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Projekt

Eine Vesperkirche für Tauben

Seit zehn Jahren kümmert sich Heinz Rittberger um die Vögel im Dachstuhl der Leonhardskirche. Ihre Eier werden durch Attrappen ersetzt.

21.06.2019

Von Rainer Lang

Heinz Rittberger hatte schon als 13-Jähriger Interesse an den Tieren. Damals kaufte er seinem Onkel acht Tauben ab. Foto: Ferdinando Iannone

Weil seine Knie nicht mehr so recht mitmachen wollen, nimmt Heinz Rittberger kaum noch den beschwerlichen Aufstieg zum Dachboden der Stuttgarter Leonhardskirche auf sich. Im Kirchturm führt eine schmale Wendeltreppe mit 60 Stufen nach oben. Dort befinden sich zwei Taubenschläge mit Platz für mehr als 400 Tiere. Der Vorsitzende des Kirchengemeinderats war fast täglich oben, um die Tiere mit Wasser und Futter zu versorgen. Deren Eier werden ständig durch Attrappen ausgetauscht. Für den 82-Jährigen ist dies im Sinne des Tierschutzes ein wichtiger Beitrag zur Eindämmung der Taubenplage.

Genau vor zehn Jahren initiierte Rittberger die Taubenbetreuung in der Leonhardsgemeinde als Teil des Stadttaubenprojekts. Damit war der Inhaber von „Seifen Lenz“ im Bohnenviertel Vorreiter in Stuttgart. 2009 entstand hier der zweite von heute etwa einem Dutzend Taubenschlägen, die im Stuttgarter Stadtgebiet verteilt sind. Bis heute ist die Leonhardsgemeinde die einzige Kirchengemeinde, die sich an dem Projekt des Tierschutzvereins Stuttgart unter Federführung der Taubenbeauftragten Silvie Brucklacher-Gunzenhäuser beteiligt.

Rittberger sieht gerade die Leonhardskirche in dieser Sache in der Pflicht. Er erinnert an den 1837 verstorbenen Christian Adam Dann. Das Anliegen des Pfarrers war es, die Menschen für den Tierschutz zu gewinnen. Danns Amtsbruder an der Leonhardskirche, Albert Knapp, gründete wenige Monate nach Danns Tod den ersten Tierschutzverein Deutschlands. „Wir haben einmal im Jahr die Vesperkirche für die Menschen unten in der Kirche und das ganze Jahr über Vesperkirche für die Tauben oben im Dachstuhl“, scherzt Rittberger.

Zehn Jahre hatte der rührige Geschäftsmann gebraucht, um seine Kirchengemeinde vom Nutzen des Projekts zu überzeugen. Als der Sturm „Lothar“ 1999 das Kirchendach beschädigte, hatte Rittberger bei der Besichtigung des Schadens den Dachstuhl als geeigneten Ort für einen Taubenschlag eingeschätzt. Mit Unterstützung des damaligen Dekans Hans-Peter Ehrlich hat er schließlich alle in der Kirchengemeinde auf seine Seite bringen können.

Ein wichtiges Argument sei gewesen, dass die Stadt Stuttgart die Kosten für die Einrichtung des Schlags übernommen hat, erinnert er sich. Die Betreuung organisiert der Tierschutzverein Hand in Hand mit der Kirchengemeinde. Mitarbeiter der Caritas liefern das Futter an und entsorgen den Kot, immerhin eine Tonne im Jahr. Rittbergers Sohn Matthias weiß, dass dies ein Knochenjob ist. „Ich habe auch schon 25 Kilo schwere Futtersäcke die enge Wendeltreppe des Kirchturms hochgeschleppt“, erzählt der ausgebildete Kaufmann, der das 1785 gegründete Drogeriegeschäft mithilfe von Familienmitgliedern heute führt.

Trick aus Zoohandel abgeschaut

Sein Vater hat schon früh die Liebe zu den Tauben entdeckt. Als 13-Jähriger hat er seinem Onkel acht Tauben abgekauft, um sie vor dem Schlachten zu retten. Schnell sind daraus 50 Tiere geworden. Das wäre so weitergegangen, wenn er nicht in einem Zoogeschäft auf den Trick mit den falschen Eiern gestoßen wäre, um die Vermehrung der Tiere zu stoppen. „Damals haben wir die Eier natürlich gegessen“, erzählt Rittberger.

Weil sie sich so stark vermehren, sind Tauben in der Stadt zum Ärgernis geworden. Die Tiere haben nach Ansicht Rittbergers zu Unrecht einen schlechten Ruf. Auch nach Einschätzung von Experten gehe von ihnen kein Gesundheitsrisiko aus. „Durch Abwehr- und Vergrämungsanlagen wie Taubennetze oder Spikes wird das Problem lediglich verlagert“, sagt er. „Nur durch die fundierte Arbeit innerhalb des Stadttaubenprojekts kann auf tierschutzgerechte Weise für eine gesunde und vor allem nachhaltig rückgängige Taubenpopulation im Stadtgebiet Stuttgarts gesorgt werden“, gibt Rittberger zu bedenken.

Nachdem der erste Taubenschlag eingerichtet war, platzte er innerhalb kürzester Zeit aus allen Nähten. Deshalb folgte 2011 ein zweiter Schlag im Dachstuhl. Von Beginn des Projekts bis Ende 2018 wurden genau 13 074 Eier ausgetauscht. In diesem Jahr sind es schon mehr als 500. Die Zahlen werden im Kalender genau erfasst und der Stadt gemeldet. „Tauben sind wunderschöne, soziale und äußerst intelligente Tiere“, schwärmt Rittberger, während er trotz schmerzender Knie wieder einmal zu seinen Schützlingen hochsteigt.

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Erstellt:
21. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2019, 06:00 Uhr

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