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Das Wunder von Neukölln

Ein verrufenes Roma-Haus in Berlin verwandelt sich in ein Vorzeigeprojekt

Vor einem Jahr beherrschte der Müll das Bild: 600 Menschen, unter ihnen viele Roma-Familien, hausten in einem Wohnblock. In vier Wochen wird das Haus eingeweiht - renoviert gegen alle Widerstände.

13.08.2012

Von PETER GÄRTNER

Im Flur steht ein halbes Dutzend Wäscheständer, vor vielen Wohnungstüren die Straßenschuhe, im Hof spielen so viele Kinder wie es in Berliner Mietskasernen vor 100 Jahren üblich war. Sie grüßen so freundlich wie man es in der Hauptstadt heutzutage nur selten erlebt. Im zweiten Hof gestalten Fassadenmaler die Brandwand mit christlichen Motiven aus der Bergpredigt, Bauleute arbeiten vor dem künftigen Wäschetrocknungsplatz an der Entwässerung des regengetränkten Bodens. In der Werkstatt daneben plant der Recycling-Künstler Gerhard Bär gerade den Besuch einer Müllsortieranlage. Auf einem Zettel hat er die Namen der Kinder notiert, die ihn bei der Materialbeschaffung begleiten wollen. Es sind überwiegend alttestamentarische Vornamen: David, Marius, Samson, noch einmal David, Vasil und Salomon. Vor einem Kellerzugang treffen sich Jugendliche mit ihren Instrumenten zum Proben.

Es gibt nicht viele Häuser in der Hauptstadt, die schon auf den ersten Blick so lebendig wirken. Und es gibt keinen anderen Wohnblock, der noch vor gut einem Jahr derart verrufen war. Asphalt-Blätter schrieben vom "Neuköllner Müllhaus", Rechtsradikale wetterten über die "Zigeuner-Plage". Die Verbindung von Unrat, Verwahrlosung und rumänischen Roma-Großfamilien ließ Raum für Empörung und Bestätigung tief sitzender Vorurteile.

Als Benjamin Marx das erste Mal in die Harzer Straße kam, traute er seinen Augen kaum: Auf den Müllbergen im Hof, in denen sich Ratten tummelten, spielten Kinder. Er sah Fenster ohne Scheiben, die mit einer Folie abgedichtet waren, eine verschlissene Hauselektrik, verwilderte Höfe. "Dass man Häuser ohne Rücksicht auf die Mieter völlig herunterwirtschaftet, um auch noch den letzten Euro herauszuholen, das habe ich bislang nur in Berlin erlebt", sagt Marx, der seit einigen Jahren für die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft auch in der Hauptstadt Wohnhäuser erwirbt. Rund 2500 Wohnungen hat der im Saarland aufgewachsene und im Rheinland lebende, studierte Psychologe an der Spree gekauft, um den Raum "breiten Schichten der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen". Die christlich geprägte Aachener Wohnungsgesellschaft sei einst gemeinnützig gewesen, dieser Tradition fühle man sich noch immer verpflichtet.

Doch kein Wohngebäude ist dem 58-jährigen Katholiken so ans Herz gewachsen wie der Komplex Harzer/Ecke Treptower Straße. Denn der Immobilien-Manager hat nicht nur ein Auge für die Bausubstanz, sondern auch für die Menschen. Von den Roma-Familien, die neben Türken, Arabern, Rumänen, Deutschen und Schweizern die große Mehrheit unter den rund 600 Bewohnern bilden, war er gleich angetan. Sie stammen aus einem Vorort von Bukarest, wo sie zunehmend diskriminiert und schikaniert worden waren, und gehören alle derselben Pfingstgemeinde an, besuchen die gleiche Kirche in Neukölln. Marx erwarb die heruntergekommene Wohnanlage recht günstig und überlegte, was bei der Integration in einer feindseligen Umgebung helfen könnte. Für seine Visionen wurde er anfangs nur müde belächelt und gegängelt. Kaum war der Kaufvertrag unterschrieben, standen vom Gesundheitsamt angefangen all jene Behörden auf der Matte, die sich zuvor nicht gekümmert hatten.

