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Revolte!

Eine Geschichte von Won und Cowboy

Die unterschiedlichen Lebenswege zweier Münchner Sprayer-Legenden stehen im Mittelpunkt einer großen, ausgezeichnet gemachten Street-Art-Ausstellung in einer alten Balinger Fabrikhalle.

11.07.2019

Von Claudia Reicherter

Innenansicht der Ausstellung „Revolte!“ in der Schwelhalle in Balingen-Frommern. Foto: Claudia Reicherter

Balingen. Markus Müller meditiert morgens eine dreiviertel Stunde. Was Selçuk Nergiz da macht, wissen wir nicht. Müller nennt sich seit mehr als 30 Jahren als Künstler „Won ABC“, Nergiz ist bekannt unter dem Namen „Cowboy 69“ – in Street-Art-Kreisen gelten die beiden als Götter. Denn zusammen mit Vince, Mosart, Cash und Crash – auch die haben bürgerliche Namen und gehen heute zumeist unauffälligen Berufen wie Tourismusbeauftragter oder Museumstechniker nach – haben Won ABC und Cowboy 69 im Jahr 1988 in München eines der ersten deutschen Graffiti-Kollektive gegründet: die ABC Crew.

Die Buchstaben stehen für „Art Bombing Clan“. Wobei „Bombing“ nichts mit Massenvernichtungswaffen zu tun hat, sondern im Graffiti-Jargon das geballte Verteilen von „Tags“ und „Pieces“, Namenskürzeln und Graffito-Motiven, im Viertel bedeutet.

Markus Müller alias Won ABC (51) ist heute ein international gefragter Graffiti- und Comic-Künstler sowie Grafiker. Foto: Claudia Reicherter

Als 15-Jährige sind Won und Cowboy vom US-Spielfilm „Wild Style!“ fasziniert, beginnen selbst zu sprühen, erkennen, dass sie sich mit ihren jeweiligen Schwerpunkten auf figürlichen (Müller) beziehungsweise kalligrafischen Graffiti (Nergiz) perfekt ergänzen. Und fühlen sich schon bald wie Zwillingsbrüder. Mit ihrer Crew verwandeln sie ganze Züge in „Drei-Stunden-Produktionen“ in fantasievolle, aufsehenerregende City-Würmer. „Schablonen und Stencils waren was für Feiglinge“, sagt der heute 51-jährige Markus Müller. „Da bist halt ganz schnell da und genauso schnell wieder weg.“ Nach zehn Jahren trennen sich die Wege des blonden und des dunkelhaarigen Jungen: „Seit 1997 hab' ich kaum mehr Kontakt zu ihm“, sagt Markus Müller über Selçuk Nergiz.

In den 90ern wurde der vielbewunderte „Styleking“ Cowboy 69 von einer Europa flutenden „Heroinschwemme“ mitgerissen. „Die Droge hat seinen Charakter verändert“, sagt Won. „Und man hilft Heroinabhängigen eigentlich nur, indem man sich von ihnen distanziert.“

Wons ehemaliger ABC-Crew-Kompagnon Cowboy 69 ist bei der Ausstellung nicht persönlich anwesend, da der 50-Jährige in München geborene Türke derzeit im Gefängnis eine Haftstrafe absitzt. Zu Wort kommt er bei „Revolte!“ jedoch in Interviews aus einem Dokumentarfilm, der gerade entsteht. Foto: Claudia Reicherter

