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Eine Ikone unter Spitzelverdacht
Hat der Solidarnosc-Führer Walesa einst mit dem kommunistischen Geheimdienst kooperiert? Foto: dpa
War Friedensnobelpreisträger Lech Walesa "Agent Bolek"?

Eine Ikone unter Spitzelverdacht

Muss die Geschichte der Demokratiebewegung in Polen umgeschrieben werden? Der ehemalige Solidarnosc-Führer Lech Walesa gerät unter Spitzelverdacht. Eine Stimme aus dem Grab klagt an.

19.02.2016
  • EVA KRAFCZYK, DPA

Warschau. Lügen, Geheimnisse und Anschuldigungen: Der lange Schatten der kommunistischen Vergangenheit sorgt in Polen für Aufregung. War ausgerechnet Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, Führer des legendären Streiks der Danziger Arbeiter, Gründer der Gewerkschaft Solidarnosc, als "Agent Bolek" ein Spitzel des kommunistischen Sicherheitsapparates?

Das Privatarchiv des einstigen Innenministers General Czeslaw Kiszczak scheint Walesa zu belasten. Kiszczak, dem wegen der blutigen Niederschlagung des Streiks der Werftarbeiter im Dezember 1979 und dem brutalen Einsatz gegen streikende Bergarbeiter während des Kriegsrechts der Prozess gemacht wurde, war im vergangenen November gestorben.

Der General, der 1989 mit Walesa und anderen Oppositionellen am Runden Tisch den friedlichen Rückzug der polnischen Kommunisten von der Macht verhandelte, scheint eine Altersvorsorge der besonderen Art getroffen zu haben. In einem Schrank bewahrte er Aktenpakete auf - Notizen, maschinengeschriebene Seiten, Fotografien.

Seiner Frau soll Kiszczak geraten haben, sich damit im Fall eines finanziellen Engpasses an das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) zu wenden - jene Behörde, die für die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit zuständig ist und dazu über staatsanwaltliche Vollmachten verfügt. "Mein Mann hat gesagt, man müsse die Dokumente zum Wohle von Walesa, der doch ein Nationalheld ist, schützen", sagte Maria Kiszczak.

Was Ermittler des IPN nun aus dem Schrank zutage förderten, hat Brisanz: "In einer Akte war ein handgeschriebener verschlossener Umschlag vom April 1996 an den Leiter des Zeitgeschichtlichen Archivs", sagte IPN-Direktor Lukasz Kaminski. Der Brief, der nie abgeschickt wurde und von Kiszczak eigenhändig unterschrieben worden sei, enthalte die Verpflichtung Walesas als Geheimdienstmitarbeiter mit dem Decknamen "Bolek".

Die Beschuldigungen sind nicht neu, seit Jahren gab es Behauptungen, Walesa habe falsche Angaben über seine Vergangenheit gemacht. Doch nun ist eine Verpflichtungserklärung da, gewissermaßen als Stimme aus dem Grab Kiszczaks.

Der Gewerkschaftsführer und Ex-Präsident stritt vor Gericht um seinen guten Namen und bekam 2000 in einem Urteil Recht. Allerdings heizte er die Gerüchteküche an, als er einräumte, er habe in den 70er Jahren, als noch unbekannter Werftarbeiter und Teilnehmer des Streiks vom Dezember 1970, "irgendetwas unterschrieben".

Alte Weggefährten stärken ihm nun den Rücken. Kiszczak habe als Chef des Sicherheitsapparates Material zur Diskreditierung der Opposition gesammelt.

Die Frage bleibt, warum die Dokumente, die noch untersucht werden müssen, gerade jetzt auftauchen. Den regierenden Nationalkonservativen kommen die Anschuldigungen gelegen. Sie fordern seit jeher die scharfe Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit.

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19.02.2016, 08:30 Uhr
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