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Zum Tod von Mieciu Langer, der als junger Jude fünf Konzentrationslager überlebte

Ein später Zeitzeuge ohne Bitterkeit

Er war einer der letzten, die man fragen konnte: Wie war das, jüdischer Gefangener in einem Konzentrationslager der Nazis zu sein, wie überlebte man, die Vernichtung vor Augen? Mieciu Langer, der erst im Alter davon sprechen konnte, ließ sich gern von Schülern ausfragen. Am Freitag ist dieser großherzige Zeitzeuge mit 87 Jahren in Tübingen gestorben.

29.03.2015

Tübingen. Viele Jahre war Mieciu (in Israel Moshe) Langer „der Mann von Felicia“. Seine Frau, die Menschenrechtsanwältin, machte sich in Israel einen Namen als Verteidigerin von Palästinensern, sie bekam internationale Auszeichnungen, die Aufmerksamkeit der Medien. Ihr Mann, der im Handel tätig war, unterstützte und bestärkte sie. „Er war meine Klagemauer“, so beschreibt Felicia Langer gern, wie wichtig dieser Rückhalt für ihre Arbeit war, erst recht, als sie in Israel offen dafür angegriffen wurde.

Ernste Drohungen bewogen das Paar, 1990 die zweite Heimat Israel aufzugeben und nach Tübingen zu ziehen. Sie kannten die Stadt, denn hier lebte ihr Sohn Michael Chaim Langer als Schauspieler und Kopf des Klezmer-Ensembles „Jontef“. Mieciu Langer fand auch schnell für sich etwas zu tun: Er eröffnete den Falafel-Imbiss „Kichererbse“ in der Metzgergasse.

Manchmal, wenn Felicia Langer einer anti-israelischen Haltung bezichtigt wurde, erwähnte sie, dass ihr Mann fünf nazideutsche Konzentrationslager überlebt hatte. Doch was Mieciu Langer dort von seinem 15. bis 18. Lebensjahr erlebt hatte, behielt er lange für sich. Als müsse er das Furchtbare abspalten und versiegeln, um im Alltag nicht davon übermannt zu werden. Als wolle er die Nächsten mit der Vergangenheit nicht belasten. Nicht einmal seinem Sohn hatte er je davon erzählt.

Erst als er 1992 im Rahmenprogramm zur Ausstellung „Tübingen und der Nationalsozialismus“ darum gebeten wurde, öffnete er sich den verdrängten Erinnerungen und holte in einer ergreifenden Sternstunde der Zeitzeugenschaft vor einem jungen Publikum im Stadtmuseum einzelne Szenen und Eindrücke hervor. Schreckensbilder wie aus Filmen („Der Pianist“) über das unsägliche Leid der polnischen Juden. Langer war einer dieser mageren Jungen: Erst aus der Wohnung getrieben, ins Ghetto gepfercht, dann die Transporte in Lager, die Familie auseinandergerissen. Hunger, Schwerstarbeit, Terror. Ein Lagerleiter drangsaliert die Gefangenen mit Peitschenhieben; ein Schulkamerad von Langer wird wegen „Sabotage“ erhängt; ein anderer Freund stirbt zu seinen Füßen, erschossen wegen einer falschen Bewegung.

Dabei hatte sein Vater, Vertreter einer deutschen Firma, wie so viele von der deutschen Kultur beeindruckte Juden die Flucht aus Krakau abgelehnt, als die Nazis dort 1939 ihren „Generalgouverneur“ Hans Frank installierten. Langer, 1927 in der Stadt geboren, in der die jüdische Kultur eine lange und blühende Tradition hatte, trug den polnischen Vornamen „Mieczyslaw“ und fühlte sich in erster Linie als Pole. Wenn er auch, auf Wunsch der Mutter, eine jüdische Schule besuchte.

