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Spezialist fertigt am Tübinger Klinikum Epithesen für entstellte Patienten

Ein neues Gesicht aus Silikon

An der Tübinger Universitätsklinik finden Patienten mit entstellenden Gesichtsdefekten Hilfe. Ein Spezialist fertigt aus Silikon täuschend echt wirkenden Ersatz an. So trauen sich die Menschen wieder unter die Leute.

15.05.2008
  • RAIMUND WEIBLE

Die Tage nach einer Operation im Gesicht, bei der ein Auge oder die Nase entfernt wurde, sind für viele Tumorpatienten schwer erträglich. Manche scheuen den Blick in den Spiegel, die allermeisten vermeiden es, unter die Leute zu gehen, aus lauter Angst davor, angestarrt zu werden. Der belastende Anblick treibt sie in die Isolation. Die Empfindung, hässlich zu sein, ist so stark, dass zusätzlich seelische Krankheiten drohen.

Dennis Wahls Job ist es, mitzuhelfen, Menschen mit auffälligen Defekten im Gesicht die Rückkehr ins alltägliche Leben zu erleichtern. Der 30-Jährige arbeitet im Labor der Tübinger Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Dort formt der gelernte Zahntechniker Epithesen, täuschend echt wirkenden Ersatz für Gesichtsteile.

Der Tumor kann jede Gesichtsregion befallen: Auge, Nase, Stirn, Kinn und Ohr. Manche Patienten, die Dennis Wahl versorgt, haben durch Hautkrebs buchstäblich ihr Gesicht verloren. Andere Patienten wurden durch eine schwere Verletzung entstellt. Doch diese Patienten sind seltener: Die Chirurgen vermögen heute auch schwerste Traumata zu rekonstruieren.

Wahl fertigt schon seit vielen Jahren Epithesen an - in Zusammenarbeit mit Medizinern wie seinem Chef Professor Heiner Weber. "Nur wenn man es ständig macht ", sagt Wahls Kollege, Zahntechnikermeister Ekkehard Kröwerath, "kriegt man Routine. " Um Gesichtsteile herzustellen, die erst bei näherem Hinsehen als künstlich zu erkennen sind, benötigt man viel Erfahrung. Form und Farbe müssen stimmen, die Epithesen sollen auch gut handhabbar sein.

In langen Sitzungen mit den Patienten fertigt Epithetiker Wahl erst ein Modell aus Wachs an. Oft stützt er sich auf alte Fotos der Patienten. Nichts kommt aus dem Depot. Alles wird in der Tübinger Klinik individuell hergestellt. Denn keine Nase und kein Ohr gleicht einem anderen. Wahl lässt sich auch von Angehörigen der Operierten beraten: "Das ist ganz wichtig, dass die Angehörigen dabei sind. Sie haben ein visuelles Gedächtnis. "

Wahl formt erst das Wachsmodell, später ritzt er mit dem Messerchen Falten in das Wachs. Immer wieder probiert er das Modell am Patienten an, bis es perfekt wirkt. Nächster Arbeitsschritt: Wahl bettet das Wachsmodell in eine Gipsform. Ist die Form gehärtet, brüht er das Wachs aus, und an dessen Stelle kommt nun Silikon.

Das Material ist flexibel und weich, passt sich der Umgebung an, verfügt über den angenehmsten Tragekomfort. Sorgfältig wählt der Techniker die Farbe aus. Immer und immer wieder vergleicht er die Farbe mit der Haut unversehrter Gesichtspartien. Etwa vier Tage dauert die Arbeit an solch einer Epithese. Kostenpunkt: Zwischen 1500 und 4000 Euro.

Die Epithesen müssen stets abnehmbar sein. Für das Befestigen der Teile gibt es mehrere Möglichkeiten: Manche werden geklebt, bei anderen wendet man eine aufwendigere Technik an. Chirurgen verankern Titanwurzeln im Knochen. An die äußeren Enden der Implantate platzieren die Techniker Magneten. So braucht man zum Beispiel ein Ohr nur "draufzuklicken ".

"Manche Patienten tragen ihre Epithese rund um die Uhr, andere nehmen sie zum Schlafen ab ", erzählt Wahl. Regelmäßig müssen die Silikonteile von Schweiß und Schmutz gereinigt werden. Sie halten zwar den normalen Umwelteinflüssen stand. Doch UV-Strahlen, die Säuren im Schweiß und andere chemische Einflüsse begrenzen die Lebensdauer der Epithesen.

Nach zwei bis drei Jahren fertigt Wahl einen völlig neuen Ersatz an. "Die alte Form ist dann meist nicht mehr verwendbar ", sagt Wahl. Sie macht die natürliche Alterung nicht mit. So entsteht eine neue Form - beispielsweise mit mehr Falten und anderer Farbe. Es gibt Patienten, die eine blasse Winter- und eine stärker pigmentierte Sommer-Epithese besitzen.

Vielen Patienten gelingt mit der Epithese die Rückkehr ins Berufsleben. Einer davon ging wieder seiner Aufgabe am Schalter der Bahn-Auskunft nach.

Ein neues Gesicht aus Silikon
Epithetiker Dennis Wahl mit einer Augenpartie, die er an die Brille des Patienten befestigt hat. Foto: Franke

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15.05.2008, 12:00 Uhr
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