Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Lehrer für das Schöne im Leben

Eine Tübinger Abiturientinnenklasse von 1955 erinnerte sich an ihren Kunsterzieher August Lust

Sie kamen 1946 ans Wildermuth-Gymnasium, und alle mochten den Kunstlehrer August Lust. Über sein Leben und seine Bilder erfuhr die Mädchenklasse von einst erst am Samstagmittag im Stadtmuseum mehr.

18.10.2015
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Der Zweite Weltkrieg war noch sehr nah, als Ursula Welz-Asmus und ihre Mitschülerinnen vor 60 Jahren am Wildermuth-Gymnasium Abitur machten. „Viele haben den Vater verloren“, sagte die langjährige Pfrondorfer Allgemeinmedizinerin. Zwei Väter wurden 1955 noch vermisst. „Unsere Mütter haben uns durchgebracht. Obwohl sie häufig noch in Trauer waren.“

In der Klasse saßen nicht nur Einheimische, es gab Schülerinnen aus Schlesien oder Siebenbürgen. „Manche hatten bei der Flucht alles verloren“, so Welz-Asmus. Für die einstigen Wildermuth-Schülerinnen war ihre Schule ein Ort, wo sich eine Zukunft jenseits von Nationalsozialismus und Krieg öffnete, vor allem in „dem wunderbaren Fach Kunst und unserem Lehrer August Lust. Er hat versucht, uns das Schöne im Leben nahezubringen“. In den kargen Nachkriegsjahren fehlte genau das: „Die Umstände waren schlecht. Man hat kata-strophal gewohnt, teilweise in zwei Zimmern mit vier Kindern.“

Der beliebte Kunsterzieher arbeitete von 1940 bis 1957 am Wildermuth-Gymnasium. Er kannte die Schule von seiner Zeit als Assessor 1926 bis 1929, nach seinem Studium an der Kunstakademie Stuttgart. Dass der 1964 verstorbene Lehrer („unser hochverehrter Papa Lust“) auch künstlerisch tätig war, wussten die Schülerinnen nicht. Am Samstag bekamen sie erstmals Bilder und Zeichnungen des 1964 verstorbenen Kunsterziehers zu sehen, darunter stimmungsvolle Tübinger Ansichten: ein Aquarell vom Stauwehr an der Bismarckstraße, mit Grüntönen, die scheinbar über dem Wasser schweben. In einer Zeichnung der Alten Aula oder einem Holzschnitt der Tübinger Altstadtgiebel scheint eine versunkene Zeit wieder aufzusteigen. Mittlerweile werden sie im Stadtmuseum aufbewahrt. Ein kleines Bildchen stammt aus dem Ersten Weltkrieg, als August Lust in russische Gefangenschaft geraten war: geduckte Häuschen im Schnee, die zeltähnlichen Dächer tief herabgezogen, vor einem dunkel schraffierten Horizont.

Seine Tochter Oda Lust schilderte den einstigen Abiturientinnen das Leben ihres Vaters. Geboren am 2. Juni 1893, war er das jüngste von acht Geschwistern einer Lehrerfamilie. Die Kindheit von August Lust war nicht einfach, denn die Eltern starben früh. „Aber man hat seine Begabung erkannt.“ Er kam aufs Lehrerseminar in Nürtingen und erhielt die fundierte Ausbildung in allen Fächern, für die die württembergischen Volksschullehrer bekannt gewesen seien.

Als der junge Lehrer 1918 doch noch in den Ersten Weltkrieg eingezogen wurde, geriet er in der Ukraine in russische Gefangenschaft. Er war verwundet durch einen Schrapnellschuss am Bein, sei aber in den russischen Krankenhäusern gut versorgt worden, berichtete die 84-jährige Tochter. Wiederhergestellt, musste er in einem Walzwerk arbeiten und in einer Ziegelei. Auch unter diesen Bedingungen versuchte der kunstsinnige Pädagoge zu zeichnen. Doch Papier war knapp. Also fertigte er Porträts von Kameraden und Aufsehern, bekam ein paar Kopeken und konnte sich wieder Zeichenmaterial besorgen. Auch ein Tagebuch mit zahlreichen Skizzen hat sich aus diesen Kriegsjahren erhalten, das inzwischen im Deutschen Tagebuch-Archiv in Emmendingen lagert.

In den Wirren der Russischen Revolution konnte Lust sich absetzen in eine deutsche Kolonie im Schwarzmeergebiet. Weil es dort noch keine festen Schulgebäude gab, reiste er von Familie zu Familie und wurde von diesen auch versorgt. „Es waren wohlhabende Bauern“, sagte Oda Lust. Im Zuge der Revolution sei ihnen alles gestohlen und zertrümmert worden. Ihr Vater habe sich noch Goethes ,Italienische Reise’ aus einem Regal holen können. „Da hat er sich sehr gefreut.“ Von einer Familie habe er zwei wunderbare Alabasterleuchter bekommen. „Die hatten im Advent einen besonderen Platz in unserer Wohnung. Da haben wir immer an die Russlanddeutschen gedacht.“

1918 kehrte Lust zurück und wurde gleich wieder Seminarlehrer, erst in Backnang, dann in Esslingen. Dort stellte er mit seinem älteren Kollegen Freytag den sogenannten „Formenschatz der Heimat – Hilfe für Lehrer und Eltern beim bildhaften Darstellen“ zusammen, der schnell zum unverzichtbaren Handbuch für die württembergischen Volksschullehrer geworden sei, so die Tochter. Auf der Seite „Wald“ finden sich beispielsweise Zeichenvorlagen für Eichhörnchen (das ganze Tier im Sprung oder nur der Kopf) und Feldhase. Zum Wasser gehören Schwan, Ente, Fisch und Reiher.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieg wurde Lust erneut eingezogen – zum sogenannten Volkssturm, berichtete die Tochter. An Pfingsten 1945 kam er nach Tübingen zurück und half in Volksküchen und anderen sozialen Projekten, bis die Schule wieder anfing.

Eine Tübinger Abiturientinnenklasse von 1955 erinnerte sich an ihren Kunsterzieher August Lust
Vor den Bildern von Kunstlehrer August Lust: Ursula Welz-Asmus (ganz links) und ihre einstigen Mitabiturientinnen mit Lust-Tochter Oda (vorne, dritte von rechts) am Samstag im Stadtmuseum.Bild:Sommer

Eine Tübinger Abiturientinnenklasse von 1955 erinnerte sich an ihren Kunsterzieher August Lust
So sahen sie vor 65 Jahren aus: die Wildermuth-Schülerinnen im Jahr 1950.Repro:Sommer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

18.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Gästeführer (1): Manfred Bayer Ein Gedicht ist immer dabei
Renate Angstmann-Koch über Gästeführerinnen und -führer Tübingen-Liebhaber und Menschenfreunde
Konzert: Von Wegen Lisbeth Gefährder im Weinberg
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular