 57 Ländern wurden zudem mindestens 1925 Menschen zum Tode verurteilt.
  • >Zunahme Besonders gestiegen ist die Zahl laut AI durch eine Zunahme von Exekutionen im Iran und Irak. In beiden Ländern seien fast hundert Personen mehr hingerichtet worden als im Vorjahr. Für China geht AI von jährlich tausenden Hinrichtungen aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, da China sie geheimhält.
  • >Länder 140 Staaten haben die Todesstrafe im Gesetz oder in der Praxis abgeschafft. Aus ganz Europa und Zentralasien wurden 2013 Jahr erstmals seit 2009 keine Hinrichtungen mehr gemeldet. eb

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Erstellt:
15. Oktober 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Oktober 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2014, 12:00 Uhr

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