1942 beginnt die Lager-Odyssee mit dem Vater: Plaszow, ein Zwischenlager, Tschenstochau, am Weihnachtsabend 1944 Ankunft in Buchenwald, dort Arbeit im Steinbruch, in der gestreiften KZ-Kluft, im Winter. Der schlimmste Moment: Um zu überleben, muss Langer den geschwächten Vater zurücklassen (er stirbt auf dem Todesmarsch von Buchenwald). Er, der Junge, soll nach Theresienstadt verlegt werden. Der Transport wird bombardiert, beim folgenden tagelangen Fußmarsch fallen die Häftlinge vor Erschöpfung am Wegesrand um. Wer schlapp macht, wird erschossen. Von 2500 Häftlingen erreichen 750 das Ziel. Als die Rote Armee am 8. Mai 1945 das Lager befreit, ist Mieciu Langer typhuskrank; er wiegt noch 38 Kilo.

Mit 18 Jahren kommt er als einziger seiner Familie nach Krakau zurück. Die Mutter und der Bruder wurden in Treblinka ermordet. Er findet Unterkunft in einem Haus für jüdische Waisen; dort lernt er die junge Felicia kennen. Es ist der Beginn einer langen und starken Liebe. Im vergangenen Dezember feierte das Paar die Eiserne Hochzeit – 65 Jahre zusammen. „Langweilig war es nie“, sagte Langer damals. Eigentlich wollten sie zunächst mitbauen am „neuen Polen“, doch 1950 emigrierten sie, der Schwiegermutter zuliebe, nach Israel, wo ihr Sohn zur Welt kam und Felicia Langer ihren Traum vom Jurastudium verwirklichte.

Geehrt mit der Tübinger Bürgermedaille

In Tübingen wurde Mieciu Langer nicht nur als Zeitzeuge geschätzt, sondern auch wegen seiner freundlichen Ausstrahlung und seines Humors. Wenn er die Merkwürdigkeiten des Alltags in Pointen fasste, blitzten Charme und Schalk aus seinen Augen. Aber gerade weil Langer frei war von Bitterkeit, machte er es seinem Publikum leicht, sich für das Grauen der Nazi-Vergangenheit zu öffnen und es nachzuempfinden. Dass er 2014 von Oberbürgermeister Boris Palmer und Ministerpräsident Winfried Kretsch mann die Bürgermedaille der Stadt Tübingen verliehen bekam, hat ihn sehr bewegt.

Gelitten hat er, wie seine Frau, an den politischen Nachrichten aus Israel und dem Nahen Osten, am Scheitern der vielen Friedensbemühungen. Aber manchmal mehr noch am Glauben der Europäer, dass diese Pläne funktionieren könnten, ohne dass Israel seine Siedlungspolitik aufgäbe und ein lebensfähiger palästinensischer Staat mit einem zusammenhängenden Staatsgebiet entstünde. Noch im Sommer 2014 verwahrte er sich während der Gaza-Bombardements in einem Leserbrief an das TAGBLATT dagegen, dass der Holocaust „instrumentalisiert“ werde, um Israel als Opfer wahrzunehmen.

Im vergangenen Jahr verschlechterte sich Langers Gesundheitszustand. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten sah es zunächst so aus, als ginge es wieder aufwärts. Doch nun ist er nach einer kurzen, schweren Krankheit gestorben. Von den Angehörigen konnte er noch Abschied nehmen.

Neben seiner Frau Felicia Langer und einem großen Freundeskreis trauert um ihn die Familie seines Sohnes mit fünf Enkeln und einem Urenkel. Ulrike Pfeil

Info: Die Biografie von Mieciu Langer hat Felicia Langer in dem Buch „Miecius später Bericht – eine Jugend zwischen Getto und Theresienstadt“ erzählt (Lamuv-Verlag, 2001). Auf zeitzeugnisse.de spricht Mieciu Langer im Viedo über seine Lebensgeschichte.

Ein später Zeitzeuge ohne Bitterkeit
Die Fragen der Jungen: Mieciu Langer auf einem Podium. Archivbild: Metz

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29.03.2015, 12:00 Uhr
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