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Ein schlechter Trost
Opfer der japanischen Sexsklaverei im Zweiten Weltkrieg bei einer Demonstration 1992 in Seoul. In Südkorea leben heute noch 46 der betroffenen Frauen. Foto: dpa
Südkorea und Japan vereinbaren Abkommen zu Sexsklaverei im Zweiten Weltkrieg - Opfer enttäuscht

Ein schlechter Trost

Südkorea und Japan haben im jahrzehntelangen Streit um die Sexsklaverei im Zweiten Weltkrieg eine Übereinkunft getroffen. Während Diplomaten das Ergebnis loben, geben sich die Opfer damit nicht zufrieden.

29.12.2015
  • SONJA BLASCHKE

"Endgültig und unwiderruflich" nennen die Außenminister von Südkorea und Japan ihr Abkommen zu Zwangsprostituierten im Zweiten Weltkrieg. Dieses soll, geht es nach dem Wunsch von Diplomaten auf beiden Seiten, die größte Hürde für die bilateralen Beziehungen endlich aus dem Weg räumen. Die Frage der beschönigend als "Trostfrauen" bezeichneten Opfer, die vor und im Zweiten Weltkrieg zu Sex mit Soldaten der japanischen kaiserlichen Armee gezwungen wurden, hatte in den letzten Jahren eine Eiszeit zwischen den beiden Nachbarnationen in Ostasien ausgelöst.

Vor allem seit den Amtsantritten von Shinzo Abe in Japan und Park Geun-hye in Südkorea an der Regierungsspitze wurden die Beziehungen frostig. Abe gilt als Nationalist und Revisionist. Früher bestritt er die Existenz der Sexsklavinnen.

Während Japans Außenminister Fumio Kishida gestern von einem "historischen und wegweisenden Abkommen" sprach, zeigten sich einige koreanische Opfer und ihre Unterstützer enttäuscht. Sie wollen die Einigung nicht anerkennen und fordern Japan auf, auch zu seiner juristischen Schuld zu stehen. Nach Schätzungen von Historikern wurden bis zu 200 000 Frauen vor allem aus Korea und China gezwungen, japanischen Soldaten in Frontbordellen zu Diensten zu sein.

1965 hatten Südkorea und Japan ihre diplomatischen Beziehungen normalisiert. Doch das Verhältnis blieb schwierig. Die japanische Kolonialherrschaft in Südkorea von 1910 bis 1945 hatte tiefe Wunden hinterlassen. Hinzu kamen territoriale Konflikte. Umso mehr Hoffnung setzen beide Seiten in das neue Abkommen.

Der Wortlaut der Erklärung bleibt aber in vielen Punkten vage. "Die Angelegenheit der Trostfrauen, mit Beteiligung des damaligen japanischen Militärs, war ein schwerer Affront gegen die Ehre und Würde der Frauen", heißt es. Details bleiben aus, die Übernahme einer juristischen Verantwortung erst recht. Man spürt, wie erbittert beide Seiten um den Wortlaut gerungen haben müssen. Zwölf Verhandlungsrunden waren nötig.

Wer eine Entschuldigung sucht, findet sie: "Als Premierminister Japans drückt Premierminister Abe von neuem seine aufrichtigste Entschuldigung und sein Bedauern gegenüber all den Frauen aus, die unermessliche und schmerzhafte Erfahrungen gemacht und unheilbare physische und psychologische Wunden als Trostfrauen erlitten hatten." Allerdings stehen diese Worte nicht in direktem Zusammenhang mit der japanischen Schuld. Eine Opferorganisation erklärte, dass die Diplomaten gemeinsame Sache gemacht hätten und die Übereinkunft die Hoffnung der Opfer und der Öffentlichkeit betrüge.

Lee Yong-soo, eine von 46 noch lebenden Betroffenen in Südkorea - die meisten sind Ende 80, Anfang 90 - , sagte der Zeitung "Korea Times": "Es scheint, dass sich weder die eine noch die andere Regierung für die Opfer interessiert."

Zur Unterstützung der Frauen will Japan nun einmalig eine Milliarde Yen (7,6 Millionen Euro) in einen Hilfsfonds einbezahlen, den Südkorea aufsetzt. Japan ist bekannt für seine "Scheckbuchdiplomatie". Ursprünglich wollte das Land aber nur ein Zehntel der jetzigen Summe bezahlen. Mit dem Geld wolle man die psychischen Schmerzen der "Trostfrauen" heilen, sagte Außenminister Kishida. Zudem sollen die Frauen einen Entschuldigungsbrief von Abe bekommen. Wenn die Umsetzung gelinge, wollen sich beide Nationen verpflichten, einander nicht mehr international, etwa vor den Vereinten Nationen, anzugreifen.

Zum Stolperstein könnte die geplante Entfernung eines Mahnmals in Form eines kleinen Mädchens vor der japanischen Botschaft in Seoul werden. Regelmäßig finden dort Proteste gegen Japan statt. Seoul erklärte, man wolle mit Vertretern der Bürgerinitiative sprechen, die die Statue aufgestellt hatte. Doch schon zuvor gibt es heftige Gegenreaktionen: Die Zeitung "Hankyoreh" schrieb, die Statue zu entfernen, würde in Südkorea als erniedrigendes Zugeständnis angesehen.

Ob das Abkommen die Gemüter beruhigt, ist offen. Es dürften einige Gespräche mit Opfern nötig sein, um einen allzu lauten Aufschrei in Korea zu verhindern. Direkt nach Verkündung des Abkommens sagte die Betroffene Lee Yong-soo: "Wir wollen kein Geld. Die, die die Verbrechen begangen haben, müssen dafür offiziell und juristisch die Verantwortung übernehmen."

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29.12.2015, 08:30 Uhr
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