So viel Straße war nie

Ein erster Vorausblick auf die Tübinger Kulturnacht am 8. Mai

Bahnhof, Neue Aula, Haagtor und Kustamt sind ihre äußersten Grenzen. Innerhalb dieser geht sie verstärkt raus auf die Straße, wo sie – was die Planungslogistik der Besucher angeht – ein recht kundenfreundliches Programm gestaltet: Die Kulturnacht 2010. Am Samstag, 8. Mai ist es so weit.

17.04.2010

Von Peter Ertle

Tübingen. Tübingen macht blau und die Kulturnacht macht: Blaupause. So lautet jedenfalls ihr Motto. Was man sich darunter vorstellen darf? Alles, was sich die unter dem Kulturnachthut versammelten Künstler darunter vorstellen, denn das Thema ist selbstverständlich ein zwangloses Assoziationsangebot, das einige bedienen, viele einfach ignorieren, manche dreist konterkarieren: „Weiße Nächte“ und keinesfalls blaue hat beispielsweise das Orchester Musette Café de Paris angekündigt, einer von drei Programmpunkten im Kino Löwen. „Tübingen macht gelb“ wiederum behauptet der Stammtisch unser Huhn, der sich unter diesem Titel mit der Geschichte der Tübinger Urinale beschäftigt. Rot wiederum sind die ermäßigten Eintrittsbändel (7 Euro) für Schüler und Studenten, Blau ist ja schon den nicht ermäßigten Bändeln (12 Euro) vorbehalten.

Straße, Vorplatz,

Hinterhof

Sehr weitgehend dagegen erfüllen den Kulturnachtstitel die Künstler Uwe Petruch und Malcolm Brook. Sie zeigen in der Mühlstraße die ganze Nacht blaue Amaryllisdrucke auf Bütten, das wie Pauspapier viele Naturpigmente aufnimmt. Der Farbe Blau in der Dichtung geht man im Deutsch-Französischen Kulturinstitut nach. Und im Kino Arsenal ist extra für die Kulturnacht Daniel Sánchez Arevalos? preisgekrönter Film „dunkelblaufastscharz“ zu sehen. Der „blaue Turm“ darf in dieser Nacht selbstverständlich nicht fehlen. Er sorgt unter anderem für das späteste Event, den Ausklang: Von 0 Uhr bis 5 Uhr geht hier die Aftershowparty mit diversen DJs über die Bühne.

So viel mal dem Farbleitsystem nach. Aber bevor es nun auszugsweise hineingeht in die einzelnen Veranstaltungen erst ein Überblick über die grobe Richtung dieser Nacht, Richtung zunächst ganz wörtlich genommen: Sie führt in die Innenstadt, denn dort und diesmal nicht weit darüber hinaus werden nach den schlechten Erfahrungen der Kulturnacht 2008 sämtliche Events stattfinden. Um die 100 werden es sein. Rund 200 Künstler sind beteiligt, etwa 85 Prozent stammen aus Tübingen, so Kulturnachtsorganisator Michael Raffel. Im Programm, das ab Ende nächster Woche an den einschlägigen Stellen ausliegen wird, springen einem bei den Veranstaltungsorten Bezeichnungen wie „Straße“, „Vorplatz“ oder „Hinterhof“ entgegen: So viel Straße war nie.

Das Wetter muss mitspielen

Falls das Wetter mitspielt dürfte also für eine schöne Belebung gesorgt sein. Zumal – und auch das sticht ins Auge – auffallend viele der Veranstaltungen dort wiederholt zu sehen sein werden. Das Problem, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein zu müssen, was sich leider wieder mit fünf anderen ebenfalls interessanten Veranstaltungen überschneidet, wird dadurch minimiert. Das Wetter muss allerdings mitspielen, denn nur in wenigen Fällen kann die jeweilige Veranstaltung schnell in ein bedachtes Ausweichquartier ziehen. Ein auffallendes Risiko dieser Nacht.

Erstaunlicherweise ist es gelungen, den für Kulturevents in Tübingen wahrlich ausgekundschafteten, ausgefallenen Spielorten noch ein paar neue beizugesellen. Wie zum Beispiel die alte Burse, wo sich mittels Zeichnungen, Kalligraphien und einer „imaginären Führung“ alles um Schelling drehen wird, während vom Vorplatz herein Musik des Salonorchesters Musik weht – aus der Zeit vor dem Grammophon selbstverständlich, das gab es zu Schellings Zeit ja noch nicht.

Ebenfalls ein neuer Ort: Die Galerie Art Tempto in der Haaggasse 3, wo die ganze Nacht Programm ist, unter anderem Clownin Anja Mildner eine Nähmaschinenpantomimenperformance (das längste Wort dieser Nacht) mit elektronischer Livemusik und Lichteffekten gibt und Gedichte von der jungen Tübinger Lyrikerin Andrea Mittag zu hören sind. Andrea Mittag. Nie gehört? Wir auch nicht. Es gibt also nicht nur neue Orte, sondern auch neue Namen und Gesichter.

Schon bekannter, wenn auch in ihrem lyrischen Schaffen noch unterbelichtet sind Max Dorner und Mark Pelzer, die „gute Gedichte und schlechte in kleiner Schrift“ lesen werden, vermutlich die charmanteste Ankündigung der Nacht, und zwar von 19.30 Uhr bis 23 Uhr in der „Bedürfnisanstalt Rathausarkaden“. Soll das etwa heißen auf dem Klo? Ja, ganz präzise: Auf der Herrentoilette. Damen haben ausnahmsweise Zutritt. Gewiss auch ein neuer Spielort.

Und am Brunnen: Die Finanzkrise

Das Evangelische Stift dagegen ist zwar bekannt, aber man weiß nicht recht, was unerwarteter ist: Dass dort in einem Konzert für zwei Flügel Lieder der legendären Rockband Genesis zu hören sind? Oder dass diese von der Leiterin der Tübinger Musikschule, Annette Tinius-Elze gespielt werden (ihr Partner: Laurenz Antalffy)? Die Herren Gabriel, Collins &Co. wären sicher entzückt.

Übrigens wird auch auf aktuelles Lokal- und Zeitgeschehen Bezug genommen: Halb im Vorblick auf die unmittelbar bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft, halb hinsichtlich Tübingens neuer Partnerstadt Moshi gibt es im Club Voltaire eine afrikanische Nacht. Auch die Finanzkrise wird künstlerisch reflektiert: Am Marktplatzbrunnen werden in einer Theaterperformance in „wirtschaftskriseligen“ Kostümen der Tübinger Künstlerin Sabine Mucha Fonds, Dollars, faule Kredite und andere schmutzige Papiere gewaschen.

Info

Vorverkauf ab 27. April beim TAGBLATT-Eck, Verkehrsverein und dem Fairen Kaufladen. Dann sollen auch die Programme ausliegen.

Ganz links das Logo der Kulturnacht 2010, daneben das berühmte Blau des Künstlers Yves Klein (ja, gut, es soll dieses Blau sein!), um das es unter anderem im Büro Nummer 9 des Kunstamts gehen wird. Sebastian Blaus schwäbische Gedichte werden von Rolf Schorp in der Kreissparkasse am Lustnauer Tor gelesen. Und Daniel Sánchez Arévalos’ Film „dunkelblaufastschwarz“ wird im Kino Arsenal zu sehen sein. Bilder: Blautopf

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Erstellt:
17. April 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2010, 12:00 Uhr

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