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Anstelle des Fischerischen Hauses ließ Metzger Gustav Adolf Völter ein Jugendstilhaus bauen

Ein „Wurstpalast“ kam zum „Millionenloch“

Nur noch die Monogramme im Giebel sowie das Initial und die Brezel im schmiedeeisernen Türgitter erinnern an die einstigen Besitzer der beiden stattlichen und stadtbildprägenden Häuser: Gustav Adolf Völter betrieb in der Neckargasse 1 eine Metzgerei, sein Schwager Friedrich Schwägerle in der Nummer 1 ½ eine Bäckerei.

11.11.2011

Von Manfred Hantke

Wer vor solch einer herrlichen Jugendstiltheke steht, für den darf’s auch mal „’n bissle mehr sein“. Die Theke mit den Majolika-Kacheln könnte heute in den USA stehen. Das Bild entstand 1968.Bild: Stadtarchiv Tübingen

Tübingen. Der Tübinger Fritz Schwägerle hat einige bemerkenswerte und schöne Zeitzeugnisse zur Stadt- und Familiengeschichte gefunden. Eines der Fotos zeigt das kurz vor 1900 abgerissene Haus an der Ecke Neckargasse und Schulberg, gleich gegenüber der Stiftskirche. Es gehörte dem Hutmacher Robert Fischer, weiß Antje Zacharias vom Tübinger Stadtarchiv. Damals stand es an einer der verkehrsreichsten Straßen Tübingens. Das mochte wohl Anstoß für den nicht unvermögenden Metzger Gustav Adolf Völter gewesen sein, von der Hafengasse 1 wegzuziehen und sein neues Haus direkt gegenüber der Stiftskirche zu bauen.

Und was für ein prächtiger Bau! Das Jugendstilhaus errichteten die Arbeiter nach den Plänen des Stuttgarter Regierungsbaumeisters Adolf Katz 1900. Weil der Eingang vom Schulberg ans Eck zur Neckargasse (damals Neckarstraße) verlegt wurde, erhielt es die Nummer 1. Das Haus rechts daneben, das bis dahin die Nummer 1 gehabt hatte, gehörte den Memmingers, es bekam die Nummer 1 ½. Denn die 3 war vergeben.

Fliesen aus dem Bauschutt gerettet

Tochter Albertine Memminger war mit dem Metzger Gustav Adolf Völter verheiratet, Tochter Sofie Memminger mit dem Bäcker Friedrich Schwägerle. Im Giebel der Nummer 1 sind noch die Monogramme „GV“ für Gustav Völter und „AV“ für Albertine Völter zu sehen, während das „M“ in der Gittertüre der Nummer 1 ½ oberhalb der Brezel auf die Memmingers als Besitzer hinweist.

Der wohl wegen seines großen Fleisch- und Wurstwarenangebots und der Opulenz des Hauses bald „Wurstpalast“ genannte Jugendstilbau war für die damalige Zeit zwar typisch, für die Tübinger Altstadt aber untypisch. So erregte das Backsteingebäude bei der Stadtverwaltung heftigen Widerspruch. Sie erließ 1907 eine Stadtbildsatzung, wonach für einen Großteil der Oberstadt Backsteinbauten, sichtbare Eisenkonstruktionen, flache Dächer und Dacheindeckungen mit Schiefer, Zink oder Blech verboten waren. Nach Intervention des Innenministeriums beschränkte die Verwaltung die Satzung auf den Marktplatz.

Doch die Kritik am Haus währte noch jahrzehntelang. 1934 tadelte der Münchener Kunsthistoriker Prof. Wilhelm Pinder im „Schwäbischen Heimatbuch“ den Bau als „eigensüchtigen Fremdkörper“, der das gesamte Ensemble störe und einen „feinfühligen Ausdruck der Volksgemeinschaft“ verhindere, wie Kulturwissenschaftler Andreas Vogt 1996 im TAGBLATT schrieb. Und selbst noch nach dem Zweiten Weltkrieg verweigerte die Stadt dem Enkel des Bauherrn eine Leuchtreklame mit der Begründung, dadurch würden „die äußerst unangenehmen Bauformen Ihres Hauses nur noch mehr hervorgehoben.“

In der Metzgerei wurden bis 1969 Fleisch und Wurst verkauft. Danach zog ein Kneipier dort ein, ab 1973 hatte dann 30 Jahre lang der Reutlinger Juwelier Rolf Lachenmann eine Filiale. Seit 2004 ist dort ein Handy-Laden.

