Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Roman

Eine Jugend im Schatten Saddams

Abbas Khider schreibt über das Erwachsenwerden im Irak und die Kraft der Literatur: düster und persönlich.

06.03.2020

Von KATRIN STAHL

Palast der Miserablen. Hanser Verlag, 320 Seiten. 23 Euro. Foto: Carl Hanser Verlag

Herzliche Hölle. So heißt der kleine Ort im Süden des Irak, in dem Shams Hussein aufwächst. Es ist die Zeit der Golfkriege. Die Familie flieht nach Bagdad, findet im so genannten Blechviertel ein neues Zuhause. Damit beginnt ein Leben am Existenzminimum – und eine Coming-of-Age-Geschichte der düsteren Sorte.

Ruhig und schnörkellos erzählt der deutsch-irakische Autor Abbas Khider in seinem fünften Roman „Palast der Miserablen“ von einer Kindheit und Jugend im Schatten Saddam Husseins. Sein Protagonist Shams ist kein Held, sondern ein ganz normaler Junge – dem jedoch zum Erwachsenwerden keine Zeit bleibt. Nach der Schule verkauft er Plastiktüten, arbeitet als Lastenträger und schlägt sich in den Slums durch. Trost und Halt findet der Junge aus der bildungsfernen Schicht ausgerechnet in der Literatur. Auf dem Basar kauft er sein erstes Buch: „Erotische Storys“ von Alberto Moravia. Von da an ist es um ihn geschehen: „Shams, die kleine Leseratte aus Schrottstadt, hatte sein Schlaraffenland gefunden.“ Er schließt sich dem „Palast der Miserablen“ an, einer geheimen Gruppe regimekritischer Literaturliebhaber. Doch eine eigene Meinung hat in dem vom Handelsembargo gebeutelten Land ihren Preis.

Als Flüchtling nach Deutschland

Abbas Khider ist selbst in Bagdad aufgewachsen. Mit 19 Jahren wurde er wegen politischer Aktivitäten verhaftet, musste ins Gefängnis. Nach mehreren Jahren als illegaler Flüchtling kam er im Jahr 2000 nach Deutschland. Wie viel Khider im Jungen aus dem Armenviertel steckt? Das bleibt unbeantwortet.

Nicht alles in diesem Buch ist dunkel. Mit kleinen, teils etwas belanglosen Anekdoten sorgt der Autor sogar für lustige Momente. Wenn die Mutter plötzlich zur Wahrsagerin wird oder die hübsche Schwester Qamer Schlägertypen das Fürchten lehrt. Doch Khider will nichts beschönigen, und vor allem will er seine Leser nicht schonen. Immer wieder wird die Handlung durch Szenen aus einem Kerker unterbrochen. Ein Happy End wird es für den oft so passiv wirkenden Protagonisten nicht geben. Ihm beim Scheitern zuzusehen schmerzt.

„Das war mein Irak, hier gab es keine Liebesromane“, muss auch Shams schließlich erkennen. Der Satz bleibt in Erinnerung. Ebenso wie das gesamte Buch. Eindringlich, realistisch und dabei sehr persönlich. Katrin Stahl

Zum Artikel

Erstellt:
6. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. März 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+