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Monumentaler Einzeller

Eindrücke aus dem Leben in Moskau, der größten Stadt Europas

Moskau ist laut und dreckig, erdrückend und ermüdend. Doch es gibt auch Wohlfühlzonen in der russischen Hauptstadt. Mit den Impressionen unseres Korrespondenten endet die Serie über "Meine Stadt".

18.09.2014

Von STEFAN SCHOLL

Nirgendwo ist Russland so ungemütlich wie in Moskau. Aber auch in dieser überlauten, schlecht riechenden, erdrückend eintönigen Hauptstadt gibt es Momente, in denen die Uhren vor Wohlsein langsamer ticken. Schon der Morgendunst über meinem Moskauer Horizont mischt sich mit rosigem Smog. Dahinter ragt die Stadt. Unzählige Türme und Klötze, wie ein Wald riesiger Schaschlikspieße, auf dem graue, rohe Fleischquader aufgespießt sind.

Moskau ist nicht appetitlich, besonders nicht im Sommer. Es riecht nach Teer, Auspuffgasen und dem Wutschweiß cholerischer Jeepfahrer im Dauerstau. Ihr Hupen wirkt überlaut wie das Disco-Gewummer, das schon am Vormittag aus den Stereoanlagen der Autos dröhnt. All das gibt es auch in anderen Städten, aber nirgends so geballt. Eine Stadt, die wohl ewig mehr Baugruben als Grünflächen haben wird. "Warum", staunt ein Moskauer Bekannter in Deutschland, "sind meine Schuhe zuhause jeden Abend voller Staub und hier sauber?"

Das Konglomerat Moskau ist mit real über 15 Millionen Bewohnern die größte Stadt Europas. Nirgendwo in Russland fühle ich mich ungemütlicher. Moskau lastet, Moskau drückt. Riesenhaft und eintönig.

Nicht, dass es hier keine hübschen Momente gäbe, vor allem abends, wenn es dunkel geworden ist. "Moskau ist eine Nachtschönheit", hat ein kluger Kollege einmal gesagt. Jetzt, im Sommer, kann man beispielsweise vor dem Jan-Jak am Nikitski Bulwar draußen sitzen. Das Jan-Jak ist das Kultcafé der kritischen, jungen oder zumindest jugendlichen Bohème.

Hier sitzen lässige, schöne Menschen, und auf dem Boulevard schlendern noch jüngere, noch schönere Frauen vorbei, in stoffarmen Hochsommerdesigns, mit makellosen Langhaarfrisuren. Ihren Gesichtern sieht man an, wie sehr sie die eigene Makellosigkeit genießen. Aber solch flanierende Schönheitswettbewerbe könnte man auch an den Wolgapromenaden in Städten wie Twer, Jaroslawl oder Samara beobachten. Und würde für sein Bier keine sieben Euro bezahlen, wie für das belgische Hoegaarden im Jan-Jak.

Meine Moskauer Freunde am Tisch aber scheren sich nicht um Bierpreise oder die vorbeilaufenden Frauen. Meine Freunde sind gerade kreativ und kauern schweigend über ihren iPhones. Sie verfassen Facebook-Kommentare, die ich später zuhause nachlesen kann, oder sie lesen die Facebook-Kommentare jener Freunde, die gerade nicht mit am Tisch sitzen. Die Moskauer sind Meister darin, die Moden des Westens bis zur Unerträglichkeit zu steigern.

Gelärmt, gelacht, gestritten oder geflirtet wird deshalb eher wenig, nicht nur vor dem Jan-Jak am Nikitski Bulwar, sondern auch vor den acht anderen Jan-Jak-Zweigstellen im Moskauer Zentrum. Moskau duldet keine Einzelstücke, auch Kultklubs werden hier schnell zu kommerziellen Ketten. Es gibt hier keine heruntergekommenen postmoderne Industrieviertel wie in London oder Berlin, wo die Jugend ihre eigenen Kellerclubs, Fabrikdiscos oder Fahrradläden organisiert, ihre eigenen Viertel.

Fahrradfahren ist im Moskauer Verkehr lebensgefährlich, aber auch sozial oder ethnisch geprägte Quartiere sind hier nicht vorgesehen. Kein Kreuzberg, kein Schwabing, schon zu Sowjetzeiten galt Moskau als größtes Dorf der Welt, es ist ein monumentaler Einzeller geblieben. Da ist das Zentrum mit Ministerien, Theatern und Restaurants, drum herum gibt es nur Schlafstädte, viele Schlafstädte. Und unwichtig, an welcher Metro-Station man aussteigt, überall erwarten einen die gleichen McDonalds, "Schokoladniza"-Cafes oder "Sportmaster"-Geschäfte.

Moskau erdrückt, Moskau ermüdet. Die Moskauer glauben, sie seien gerade deshalb besonders schöpferisch. "Du gehst morgens aus dem Haus, jemand hat ins Treppenhaus gekotzt. Du willst ins Auto steigen, jemand hat es zugeparkt", erzählt ein erfolgreicher Industriedesigner. "Im Gegensatz zu westlichen Städten gibt es hier kaum Wohlfühlzonen. Aber die Ärgernisse wecken neue Ideen, die man in Wohlfühlzonen nie bekäme."

Ich aber sehne mich auch in Moskau nach schöpferischen Wohlfühlzonen. Und es gibt sie, sie sind sehr russisch. Etwa Alberts Wohnung. Albert ist Polizeibeamter, ein hohes Tier, und wie die meisten Moskauer ist er ein Zugereister. Alle paar Wochen bringt ihm jemand aus seiner Lipezker Heimat im Westen Russlands ein paar Eimer voller Flusskrebse mit. Albert lädt dann seine Freunde ein, es wird viel gegessen, viel getrunken, naturtrübes Bier oder selbstaufgesetzter Zwirbelkiefernnusskernwodka. Es wird viel gelacht.

Irgendwann holt jemand eine Gitarre heraus, singt alte sowjetische Balladen oder neue Spottverse auf die mangelnde Treffsicherheit der russischen Fußballer. Die Gitarre klingt sanft, das Gelächter wird zum Lächeln, selbst die Uhrzeiger scheinen ruhiger zu ticken. Auf dem Schoß einer jungen Frau fallen einem kleinen Mädchen die staunenden Augen zu. Moskau besitzt nicht viel Charme, aber auch Moskau ist in der Lage, wirkliches Glück zu schenken.

Abendstimmung an der Moskwa: Die russische Hauptstadt besteht aus einem Regierungsviertel und vielen Schlafstädten rundherum, in denen die 15 Millionen Menschen leben. Sie gelten als austauschbar. Eine gleicht der anderen. Foto: Pavel Losevsky, Fotolia

Moskau-Korrespondent Stefan Scholl. Foto: Privat

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Erstellt:
18. September 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. September 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. September 2014, 12:00 Uhr

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