Inzwischen sind die Fassaden gedämmt und frisch verputzt, die Fenster und die Elektrik sind neu. Bewusst hat Marx unterschiedliche Farben verwandt, damit nicht schon von außen der Eindruck eines geschlossenen "Roma-Blocks" entsteht. Die Keller hat er zu Funktionsräumen für Sprachunterricht, Kinderbetreuung, Handarbeit und Musik umbauen lassen. Unter alten Gewölben entsteht ein schmuckes Foyer, dahinter ein Kulturraum für Aufführungen. Für die streng christlichen Bewohner muss Marx wie ein Heilsbringer, die Sanierung, bei der auch einige Bewohner Jobs fanden, wie ein Wunder erscheinen.

Innerhalb eines Jahres ist aus dem Abrissobjekt eine echte Perle der näheren Umgebung geworden. Die Vorurteile sind allerdings geblieben. Im zweiten Hof musste zum Nachbargrundstück ein hoher Zaun gezogen werden; zu heftig waren die antiziganistischen Ausfälle wie "Haut ab - die Ratten waren uns lieber" und "Euch haben sie wohl vergessen zu vergasen". Bislang hat sich Marx, der einmal in der Woche vor Ort ist und sich fürsorglich um alle Probleme kümmert, vergeblich um Deeskalation bemüht. Jetzt soll eine Mediation helfen, dass am Ende doch eine Tür in den Zaun kommt. Selbst die radikale Verwandlung des Hauses wird gegen dieses katholische Roma-Projekt verwendet, das bereits von Sinti-und-Roma-Zentralratschef Romani Rose und Berlins Erzbischof Rainer Maria Woelki besucht und in höchsten Tönen gepriesen wurde: Damit sollen doch nur noch mehr rumänische Roma nach Neukölln gelockt werden, wird in der Umgebung bereits kolportiert. Tatsächlich sind andere Großfamilien aus dem Ort längst nach Griechenland, Spanien und Italien geflohen. Marx ist gut informiert, weil er für die Roma inzwischen mehr als ein "Patron" ist. Durch sein Handeln hat er ihr Vertrauen gewonnen. Mit einigen der Bewohner wird er im August eine "Pilgerfahrt zur Armut" unternehmen und sich ansehen, wo und wie die Roma in Rumänien gelebt haben und vielleicht auch erfahren, warum die Antidiskriminierungsstellen der EU die Schikanen nicht verhindert haben.

Am 14. September wird der Komplex mit seinen rund 140 Wohnungen mit einem Bürgerfest eingeweiht. Fertig ist bereits das große Portrait von Arnold Fortuin unter einem Giebel. Der katholische Pastor aus dem saarländischen Neunkirchen gilt als Oskar Schindler der Sinti und Roma. Fortuin betreute nicht nur seelsorgerisch mehrere Sinti-Großfamilien, sondern versteckte sie auch vor den NS-Verfolgern und half bei der Flucht nach Frankreich. Nach dem Krieg war er Pfarrer in Illingen (Landkreis Neunkirchen im Saarland). Die Bischofskonferenz ernannte ihn 1965 zum Seelsorger der Sinti und Roma in Deutschland. Marx, der in seinem dunklen Anzug und schwarzen Hemd selbst an einen Geistlichen erinnert, sagt beim Blick auf das Wandbild fast beiläufig: "Das war mein Pfarrer."

Harzer Straße 65: Roma-Kinder spielen auf dem Hof (links). Fassade im zweiten Hof, gestaltet von sieben jungen Künstlern mit einem Wandbild zu einem Thema aus der Bergpredigt. Fotos: Ralf Herzig

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Erstellt:
13. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. August 2012, 12:00 Uhr

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