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Eine Herkules-Aufgabe
"Willkommensklassen", "Vorbereitungsklassen" oder "Förderklassen"? Die Begriffe unterscheiden sich bundesweit, doch dass der Erwerb der deutschen Sprache entscheidend für die Integration von Zuwanderern ist, gilt als unumstritten. Dieses Bild wurde an einer Schule in Brandenburg aufgenommen. Foto: dpa
Wie die 16 Bundesländer Integration durch Bildung erreichen wollen

Eine Herkules-Aufgabe

2016 steht ein bildungspolitischer Kraftakt an: Rund 300 000 Migrantenkinder kommen an deutsche Schulen. Ihre Eingliederung und Förderung wird entscheidend für die Integration insgesamt.

30.12.2015
  • U. MOMMSEN-HENNEBERGER WERNER HERPELL, BEIDE DPA

Berlin. "Wir können auch anders" - der Filmtitel passt zur Reaktion der 16 Bundesländer auf die enorme Herausforderung durch einige hunderttausend Migrantenkinder, die 2016 an deutsche Schulen kommen werden: Sonderprogramme in oft zweistelliger Millionenhöhe, zügige neue Unterrichtsangebote, unbürokratisches Vorgehen und ein intensives Werben um Lehrer - so versuchen die Ressortchefs, das in einer UN-Konvention verankerte Recht auf Bildung umzusetzen. Das geht aus einer Umfrage unter den Bildungsministerien hervor.

Klar wird dabei aber auch: Die Länder haben keine abgestimmte Strategie. So fordert eine Expertenkommission der Robert-Bosch-Stiftung eine bundesweite Schulpflicht für Flüchtlingskinder - die gibt es bisher nicht überall. Gewerkschaften rufen dazu auf, verstärkt auch ausscheidende oder ehemalige Pädagogen zu gewinnen, um den Lehrermangel zu mildern.

Der Chefkoordinator der Pisa-Bildungsstudien, Andreas Schleicher, mahnt, Deutschland müsse rasch politische Weichen stellen, um die Migrantenkinder gut einzugliedern. "Die Sprache des Ziellandes zu vermitteln, vor allem das muss geleistet werden, und zwar in relativ kurzer Zeit." Die Herkules-Aufgabe für rund 300 000 neu ins Land gekommene Flüchtlingskinder erschwert, dass diese oft weder Deutsch beherrschen noch die lateinische Schrift. Sie stammen aus gegensätzlichen Kulturen, haben verschiedene Muttersprachen, sind unterschiedlich alt, oft traumatisiert, verbringen Monate ohne Unterricht in Erstaufnahmeeinrichtungen. Viele leben in Massenunterkünften, Zelten oder Turnhallen und werden plötzlich anderen Orten zugewiesen. Wie soll da geregeltes Lernen möglich sein?

Es gibt schon viele Beispiele für den Umgang mit der Bildungsintegration. Viele Länder organisieren vermehrt Lehrerfortbildungen für "Deutsch als Zweitsprache" (DaZ). Zunehmend wird auch Supervision für extrem belastete Pädagogen angeboten. Im vorschulischen Bereich geht etwa Sachsen mit "Willkommens-Kitas" besonders auf die Bedürfnisse der Asylbewerberfamilien ein. Länder wie Bayern oder Hamburg starten Berufsausbildungsprojekte für jugendliche Flüchtlinge.

Umstritten ist, ob "Willkommensklassen" Sinn machen oder umgehende Eingliederung in Regelklassen. In den meisten Ländern lernen die Kinder erst in Vorbereitungsklassen Deutsch, unterrichtet von Ehrenamtlichen, angehenden oder pensionierten Lehrern. Dagegen besuchen sie etwa in Rheinland-Pfalz gleich Regelschulen und haben Deutschstunden extra. In Bayern gibt es gemischt besetzte "Übergangsklassen". Laut Pisa-Experte Schleicher sind Kurse, in denen Migrantenkinder unter sich sind, für schnellen Spracherwerb auf Dauer "keine gute Lösung". Wer etwa gute Mathe-Kenntnisse mitbringe, habe damit in einer Regelklasse rasch Erfolg und lerne dann im Kontakt mit deutschen Schülern die Sprache.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte, in den Willkommensklassen lägen "hohes Engagement und große Frustration sehr nah beieinander wegen des Drehtüreffektes. Es kommt auch keine Verbindung zustande zwischen den Lehrern an verschiedenen Standorten." Meidinger geht davon aus, dass nicht mal die Hälfte der Kinder an Regelschulen angekommen ist - und dass bis zu 80 000 unregistriert sind. Ohne zusätzliche Lehrer entstehe "eine riesige Bedarfslücke".

Fest steht eines: Es wird teuer. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, sagt: "Unsere Formel lautet: Auf 100 000 neue Schüler braucht man 8250 neue Lehrer." Die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte im Oktober, noch auf Basis geringerer Asylbewerberzahlen, die Gesamtkosten der Länder für die Schulbildung von Flüchtlingskindern 2014/15 auf mindestens 2,3 Milliarden Euro beziffert.

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30.12.2015, 08:30 Uhr
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