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Ein verblüffendes uvre
Adolf Fleischmann: "Composition en vert" (1950). Foto: Museum für konkrete Kunst
Ingolstadt würdigt mit "Surfaces" den Esslinger Künstler Adolf Fleischmann

Ein verblüffendes uvre

Im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt lässt sich Adolf Fleischmann wiederentdecken. Das lohnt sich: Die fundierte Schau fächert das Doppelleben dieses so späten wie eigenständigen Konstruktivisten auf.

14.12.2015
  • CHRISTA SIGG

Ingolstadt. Manchmal soll es nicht sein. Zumindest nicht sofort. Wenn ein Künstler zwei Kriege erlebt, im ersten an der Ostfront schwerste Verletzungen erleidet und dann sein Leben lang zwischen den Welten pendelt, wird s jedenfalls schwierig. Da kann er noch so talentiert sein - und der Esslinger Adolf Fleischmann (1892-1968) war mit beträchtlichen Fähigkeiten ausgestattet. Sein verblüffendes uvre ist jetzt in der Ausstellung "Surfaces. Adolf Fleischmann - Grenzgänger zwischen Kunst und Medizin" im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt zu sehen: von am Kubismus orientierten Experimenten und ausgedehnten Phasen, in denen geometrische Formen dominieren, bis hin zur endgültigen Stilfindung, die im Konstruktivismus verhaftet zwischen Piet Mondrian und Mark Rothko schwebt.

Fleischmann ging da schon auf die 60 zu, war eben erst nach New York emigriert, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, und wie so oft auf Jobsuche. Aber nicht als Lehrer an einer Kunstakademie, wie das zu erwarten wäre. Denn Fleischmann hatte vor dem Akademiestudium in Stuttgart die Königliche Kunstgewerbeschule besucht und sich seitdem mit Gebrauchsgrafik und als medizinischer Zeichner über Wasser gehalten. Was er etwa in der Histologie durchs Mikroskop sah und mit dem Stift festhielt, lässt an geomorphe Formen denken. Oder an eine Mischung aus Frottage und Drip Painting in extremer Verfeinerung. Wahre medizinische Meriten hat sich Fleischmann in den 1920er Jahren durch die Abformung kranker Körperteile für die Chirurgische Klinik in Zürich erworben. Die im Fachjargon Moulagen genannten Wachsrepliken wurden zu Lehr- und Dokumentationszwecken angefertigt. In Ingolstadt sind nun dank der Zusammenarbeit mit dem nur 500 Meter entfernten Deutschen Medizinhistorischen Museum ausgesuchte Exemplare in einem eigenen Raum diskret in weißen Stoff geschlagen zu sehen. Im Gegensatz zu gruseligen Beispielen im ansonsten sehr lesenswerten Katalog lässt sich deren Anblick ganz gut aushalten.

In seiner Züricher Zeit ist Fleischmann ein Suchender, einer der Verschiedenstes aufsaugt, das Expressive und dann besonders die Formensprache des Kubismus ("Kubistische Komposition mit Tier- oder Fischelementen", 1921). Um sich ganz der Kunst zu widmen, verlässt er 1927 die Schweiz, geht auf Reisen durch Europa, versucht, in Berlin Fuß zu fassen. Doch seine fürs Jahr 1933 geplante Ausstellung wird kurzfristig abgesagt. Die Nazis haben die Macht übernommen. Fleischmann gehört zu den Ersten, die Deutschland verlassen. In Palma de Mallorca fühlt er sich eine Weile sicher, malt Landschaften und Stillleben, um alsbald wieder durch halb Europa zu fliehen. Französische Einflüsse sind greifbar in den Arbeiten der 30er Jahre: Robert Delaunay, Albert Gleizes, auch eine Spur Kandinsky findet sich darin.

Der Weg führt endgültig weg von der Gegenständlichkeit. Paris ist nach 1945 die Metropole der Abstraktion, dort will Fleischmann neu anfangen. Wie so viele hat er alles verloren, in den letzten Kriegstagen lernt er jedoch seine spätere Frau Elly kennen - ein Glücksfall. Mehr schlecht als recht schlagen sich die beiden durch, Fleischmann entwirft Halstücher, Glasfenster, für geschmackvolle Farbkombinationen hatte er immer schon ein Händchen. Und gleichzeitig ziehen sich schwungvolle Linien durch seine Kunst, in der Poesie und Musik aufeinanderzutreffen scheinen ("Helle Kurven", um 1949).

Doch dann kommt es zu einer deutlichen Zäsur, kurz nach seinem 58. Geburtstag hat der Maler endlich seinen Stil gefunden: Auf dunklem Grund verlaufen schmale Streifen - parallel sowie in der bald charakteristischen L-Form. Das lässt sich in der Ausstelllung als regelrechten Kick nachvollziehen.

So könnte es weitergehen, doch Fleischmann sagt wieder einmal adieu. Europa ist ihm nach wie vor zu unsicher, er befürchtet einen dritten Weltkrieg und verlässt Frankreich, um mit Ehefrau Elly nach Amerika aufzubrechen. Noch einmal fängt er bei Null an, und es dauert lange, bis er als Laborassistent an der Columbia University arbeiten kann. In der knapp bemessenen Freizeit geht es an die Staffelei. Unermüdlich.

Das Chaos auf den Straßen strengt mächtig an, zugleich wird die Stadt mit ihren Wolkenkratzern aber genauso zur Quelle der Inspiration. Und Fleischmann ist bei allen Vorbehalten auch ein Netzwerker, bald schon werden die Kritiker auf ihn aufmerksam. Sie feiern den Deutschen als neuen Mondrian, während er zur Form seines Lebens aufläuft und gute Ausstellungen macht. Der Höhenflug ist leider von kurzer Dauer. 1965 erleidet Fleischmann einen Schlaganfall und kehrt nach Stuttgart zurück. Endgültig.

Dorthin, wo bis vor kurzem ein Wandteppich von beträchtlichem Ausmaß quasi "unerkannt" im Lesesaal des Hauptstaatsarchivs hing. Den hatte Marion Ruisinger, die Direktorin des Medizinhistorischen Museums, eher zufällig bei ihren Recherchen entdeckt. Auch das passt im Grunde zu dieser kuriosen Künstlervita.

In der Kunstgeschichtsschreibung ist Adolf Fleischmann immer noch unter Wert verkauft. Ausstellungen gab es bis dato vor allem in Württemberg - in Galerien und Kunstvereinen, dazu 1973 Retrospektiven in Ulm und Münster und zuletzt, zum 40. Todestag im Jahr 2008, eine eher kleine Präsentation graphischer Blätter und weniger Gemälde in der Staatsgalerie Stuttgart.

So dürfte die ausgesprochen fundierte Schau in Ingolstadt, die das Doppelleben dieses späten wie eigenständigen Konstruktivisten auffächert, ein wichtiger Schritt sein, den Mann mit den ernsten Augen erneut ins Gedächtnis zu holen.

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14.12.2015, 08:30 Uhr
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