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Interview Fortpflanzungsmedizin

„Eine Zumutung für Betroffene“

Für den Medizinethiker Prof. Dieter Birnbacher von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist klar: Die Fortpflanzungsmedizin braucht in Deutschland bessere Gesetze.

24.06.2019

Von HAJO ZENKER/NBR

Dieter Birnbacher von der Universität Düsseldorf Foto: DGHS/Dörthe Boxberg

Die Rechtsgrundlagen für die Fortpflanzungsmedizin sind fast 30 Jahre alt. Ist der aktuelle Vorstoß der Wissenschaftler, die Politik zu Änderungen zu bewegen, also überfällig?

Dieter Birnbacher : Die Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten wiederholt die Politik zu Änderungen der von den Sachvoraussetzungen her veralteten und auch in ihren ethischen Grundlagen hochumstrittene Gesetzeslage zu bewegen versucht, ohne Erfolg. Grund dafür scheint die Scheu der Politik, einen ideologischen Kulturkampf zu entfachen und den mit Mühe beigelegten Konflikt um die rechtliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs neu aufleben zu lassen.

Eine zentrale Forderung ist, die Eizellspende endlich genauso zu legalisieren wie die Samenspende. Ist das für Sie ein nachvollziehbarer Vorschlag?

Mit dem Verbot der Eizellspende provoziert Deutschland den Reproduktionstourismus nach Österreich, Tschechien und so weiter – in ähnlicher Weise wie in früheren Zeiten den Abtreibungstourismus in die Niederlande. Die Furcht, dass Frauen ausgebeutet werden, ist berechtigt, aber eine gesetzliche Regelung könnte missbräuchliche Praktiken ausschießen, ohne das Verfahren pauschal zu kriminalisieren. Es erscheint absurd, dass gegenwärtig nicht einmal eine Schwester für ihre Schwester eine Eizelle spenden darf.

Auch die soziale Schieflage soll beseitigt und Fortpflanzungsmedizin vollständig zur Kassenleistung gemacht werden.

Zumindest einige – nicht alle – Anwendungen sollten auch weniger wohlhabenden Personen und Familien offenstehen. Vor allem sollte die Präimplantationsdiagnostik, also der Test des durch künstliche Befruchtung entstandenen Embryonen auf schwere Erbkrankheiten, von ihren gegenwärtigen erheblichen rechtlichen Hürden befreit werden, die für die Betroffenen auch persönlich eine Zumutung sind. Ich empfinde die gegenwärtige Praxis, bei der sich die Paare einer hochnotpeinlichen Befragung stellen müssen, als untragbar für eine liberale Gesellschaft.

Und wird es tatsächlich Veränderung geben?

Die gesellschaftlichen Wertüberzeugungen haben sich in den vergangenen 30 Jahren in eine liberalere Richtung weiterentwickelt. Der Einfluss der christlichen Kirchen hat abgenommen und wird wahrscheinlich in Zukunft weiter abnehmen. Das macht ein Überdenken des im internationalen Vergleich ausgeprägt restriktiven deutschen Embryonenschutzgesetzes überfällig.

Hajo Zenker

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Erstellt:
24. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2019, 06:00 Uhr

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