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Ein urbaner Abenteuerspielplatz
Jugendsozialarbeiter Simon Fregin bei einer Runde auf dem Mailänder Platz. Foto: Ferdinando Iannone
Sozialarbeit

Ein urbaner Abenteuerspielplatz

Das Europaviertel in Stuttgart war lange Zeit ein sozialer Brennpunkt. Inzwischen ist es Streetworkern gelungen, die Situation zu entspannen.

18.11.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Unhaltbare Zustände seien das“, beschwerten sich Passanten immer häufiger, wenn sie im Europaviertel unterwegs waren. Ruhestörungen, Diebstähle, Sachbeschädigungen, Handgreiflichkeiten, Pöbeleien und Auseinandersetzungen zwischen den Jugendlichen nahmen innerhalb der letzten fünf Jahre immer weiter zu. Die Polizei sah sich veranlasst, verstärkt Präsenz zu zeigen und nahm 2016 das Viertel als innerstädtischen Brennpunkt – so Polizeisprecher Olev Petersen – in ihr Sicherheitskonzept mit auf.

„Es handelt sich um ein einmaliges Stadtquartier mit Sogwirkung auf die Jugendlichen: Zum einen die Plätze zum Sehen und Gesehen werden, zum anderen die offene Stadtbibliothek, in der man wunderbar chillen und abhängen kann“, beschreibt Klausjürgen Mauch von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart die Attraktivität dieses neuen urbanen Abenteuerspielplatzes. „Man kommt schnell hin, kann essen, shoppen, spielen. Insgesamt also eine tolle Aufenthaltsqualität für die Jugendlichen, die heute viel beweglicher sind als früher. Da sind sie aus ihren Vierteln nicht hinausgekommen.“

Vor allem in der Stadtbücherei, die neben dem Einkaufszentrum ein nicht kommerzieller Ruhe- und Rückzugsraum sein will, wurden Jugendliche zum Störfaktor. Sie waren laut, stellten Möbel um, rannten durchs Haus, benahmen sich respektlos gegenüber Mitarbeitern und anderen Nutzern, und ließen ihren Müll zurück. Die Mitarbeiter der Stadtbibliothek, die weiterhin ihr Haus für alle offen halten wollten, sich aber mit dem Verhalten der Jugendlichen komplett überfordert fühlten, riefen die Mobile Jugendarbeit zu Hilfe.

Ein dreimonatiger SOS-Einsatz, wissenschaftlich durch das Institut für Sozialwissenschaften begleitet, startete Mitte letzten Jahres. Erstes Ziel war, die Jugendlichen kennenzulernen und ihre Motive zu verstehen, warum sie alle ins Europaviertel strömen.

Wegen der massiven Problemlage waren alle 46 Streetworker im Einsatz. Sie stemmten das Projekt neben ihrer normalen Stadtteilarbeit in 17 Stuttgarter Stadtbezirken. Mehr als 800 Gespräche wurden vor Ort geführt, 119 Jugendliche befragt, warum, wie lange und wie häufig sie sich im Europaviertel aufhielten und was sie für Wünsche hätten. „Wir sind keine Sozialfeuerwehr, die Probleme löst. Wir sind zu Gast bei den Jugendlichen, schauen uns die Situation an und versuchen, die Themen rauszukitzeln, um die es geht“, erklärt Simon Fregin. „Verbote allein bringen überhaupt nichts. Stattdessen diskutieren wir gemeinsam, warum manches stört und wie man es organisieren kann, dass es weniger Reibungen gibt. Dann können die Jugendlichen auch eher Dinge akzeptieren und ihr Verhalten ändern“, erklärt der Streetworker, der intensiv im Europaplatz-Projekt mitgearbeitet hat, das Vorgehen der Mobilen Jugendarbeit.

Schon damit entspannte sich die Situation. „Wir sind Profis darin, Jugendliche anzusprechen. Die sind meist dankbar, wenn sich jemand für sie interessiert. Beim Milaneo und Mailänder Platz hat eben niemand daran gedacht, dass hier nicht nur eingekauft wird und Medien entliehen werden, sondern sich auch Jugendliche aufhalten“, sagt Fregin.

Obwohl es anderswo Treffpunkte gibt, zieht es sie weiterhin ins Europaviertel. Weil es attraktiver ist und mitten im Geschehen liegt, so eine zentrale Erkenntnis aus den Gesprächen. Eine Vertreibung oder Verlagerung wäre also keine dauerhafte Lösung. „Es macht keinen Sinn, andere Orte anzubieten. Die Jugendgruppen wollen im Europaviertel sein, mitten im Geschehen, und sie betrachten dieses Viertel bereits als ,ihr' Viertel“, sagt Mauch. Deshalb plädieren die Streetworker für eine zweijährige Verlängerung ihrer Arbeit.

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18.11.2017, 06:00 Uhr
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