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Flucht vor der Krise

Eine griechische Familie will in Deutschland nochmal ganz neu anfangen

Wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Lage verlassen immer mehr Griechen ihre Heimat. Viele kommen nach Deutschland, um ein neues Leben anzufangen. Wir haben eine Familie getroffen.

22.10.2011

Von JULIANE BAUMGARTEN

Stuttgart Eigentlich hatten sie nie vor, nach Deutschland zu kommen. Warum auch? In Griechenland ging es ihnen gut. Sie hatten ein eigenes, kleines Bauunternehmen mit neun Mitarbeitern, eine schöne, große Wohnung, ein Auto, gesunde Kinder. Was will man mehr.

Jetzt ist alles anders. Andreas Pános, 42, Bauplaner, braune Haare, braunes Polohemd, sitzt mit seiner Familie am Tisch der Beratungsstelle der Diakonie in Stuttgart (Name geändert). In Deutschland hat er jetzt einen Job als Lagerarbeiter. Er muss noch einmal von vorne anfangen.

Andreas Pános und seine Frau Athanasia, 43, sind mit ihren beiden Söhnen Panagiotis,10, und Vasilios, 8, nach Deutschland ausgewandert. Haben ihre Heimat verlassen, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Ferne. Dabei brauchen sie Hilfe.

Der griechischstämmige Migrationsberater Anestis Moutafidis unterstützt die Familie beim Ausfüllen von Anträgen. Beispielsweise bei der Anerkennung der griechischen Abschlüsse. Das Studium von Athanasia Pános - sie ist Bauingenieurin - muss auch in Deutschland Gültigkeit haben. Er übersetzt alles, die Familie spricht kein Deutsch.

Den Job als Lagerarbeiter hat Familienvater Andreas aber ganz ohne fremde Hilfe gefunden. Dass er gnadenlos überqualifiziert ist, stört ihn nicht. "Ich mache das nur vorübergehend, um Geld zu verdienen. Ich möchte dem Staat nicht auf der Tasche liegen", sagt er.

Seine Frau Athanasia macht gerade einen Deutschkurs. Den hat ihr Migrationsberater Moutafidis vermittelt. Vier Stunden jeden Vormittag paukt sie deutsche Vokabeln. Der Plan ist, dass sie nach einem Jahr intensiven Lernens die Sprache so gut beherrscht, dass sie in ihrem erlernten Beruf arbeiten kann.

Die Pános haben große Pläne. Und wieder neuen Mut, trotz der Startschwierigkeiten. Andreas: "Wir sind nach Deutschland gekommen, um uns verwirklichen zu können. Unsere Kinder sollen eine bessere Zukunft haben." In Griechenland haben sie keine Chance mehr gesehen. "Es gab keine Perspektive. Ich rechne nicht damit, dass die Situation in Griechenland wieder besser wird."

Seit 2007 gab es Probleme mit der Bezahlung in der Baubranche. Als selbstständige Unternehmer hatten die beiden viele Aufträge vom Staat. Der aber zahlte die Rechnungen immer später und unzuverlässiger. Nach und nach mussten sie ihre Angestellten entlassen. Und sich selbst immer weiter einschränken. Die Aufträge blieben aus: Die Negativspirale nimmt ihren Lauf. Bald wird das Geld knapp. Sie suchen nach einem Ausweg. Seit 2009 spielten sie ernsthaft mit dem Gedanken, Griechenland zu verlassen.

Irgendwann sehen sie keine andere Möglichkeit mehr: Sie wagen den Neuanfang. Seit Juli dieses Jahres leben sie in einem kleinen Ort bei Esslingen. Vorübergehend in einer Ferienwohnung. Sie suchen aber nach einer richtigen Bleibe. Sozialarbeiter Anestis Moutafidis wird ihnen dabei helfen.

Wie Familie Pános geht es vielen Griechen. Vor allem gut ausgebildete, junge Leute setzen auf die Flucht nach vorn und gehen ins Ausland. "Griechen kommen verstärkt hierher, viel mehr als in den vergangenen Jahren", sagt Migrationsberater Moutafidis. Gerade in Gegenden, in denen schon viele griechische Migranten leben, würden nun wieder Griechen zuwandern. "Sie haben dort einen Anhaltspunkt durch Freunde oder Verwandte, die ihnen helfen können, sich zurechtzufinden", sagt Moutafidis. Gerade Stuttgart, München und Frankfurt seien Auffangbecken für Griechen.

Die Ämter haben von dem Ansturm der Griechen bisher noch nichts mitbekommen. "Die Zahl der arbeitssuchenden Griechen ist seit 2009 nicht auffällig gestiegen", sagt Kerstin Fickus, Pressesprecherin der Bundesagentur für Arbeit der Regionaldirektion Stuttgart. Aufgrund der Freizügigkeit in der Europäischen Union müssten sich die Griechen allerdings nicht bei ihnen melden. Sie schätzt die Chancen der Griechen am Arbeitsmarkt aber nicht besonders gut ein: "Natürlich ist es immer eine Frage der Qualifikation. Aber das Sprachproblem wird sicher eine Hürde sein."

Für die Pános ist alles besser als die Hoffnungslosigkeit in Griechenland. "Klar, das Meer und die Sonne vermissen wir. Aber wenn man Arbeit hat, kann man im Urlaub ans Meer fahren", sagt Athanasia Pános und lächelt bescheiden. Ihre Zukunft sei jetzt hier in Deutschland.

Anestis Mououtafidis (links) erklärt Familie Pános was sie beachten müssen, wenn sie die Anträge der Behörden ausfüllen. Wie die Pános verlassen viele Griechen ihre Heimat und wagen im Ausland einen Neuanfang. Vor allem den Kindern wünschen sie eine bessere Zukunft mit der Chance auf einen guten Job. Foto: jub

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Erstellt:
22. Oktober 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Oktober 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2011, 12:00 Uhr

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