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Der ehemalige Münchner OB und SPD-Chef Hans-Jochen Vogel feiert seinen 90. Geburtstag in seiner Wahlheimat

Ein preußischer Pflichtmensch schlägt Wurzeln in Bayern

Pflichtbewusstsein und Ordnungssinn haben den Politiker Hans-Jochen Vogel geprägt, Integrität und Glaubwürdigkeit sind ihm in vielen Ämtern zugewachsen. Morgen wird der Münchner Ex-OB 90 Jahre alt.

02.02.2016

Von GUNTHER HARTWIG

Hans-Jochen Vogel (SPD) in der Seniorenresidenz Augustinum in München. Der ehemalige SPD-Vorsitzende wird am Mittwoch 90 Jahre alt. Foto: epd

Hans-Jochen Vogel hat noch mal ein Buch geschrieben, es wird sein letztes sein, wie er selbst sagt: "Damit verabschiede ich mich auf meine Weise von allen, die mir bislang ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben", so heißt es in der Einführung. Ja, das passt zu dem Mann, der streng war mit sich und seiner Umgebung, der Herr der Klarsichthüllen und Kleiderordnung, von preußischem Pflichtbewusstsein und striktem Ordnungssinn erfüllt. Nun legt Vogel, an Parkinson erkrankt, sein politisches Vermächtnis vor, weil er findet, es sei an der Zeit, "Rechenschaft abzulegen".

Ein anderer Sozialdemokrat, Helmut Schmidt, ist vor ihm gegangen, und es hat Vogel besonders berührt, dass sein hanseatischer Freund ihm noch wenige Tage vor dessen Tod ein Geleitwort für das Buch übermitteln konnte, das den bezeichnenden Titel trägt: "Es gilt das gesprochene Wort". Beide Genossen, Schmidt wie Vogel, sprachen Klartext - und was noch schwerer wiegt: Auf ihr Wort war Verlass. Das ist eine den nachwachsenden Parteipolitikern immer seltener zugeschriebene Eigenschaft.

Der Altkanzler aus Hamburg lobte noch Jahrzehnte später Vogels Umsicht und Gesetzestreue in den schwarzen Tagen des RAF-Terrorismus, während der damalige Bundesjustizminister die Weigerung des sozial-liberalen Kabinetts, den entführten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer nicht gegen die in Stammheim inhaftierten Bandenmitglieder auszutauschen, als wohl folgenreichste Entscheidung bezeichnete, an der er je unmittelbar beteiligt war: Sie hatte "einen Menschen das Leben gekostet".

Schon 1972, als Vogel zum Ende seiner Amtszeit als Münchner Oberbürgermeister die Jugend der Welt zu den Olympischen Sommerspielen an der Isar willkommen hieß, musste er erste Erfahrungen mit dem Terrorismus machen, nachdem palästinensische Attentäter israelische Sportler und Funktionäre als Geiseln genommen hatten. Mit Blick auf die neuen Formen des islamistischen Terrors sagt Vogel, die heutige Herausforderung sei noch "stärker und schwerer zu bewältigen als der Terrorismus von damals".

Leicht gemacht hat sich der in Göttingen geborene Sozialdemokrat sein politisches Leben freilich nie. Nach dem Jurastudium mit Promotion arbeitete Vogel zunächst im bayerischen Justizministerium, als Amtsrichter in Traunstein und in der Münchner Staatskanzlei, ehe er kommunalpolitische Karriere machte, die ihn 1960 an die Spitze der Landeshauptstadt führte.

Auch nach seinem Wechsel in die Bonner Politik fielen ihm die Ämter wie reife Früchte zu: Bauminister, Justizminister, SPD-Kanzlerkandidat 1983, SPD-Fraktionschef als Nachfolger des legendären Herbert Wehner, Parteivorsitzender 1987 bis 1991.

Fast immer strebte Vogel nicht nach diesen Führungspositionen, sondern er wurde gerufen, bisweilen sogar gedrängt. So auch 1981, als die Berliner SPD verzweifelt einen Nachfolger für den über einen Bauskandal gestolperten Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe suchte. Vogel ließ sich überreden, unterlag dann aber bei der vorgezogenen Abgeordnetenhauswahl seinem CDU-Herausforderer Richard von Weizsäcker, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.

"Macht muss dienen" - das war, wie Helmut Schmidt rühmte, Vogels Motto. Gern holte der SPD-"Oberlehrer" auch einen von Wehner handgeschriebenen Zettel aus seiner Jackentasche, auf dem stand: "Weiterarbeiten und nicht verzweifeln."

Man kann sich denken, was Vogel von Parteifreunden hielt, die es mit Berechenbarkeit und Pflichtbewusstsein nicht so genau nahmen. Oskar Lafontaine war in dieser Hinsicht seine größte Enttäuschung. Als Fraktionschef in Bonn bestellte er SPD-Abgeordnete zur Not schon um sechs Uhr in der Früh zum Rapport, auch von Journalisten erwartete er Pünktlichkeit und Faktentreue. Heute sagt Vogel: "Ich möchte als jemand in Erinnerung bleiben, der die Menschen und seine Aufgaben ernst genommen hat und der sich an das gehalten hat, was er sagte."

Seit zehn Jahren lebt der Pensionär mit seiner Ehefrau Liselotte in einem Münchner Seniorenheim. Wegen seiner Erkrankung kann er auswärtige Einladungen nicht mehr wahrnehmen. Daher kommen die Gratulanten zu seinem 90. Geburtstag zu ihm. Am Donnerstag richtet die SPD im Münchner Rathaus einen Festakt für Hans-Jochen Vogel aus, bei dem SPD-Chef Sigmar Gabriel und Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer sprechen, am Freitag empfängt Bundespräsident Joachim Gauck den Jubilar und weitere Gäste zu einem Mittagessen im Bayerischen Hof.

Info Hans-Jochen Vogel: Es gilt das gesprochene Wort. Reden, Grundwerte, Würdigungen. Herder-Verlag, München 2016. 304 Seiten. 26,99 Euro.

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Erstellt:
2. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
2. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Februar 2016, 08:30 Uhr

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