Vom Metzgerladen sind noch ein paar Fliesen erhalten, die beim Umbau in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus dem Bauschutt gerettet wurden. Erhalten ist wohl auch noch die prächtige Ladentheke. Wo sie allerdings steht, weiß niemand genau. Im Stadtarchiv findet sich nur eine handschriftliche Notiz, dass sie an einen Stuttgarter Kunsthändler übergeben wurde. Er soll sie in die USA verkauft haben.

Glücklicherweise sind die Debatten um das markante Schmuckstück an der Ecke Schulberg/Neckargasse längst verstummt. Verwunderlich bleibt nur, dass es nicht unter Denkmalschutz steht.

Auch das Haus Neckargasse 1 ½ muss ohne den Schutz des Denkmalamtes auskommen. Gebaut wurde es einige Jahre vor dem „Wurstpalast“. Denn der Vorgängerbau war wohl kaum zu halten. Schon Anfang der 1870er Jahre war er mehr als sanierungsbedürftig. Der im Jahr 2000 verstorbene TAGBLATT-Redakteur Helmut Hornbogen lässt in seinem Buch „Tübinger Dichterhäuser“ den Schriftsteller, Sozialisten und Freidenker Bruno Wille (1860 – 1928) zu Wort kommen. Wille kam als 13-Jähriger nach Tübingen und wohnte dort mit seinen Eltern 1873 einen Winter lang. Seine Eindrücke schildert er im 1920 erschienenen Werk „Der Glasberg. Roman einer Jugend, die hinauf wollte“.

Der „verkümmerte und morsche Bau“ hatte „krumme, rissige Balken“ und ein „schadhaftes Ziegeldach“, schreibt Wille. Der Aufstieg zu den oberen Stockwerken sei „abenteuerlich“ gewesen. Über eine Treppe aus wackeligen Steinplatten ging?s nach oben, ein Strick am Geländer sollte den notwendigen Halt geben. Die Willes wohnten im zweiten Stock. Um dorthin zu kommen, mussten sie an einer Kuh, einem Schwein und ein paar Gänsen vorbei. Die hatten nämlich ihren Stall im ersten Stock.

Neben dem Stall wohnte das „madeerebecksche Ehepaar“. „Madeere-Beck“ tauften die Studenten den Besitzer, Wirt und Bäcker Carl Forstbauer, weil er Jahre zuvor „einen gezuckerten Krätzer“ als „Madeira“ ausgeschenkt haben soll.

Die Mutter Bruno Willes packte bei solchen Wohnverhältnissen das pure Grauen: „Der Schwamm ist drin“, schimpfte sie, „alles verstockt und zermürbt“. Die feuchten Stalldünste der „Madeere-Kuh“ zogen durch alle Ritzen, machten sich im Gehölz breit. Überhaupt: „Eine unerhörte Verschrobenheit, im ersten Stock, in der Beletage, eine Kuh zu halten. So was kommt nur in diesem Spießernest vor.“ Im Frühjahr 1874 flüchteten die Willes in das Haus des Malers Christian Wilhelm Hebsacker, Neckarbad 6.

Die Balken waren sicherlich schon durchtränkt vom Kuh- und Schweinemist. Ende der 1880er Jahre stand ein neuer Bau an derselben Stelle. Dort buk der Feinbäcker Friedrich Schwägerle Brot und Wecken. Weil er großes Immobilien- und Bauplatzinteresse hatte, sei die Bäckerei im Volksmund auch „Millionenloch“ genannt worden, erinnert sich der 71-jährige Enkel Fritz Schwägerle heute. Die Backstube war im 1. Stock, rechts daneben das Mehllager. Gewohnt hat die Bäckerfamilie im zweiten Stock, die Gesellen hatten ihre Kammer unterm Dach. So war das damals üblich.

Mühsam war die Befeuerung. Mangels einer Ölzentralheizung wurde der Backofen mit Kohle gefüttert. Nach der Kohle-Anlieferung lag der Berg stets auf der Neckargasse herum und musste in den 1. Stock hoch getragen werden. Doch der Backofen sorgte gleichzeitig für warmes Wasser im ganzen Haus.

