Aufführung

Eine Reise durchs Innere des Hauses

„Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“: Stuttgarts Staatstheater melden sich zurück mit einem famosen Dreisparten-Rundgang von Monteverdi bis Beckett.

06.06.2020

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Der Parcours führt die Besucher durch den gesamten Gebäudekomplex des Stuttgarter Staatstheaters. Sogar die Garderobe wird zum Spielort für eine Szene aus Büchners „Leonce und Lena“. Die Zuschauer sitzen mit Sicherheitsabstand davor. Foto: Bernhard Weis

Stuttgart. Unglaublich, wie kreativ derzeit auf Bühnen-Websites gestreamt und gebloggt wird. Karlsruhe bietet Filmchen unter dem Motto „Staatstheater at Wohnzimmer“ an, auf Mannheims Theater-Homepage kann man Beethovens Neunte im Karaoke-Modus krähen – der anklickbare Korrepetitor begleitet schwungvoll am Klavier. In Konstanz singt der Intendant höchstselbst „Das kann doch nicht alles gewesen sein“. Und das Schauspielhaus Zürich bietet virtuelle „Lockdown-Essays“. Die Stuttgarter Staatstheater melden sich nun auch live zurück – mit einem von allen drei Sparten gemeinsam gestalteten Parcours: Ballett, Oper und Theater. 75 Minuten dauert der Stationen-Rundgang unter dem bei Shakespeare entlehnten Titel „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“.

Und gleich vorweg: Zu Corona-Zeiten erhalten die Besucher dafür keine Karten an der Kasse, sondern Slots. Zeitfenster also, innerhalb derer jeweils ein limitiertes Zuschauergrüppchen den Parcours absolviert. Selbstverständlich mit der gebotenen Distanz. Geht das überhaupt? Es geht. Und wie!

Diskret geführt von einer Reiseleiterin, dürfen maximal jeweils vier Besucher den Gebäudekomplex erwandern und auskundschaften, von der Unterbühne des Schauspielhauses bis hoch in den III. Rang der Staatsoper. So wuselt man treppauf, treppab durch Gänge und Schleichwege, vorbei an Flucht- und Rettungsplänen, vorbei an eingemotteten Kulissen, um immer wieder Halt zu machen – an insgesamt zwölf szenischen Stationen.

Was da alles aufgeboten wird, ist enorm. Es gibt prachtvolle Momente, wenn etwa das Corps de ballet in der Stallgasse mit einem Ausschnitt aus Prokofjews „Romeo und Julia“ ins Verona der Renaissance zurückbeamt – in der legendären Choreografie von John Cranko. Aber auch intime Augenblicke, wenn Therese Dörr im Lila Salon aus Max Frischs „Gantenbein“ rezitiert – wer mag, kann ihr dank einer Trennscheibe ganz nahe kommen und sich so ein Blickkontakt-Erlebnis nach Art der Abramovic-Performances verschaffen. Dass jede dieser Extravorstellungen nur jeweils höchstens vier Zuschauern gewidmet ist, steigert den Charme dieses Rundgangs, auch wenn der Applaus nicht ganz so prasselnd tönt wie im vollen Saal.

Zudem erhalten die Besucher Zugang zu Orten, die sie sonst nie zu Gesicht bekommen. Irgendwo im Bauch des Staatstheater-Komplexes zeigen André Jung und Sylvana Krappatsch, wie schwebeleicht und heiter Becketts postapokalyptische Dialoge beim „Warten auf Godot“ gerade zu Pandemiezeiten klingen können.

Zuschauer sitzen auf der Bühne

Ein paar Stationen weiter gelangt man in eine düstere Black Box mit einem Flügel und einem Pianisten, der aus einem Trancezustand erwacht und alsbald das Liebestod-Finale aus Wagners „Tristan und Isolde“ an den Tasten aufrauschen lässt: ein starker Auftritt von Chefdirigent Cornelius Meister. Später nehmen die Besucher mitten auf der Bühne Platz und lauschen dem Opernchor, der im Zuschauersaal corona-kompatibel mit Abstand Brahms intoniert. Irgendwann geht die Reiseleiterin voran in die verlassene Opern-Kassenhalle. Dort findet man mit umgestürzten Sesseln, verwehtem Laub und einem roboterhaft agierenden Kartenabreißer ein wehmütiges Zeitstillstands-Szenario vor, das an Christoph Marthalers Wartesaal-Ästhetik erinnert und vom gespenstischen Theater-Shutdown erzählt. Am Ende führt der von Schauspielchef Burkhard C. Kosminski inszenierte Parcours wieder ins Freie, wo Diana Haller Monteverdis „Lasciate mi morire“ anstimmt – große Oper auf der Baustelle des Innenhofs.

Zu den Spezialmomenten dieser Reise gehört auch eine Drehbühnenfahrt, vorbei am gähnend leeren, aber voll erleuchteten Schauspielsaal samt funkelnder Sound- und Lichtinstallation.

Alles in allem: ein ebenso kurzweiliger wie faszinierender Parcours, der wieder daran erinnert, was wir monatelang schmerzlich vermisst haben – die Kultur. Kein noch so pfiffiges Videoformat kann da mithalten.

Tänzerin Anna Osadcenko tanzt in der Wandelhalle der Oper das Tanz-Solo „Der sterbende Schwan“. Foto: Bernhard Weis

Hedwig Gruber spielt während einer Probe zu dem Theaterparcours „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind“ des Staatstheaters Stuttgart auf der Viola. Foto: Bernhard Weis

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Erstellt:
6. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Juni 2020, 06:00 Uhr

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