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Johannes Schmid hat sein Buch „Semsakrebsler gibt’s nicht mehr“ vorgestellt

Eine Hommage an die Weingärtner am Oberen Neckar

Als er von Tübingen weg war, in Berlin, erwachte in Johannes Schmid das Interesse am Weinbau der alten Heimat. Immer wieder kam er zurück, hat recherchiert und fotografiert. Jetzt ist ein Buch daraus geworden, das er am Samstag in der Müllerschen Besenwirtschaft in Unterjesingen vorstellte.

25.10.2015
  • Fred Keicher

Unterjesingen. „Semsakrebsler gibt’s nicht mehr“ ist ein Buch über Menschen geworden. Viele der Portätierten waren bei der Präsentation anwesend. Der 90-jährige Adolf Hecht aus Reutlingen saß mit der Prinz-Heinrich-Mütze als Ehrengast in der Runde. Er und seine Besenwirtschaft hieß schon vor 30 Jahren der „alte Hecht“. Die legendären Tübinger Besenwirte fehlten. Albert Berthold ist vor drei Jahren gestorben, Elfriede Berthold war erkrankt.

„Das Weinbaugebiet Oberer Neckar ist vor allem ein menschliches Sammelsurium, das seine Hänge bereitwillig aufnimmt“, schreibt Schmid. Da ist Christian Gugel, von dem Schmid schreibt, „jugendlicher Leichtsinn sei es gewesen, der ihn dazu bewogen hat, nach der Weinbaugesellenprüfung mit 20 Jahren ein Jobangebot in Südafrika auszuschlagen. Das stürmische Gefühl, das Menschen seines Alters normalerweise hinaus in die Welt treibt, hat ihn interessanterweise auf der Scholle gehalten: Ich dachte, dass man zuhause unbedingt was machen muss.“

Manche, über die Schmid schreibt, sind fast zufällig zum Weinbau gekommen. Eberhard Staiger war Manager in der IT-Branche, zog im Ruhestand auf den Tübinger Österberg und pflanzte 40 Stöcke der Sorte Regent: „78 Euro müsste ich für eine Flasche nehmen, wenn ich kostendeckend arbeiten wollte.“ Die Geowissenschaftler Sabine Koch und Stefan Haderlein kamen von der Universität Zürich nach Tübingen, entschieden sich für das Wohnen in Unterjesingen. Jetzt haben sie einen florierenden Öko-Weinbau. In der Rottenburger Ehehalde bewirtschaftet Hermann Sambeth mit seiner alten Handballmannschaft einen Weinberg: „Wir wollten endlich was Richtiges machen“, verriet er am Samstag.

Manches verzeiht der Weinberg, schreibt Schmid. Margit Sieß, eine studierte Biologin aus Wurmlingen, zitiert ihren Vater: „Wenn man sich am Stock verschneidet, macht das nichts. Im nächsten Jahr wächst ein neuer Trieb.“ Mancher erlebt seine Nächsten ganz anders. Eberhard Staiger berichtet, wie er seine Frau eingeladen hat, die schönen Trauben in seinem Wengert zu besichtigen. Die Antwort: „Ich habe sie doch schon letztes Jahr gesehen.“ Manche machen Erfahrungen mit Katastrophen kosmischen Ausmaßes. „Den biologischen Säureabbau zum Beispiel kann man überhaupt nicht richtig beeinflussen“, sagt Edwin Kessler. „Was da chemisch passiert, ist wie ein havariertes Atomkraftwerk, bei dem du den GAU nicht mehr verhindern kannst.“

Am Samstag war ein wichtiges Thema der Rausch, der ehrliche und ehrenvolle Rausch. Neun Schoppen, geht die Legende, habe Adolf Hecht trinken können. Und wurde zu Hause von seiner Frau begrüßt mit den Worten: „Des hasch wieder nobracht.“ Die Treppen in den Besenwirtschaften wurden im seligen Rausch zur Herausforderung. Plastisch schildert Schmid die lange steile Treppe zur Bertholdschen Besenwirtschaft in der Tübinger Kelter, mit dem scharfen Knick unten an der Straße. „Einer hat mal sein halbes Hirn daglasse“, erzählte Elfriede Berthold dem Autor.

Vor 15 Jahren zog es den jetzt 52-jährigen Schmid nach Berlin, wo er als Filmproduzent und Journalist arbeitet. Vor etwa sechs Jahren fing er mit der Arbeit an dem Buch an. Der Tübinger Wein sei eine positive Überraschung gewesen, „weil die Erwartungen sehr niedrig waren“. Verändert hätten sich auch die privaten Konsumgewohnheiten, berichtete Schmids Lebensgefährtin Suse Weber. „Wir trinken in Berlin Tübinger Wein und wir laufen den Wengertern nach. Das macht in Berlin sonst keiner.“

Die Zukunft des Weins am Oberen Neckar sieht Schmid optimistisch. „Die Wengerter haben einen Betriebsgrößenvorteil. Weil sie so klein sind, sind alle viel beweglicher. Die hauen schon eher mal einen Spätburgunder raus und pflanzen eine pilzwiderstandsfähige Sorte. Das geht hier viel schneller.“

„Gut gemacht!“, rief einer am Samstag zum Schluss der Buchpräsentation. Das Lob kam von Vater Eugen Schmid, dem Tübinger Ex-Oberbürgermeister. Johannes Schmid musste noch viele Bücher signieren.

Info Bestellungen nur im Internet über www.semsakrebsler.de. Das Buch kostet 30 Euro.

Eine Hommage an die Weingärtner am Oberen Neckar
Johannes Schmid stellte sein Buch „Semsakrebsler gibt’s nicht mehr“ vor, in dem es um die Tübinger Wengerter geht. Bild: Faden

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25.10.2015, 12:00 Uhr
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