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Kommentar Frankonenstollen Reutlingen

Ein Zeitzeuge ist verstummt

Es ist schon ein merkwürdiger und auch trauriger Zufall: Kurz bevor damit begonnen wird, das frühere Luftschutzbunker-System unter der Reutlinger Uhlandhöhe mit Kies zu verfüllen, ist einer von denen, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter diesen Frankonenstollen graben mussten, gestorben: Evrard Célestin aus Belgien, der von 1944 bis 1945 bei der Betzinger Firma Wilhelm Hein Höhenteilwerke Tragflächen für die V 1-Rakete zusammenbaute.

06.11.2012

Von Thomas de Marco

Wie sein Stiefsohn Marc Simal berichtet, ist Celestin vor zwei Wochen im Alter von 88 Jahren verstorben. „Er hat mir erzählt, dass er beim Bau des Frankonenstollens dabei war“, schreibt Simal. Über die Bedingungen, denen die Zwangsarbeiter dabei ausgesetzt waren, kann der Stiefsohn allerdings nichts berichten.

Aus den Erzählungen von Célestin hat Simal allerdings viel darüber erfahren, wie es seinem Stiefvater in Betzingen ergangen ist. Célestin war einer von über 500 Zwangsarbeitern, die bei der Firma in der Wannweiler Straße beschäftigt war. Er sei in einem Barackenlager untergebracht gewesen – vermutlich in einer der Baracken an der Karlshöhe. Im Lager hätte ein Mann namens Walz die Aufsicht gehabt. Die Fremdarbeiter seien dort unter menschenunwürdigen Bedingungen einquartiert gewesen. Pro Baracke habe es lediglich eine Toilette gegeben, und selbst im Winter blieben die Unterkünfte unbeheizt, berichtete der ehemalige politische Gefangene seinem Stiefsohn. Der Belgier erzählte auch von etwa einem Dutzend Erschießungen im Lager. Damals habe es dort in Betzingen auch ein Massengrab gegeben.

Im Jahr 1951 kehrte Célestin zusammen mit seiner Frau nach Betzingen zurück, um den Ort seiner Gefangenschaft zu besuchen. Das Lager auf der Karlshöhe gab es damals allerdings bereits nicht mehr. Man habe sich wohl sehr beeilt, das Lager verschwinden zu lassen, vermutete der ehemalige Zwangsarbeiter. „Neue große Häuser“ seien dort gebaut worden – die Eberhard-Wildermuth-Siedlung.

So sehr Célestin unter den Bedingungen in Betzingen gelitten hatte, „bis zuletzt hat er immer darauf beharrt, dass die Bevölkerung den Zwangsarbeitern respektvoll begegnet ist“, erklärt Simal. Auf dem Weg zur Arbeit, der an der Metzgerei Leibssle vorbeiführte, hätten etwa der Metzger oder zwei jüngere Frauen den Gefangenen manchmal heimlich etwas zu essen zugesteckt. „Nur in seltenen Fällen, in Gegenwart von Soldaten und Offizieren, waren die Zivilisten schlecht zu uns“, hat Célestin seinem Stiefsohn berichtet.

Derzeit sucht das Stadtarchiv nach Zeitzeugen, die persönliche Erlebnisse mit dem Frankonenstollen verbinden und darüber berichten möchten. Zwölf Personen haben sich laut Stadtverwaltung bisher gemeldet. Evrard Célestin hätte die Sicht der Betroffenen darstellen können. Doch dieser Zeitzeuge ist leider verstummt – kurz bevor der Frankonenstollen wieder verfüllt wird.

Célestin als Zwangsarbeiter im Alter von 21 Jahren.Bilder: privat

Evrard Célestin

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Erstellt:
6. November 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2012, 12:00 Uhr

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