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Nachruf auf Beate Schmeichel-Falkenberg

Ein erfülltes Leben

Es scheint fast unmöglich, dass all das in eine einzelne Biografie gepasst hat: Zum Tod von Beate Schmeichel-Falkenberg.

23.09.2017

Von Marcus Hammerschmitt

Beate Schmeichel-Falkenberg Bild: Hammerschmitt

RRundfunkmoderatorin. Behindertenpädagogin. Antifaschistin. Exilforscherin. Literaturwissenschaftlerin. Judaistin. Feministin. Manchen Menschen wird ein „erfülltes Leben“ nachgesagt, um darauf hinzuweisen, dass sie nicht umsonst gelebt haben. Dass das Leben von Beate Schmeichel-Falkenberg erfüllt war, liegt auf der Hand. Es scheint fast unmöglich, dass
all das in eine einzelne Biografie gepasst hat. Beate Schmeichel-Falkenberg hat es möglich gemacht.

Es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, als ich sie kennenlernte. Damals tauchte in der Künstlergruppe Tübinger Holzmarkt ein älteres Ehepaar auf: Manfred Schmeichel und seine Frau Beate Schmeichel-Falkenberg. Ich war damals Anfang dreißig und fragte mich, ob das funktionieren könne. Die Jüngsten bei uns waren Mitte zwanzig. Es funktionierte wunderbar. Manfred Schmeichel, der immer lange zuhörte, bevor er sich äußerte, und Beate Schmeichel-Falkenberg, die immer genau wissen wollte, was uns an Kunst, Film, Musik und Politik interessierte.

Den Vergessenen Stimme und Gesicht geben

Die immer hören und sehen wollte, was wir produzierten, und die uns leidenschaftlich von ihrer Arbeit in der Exilforschung berichtete: eine Stimme und ein Gesicht denjenigen geben, die von den Nazis ins Exil getrieben und später vergessen worden waren. Es ging ihr nicht nur um Größen wie Kurt Tucholsky und Else Lasker-Schüler, denen zwei von ihr mitgegründete Gesellschaften gewidmet waren – es ging um eine Gesamtsicht der kulturellen, politischen, sozialen Verwüstung, die von der Selbstenthauptung der Deutschen in der Nazizeit verursacht wurde.

Wie sie als Mensch war? Von ihren Leidenschaften nicht zu trennen. Zwei Anekdoten. In einer der vielen Funktionen, die sie im Lauf ihres Lebens ausgeübt hat, kam sie in Kontakt mit einem anonymen Altnazi und Kriegsverbrecher, der ihr eine Lebensbeichte ablegte. Sie hörte ihm stundenlang zu, beschwor ihn, reinen Tisch zu machen, gerichtsfest zu seinen Taten zu stehen. Das geschah nicht. Woher sie das wusste? „Davon hätte man in den Nachrichten gehört.“

Viel schöner und leichter war freilich, was sie von ihren Begegnungen mit berühmten Leuten erzählte. Zum Beispiel backte sie in ihrer Londoner Zeit einmal Käsekuchen. An sich nichts Besonderes, wenn die anderen Anwesenden nicht Francis Bacon, Lucian Freud und Frank Auerbach gewesen wären, drei der bedeutendsten Maler des zwanzigsten Jahrhunderts. Solche Geschichten konnte man von Beate Schmeichel-Falkenberg immer wieder hören.

Ein wirklich erfülltes Leben ist auch von Widersprüchen erfüllt. Der Begriff „Heimat“ war ihr verdächtig, zu viel war sie in der Welt herumgekommen, und die Heimatideologie der Nazis schreckte sie zusätzlich ab. Heimisch zu werden war nicht ihr Programm. Hinderte das die gebürtige Westfälin, sich für ihre Wahlheimat Mössingen zu interessieren und zu engagieren? Keineswegs. Die Art, wie sie mit ihrem Mann die Behindertenpädagogik nach Mössingen brachte, legt davon Zeugnis ab. Dass manche ihrer jüdischen Freunde sie nicht an einem Ort namens Mössingen-Belsen besuchen konnten, weil ihnen ein anderes Belsen allzu deutlich vor Augen stand, musste sie in Kauf nehmen.

Wie sie mit einem Satz beschreiben? Beate Schmeichel-Falkenberg hat sich nicht gescheut. Weder vor Menschen, noch vor Berufen, noch vor Konflikten, noch vor den Abgründen der deutschen Geschichte, noch vor den Schönheiten der Poesie und der Kunst. Vom Altwerden und von ihrem kommenden Tod sprach sie ohne Scheu. Jetzt ist sie Anfang der Woche im Alter von 91 Jahren gestorben. Das Ausmaß des Verlusts zu begreifen, fällt schwer.

KBF: „Sehr kompetent und engagiert“

Auch die KBF trauert um ihre erste Schulleiterin: Als Beate Schmeichel-Falkenberg 1973 diese Stelle antrat, waren die vier Klassen in einem Flügel des Mössinger Quenstedt-Gymnasiums untergebracht. Sie habe „wesentlich zum Aufbau der Schule beigetragen und auch wichtige Impulse zum Neubau, der 1976 bezogen werden konnte, gegeben“, schreibt die KBF. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Manfred Schmeichel, der auch Gründungsmitglied und zu Beginn Vorstandsvorsitzender war, habe sie „sehr kompetent und engagiert die konzeptionelle Entwicklung der sonderpädagogischen Einrichtungen vorangebracht. Frau Schmeichel-Falkenberg hat die Arbeit der KBF sehr engagiert als Mitglied von Beginn an mitgestaltet. Sie hat über Jahrzehnte starken Anteil genommen an der Entwicklung der Schule und bis zuletzt einen engen Kontakt zur Schulleitung gehalten. Die Entwicklung der Dreifürstensteinschule in Mössingen hat sie immer mit großem Stolz betrachtet.“

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Erstellt:
23. September 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
23. September 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. September 2017, 01:00 Uhr

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