Der Sohn eines Ministerialbeamten ist heute ein braungebrannter Mann in farbverschmierten Cargo-Hosen und selbstdesigntem T-Shirt mit dem ans AC/DC-Bandlogo angelehnten Aufdruck „ACAB“ – das steht bei ihm als Tierschützer in Abwandlung der englischen Abkürzung für „alle Bullen sind Schweine“ für „All Chicken Are Beautiful“. Ende Juni verbrachte er zwei Wochen im Zollern-Alb-Kreis. Er spielt die Hauptrolle in einer rundum gut gemachten Ausstellung in der Schwelhalle eines ehemaligen Ölschieferwerks im Balinger Teilort Frommern. Dazu hat er – von vielen Besuchern aufmerksam verfolgt – die Fassade mit einem riesigen Drachen verziert und sich in Diskussionsrunden mit Kurator Roman Passarge deren Fragen gestellt. Die zweite Hauptrolle in der von Frank Türke, dem Chef einer Werbeagentur und Messebaufirma, initiierten „Revolte! – Creative Urban Art“-Schau spielt Cowboy 69. Der war bislang in Frommern aber nicht zu Gast. Und kommt trotz der beträchtlichen Ausstellungsdauer von drei Monaten wohl auch nicht mehr.

Der 50-jährige mehrfache Vater sitzt im Gefängnis. Mal wieder. Nicht wegen Sachbeschädigung wie einst der ebenfalls in „Revolte!“ vertretene, 2014 verstorbene Smiley- und Kringel-Sprayer Walter Josef Fischer aka OZ. Sondern wegen Dealens und Beschaffungskriminalität. Während das frühe illegale Sprayen Markus Müller, unterstützt und ermutigt von den Eltern, zum Kunststudium führte, schlug Selçuk Nergiz einen anderen Weg ein. „Er geriet auf die schiefe Bahn“, sagt Türke. Anders als Wons Vater hat der türkische „baba“ das Talent seines Sohnes weder erkannt noch gefördert. Statt der Erlaubnis, sich mit Fotos von besprühten Waggons für Fluxus-Künstler Robin Pages Meisterklasse zu bewerben, gab's nach den nächtlichen Streifzügen zur Demokratisierung des öffentlichen Raums für Cowboy daheim Schläge. „Nach seiner Entlassung wird er wohl abgeschoben“, meint Türke. Denn der gebürtige Münchner hat keinen deutschen Pass. Won ABC sieht deshalb schwarz für seinen einst besten Freund: „Ich glaub', der geht da zugrunde. Aber irgendwann bist halt auch deines eigenen Glückes Schmied.“

Detail von OZ' „Gundam Smiley“ aus dem Jahr 2017 (Sprühlack und Lack auf Holz). Foto: Claudia Reicherter

Trotz Hausdurchsuchungen, Verurteilung, Bewährungsstrafe – Müller ist heute ein international anerkannter Street-Art- und Comic-Maler, Grafiker und Game-Designer. Vor Frommern war er beim Graffiti-Festival im britischen Leicester, diese Woche führt ihn ins russische St. Petersburg. Und weil es anstrengend ist, 40 auf 16 Meter Wand von Hand zu grundieren und mit Atemmaske bewaffnet von der elektrischen Hebebühne aus zwölf Stunden den Arm mit der Sprühdose nach oben zu recken, macht der 51-Jährige allmorgendlich seine Atem- und Achtsamkeitsübungen.

An Cowboys Schicksal dürfte auch „Revolte!“ nichts mehr ändern. Doch Frank Türke wollte einfach diese Geschichte erzählen: von zwei Brüdern im Geiste – und ihren so unterschiedlichen Lebenswegen. Wie Crashs Bruder, Filmemacher Harun Isik, der zur Ausstellung Interviews mit den Protagonisten beisteuert, wie Roman Passarge, einst im Vitra Design Museum und an der Hamburger Kunsthalle tätig, der die künstlerische Leitung hat, wie die Mitarbeiter der Agentur Türke, die das räumliche Ausstellungskonzept planten, und Studenten der Musikhochschule Trossingen, die eine passende Soundcloud bastelten, will der 55-jährige Balinger damit „Kindern und jungen Leuten sagen: geht raus, sucht eure eigene Kreativität!“.

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Erstellt:
11. Juli 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juli 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2019, 06:00 Uhr

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