Bäcker Friedrich Schwägerle starb 1936 im Alter von nur 56 Jahren. Der Sohn, ebenfalls Friedrich, hatte bereits eine andere Laufbahn eingeschlagen, sollte, aber wollte die Bäckerei nicht übernehmen. Er war Diplom-Ingenieur und hatte als Maschinenbauer an den Turbinen für die Niagara-Fälle mitgearbeitet, sagt Fritz Schwägerle. Dann sollte er für die Firma in die USA gehen. Das aber passte ihm gar nicht, denn aus Tübingen wollte er nicht weg.

Ein Gedicht für den Raupedoktor Schwägerle

So entließ die Firma den Ingenieur, der sich bald als Medizinstudent an der Uni einschrieb und Arzt in der Gartenstraße 13 wurde. Als „Raupedoktor“ wurde er bekannt, als Mediziner, der sich auch um die ärmere Bevölkerung aus der Tübinger Unterstadt gekümmert hat, der ohne Unterschied „Chrischten“ und „Kommenischten“ gleichermaßen behandelt hat, wie der einstige TAGBLATT-Redakteur Fritz Holder in seinen „Räsen Versen“ dichtete. Er hat ihm mit „Dr Raupedoktor Schwägerle“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

1939 verkaufte die Familie Schwägerle das Haus Neckargasse 1 ½ an den Gesellen Eugen Schramm, der seine Bäckerei bis 1980 führte. Enkel Fritz Schwägerle wurde zwar auch wieder Bäcker, ging seinem Handwerk jedoch in der ganzen Republik nach. Er betrieb übrigens von 1980 bis 1995 die Gaststätte „Zum alten Fritz“ in der Tübinger Gartenstraße.

Info: Das Geschichtsprojekt Zeitzeugnisse (www.zeit-zeugnisse.de) sucht weitere alte Fotos und dazugehörige Geschichten aus dem Arbeits- und Wirtschaftsleben des Kreises Tübingen – ob Handwerk, Handel oder Industrie. Schicken Sie uns Ihre Bilder entweder per E-Mail an redaktion@zeit-zeugnisse.de oder per Post an Redaktion Zeitzeugnisse, Uhlandstraße 2, 72072 Tübingen. Sie können uns Ihre Bilder, Negative oder Dias bringen, wir scannen sie kostenlos ein.

Bekannt sind bislang zwei Bilder des kurz vor 1900 abgebrochenen Fischerischen Hauses am Eck Schulberg/Neckargasse, das dem Hutmacher Robert Fischer gehörte: eins von Hermann Bauer, ein weiteres von Paul Sinner. Wer dieses Foto und die beiden Fotos vom Metzger Gustav Adolf Völter und vom Bäcker Friedrich Schwägerle gemacht hat, ist nicht überliefert. Es muss jedoch ein Profi gewesen sein, denn Amateure besaßen damals noch keine Foto-Kamera. Das Haus Neckargasse 1½ (damals die Nummer 1) steht bereits. Die Einbuchtung ist deutlich zu erkennen, es wurde etwa einen Meter weiter vom Bordstein weggerückt. Der spätere „Wurstpalast“ schließt mit der Front der heutigen Nummer 1½ ab. Bild: Privat

Fritz Schwägerle, Zeitzeuge. Bild: Hantke

Das „M“ und die Brezel erinnern im Gitter der Eingangstür des Hauses Neckargasse 1½ an das Bäckerhandwerk und an die einstigen Besitzer Memminger. Bild: Sommer

Der Bäcker Friedrich Schwägerle (Mitte) 1909/10 mit zwei seiner Gesellen sowie mit dem Sohn Friedrich, dem späteren „Raupedoktor“. Aus dem ersten Stock schaut eine Frau aus dem Fenster. Es könnte Sofie Schwägerle sein.Bild: Privat

Wie Fleischwurstringe hängen die Relief-Schmuckelemente an der Fassade des „Wurstpalastes“, der Neckargasse 1. Gustav Adolf Völter war einer der ersten Tübinger mit einem Telefonanschluss. Die 74 wandelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in 2074. Das Bild entstand etwa 1909/10. Bild: Privat

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Erstellt:
11. November 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. November 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. November 2011, 12:00 Uhr

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