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Per Gutschein nach Arkadien

Ein Wiedersehen mit dem Theater U 34

Ihre Mitglieder sind seit Jahren über ganz Deutschland verstreut. Dass das Tübinger Theater U34 nun in nahezu voller ehemaliger Besetzung für zwei Aufführungen von Tom Stoppards „Arkadien“ im Sudhaus auftritt, gehört ins Reich der Wunder, von denen wir seit Katja Ebstein wissen, dass es sie immer wieder gibt.

01.12.2011
  • Peter Ertle

Tübingen. „Wie lange können wir proben?“ fragt Mike Sperber. „Mein Flieger geht um neun“, sagt Henry Toma, und, fast etwas entschuldigend fügt er hinzu: „Hamburg.“ Mit Bahn oder dem Auto ginge das eben nicht. Denn er ist nur für ein Wochenende da. Und morgen ist Montag. Da muss auch die Lehrerin aus Starkow wieder unterrichten, die daher vermutlich schon auf dem Weg zurück ist. Die Frauen haben heute Vormittag Szenen geprobt. Jetzt, nachmittags, sind drei der Männer dran.

Theaterproben auch via Skype

Wir stehen vor dem Eingang des Wilhelm-Schickhard-Instituts auf dem Sand. Regisseur Mike Sperber, von Beruf Programmierer, hat hier die Proberäume organisiert. Er hat es nicht weit, das gilt auch für den Tübinger Gymnasiallehrer Chris Linder und den Esslinger Eventmanager Andreas Wolfer. Der Rest muss reisen, schon seit zwei Jahren, nach „Arkadien“, so heißt das Theaterstück von Tom Stoppard. Und Arkadien liegt jedes Mal woanders.

Denn die Geschichte dieser Inszenierung ist einigermaßen verrückt, eigentlich noch verrückter als jene Nacht, in der die Idee geboren wurde. Dass auf einer Hochzeitsfeier nach viel Wein der Bräutigam und ehemalige Regisseur einer studentischen Theatergruppe von den inzwischen über ganz Deutschland verstreuten ehemaligen Mitgliedern des Ensembles unter den Gästen einen Gutschein überreicht bekommt, in dem sie versprechen, für ein weiteres gemeinsames Stück zur Verfügung zu stehen – das mag ja noch angehen. Dass der solchermaßen Beschenkte auch gegen manches Ansinnen der irgendwann wieder nüchternen Gäste hartherzig auf die Einlösung des Gutscheins pocht und daraufhin alle Schenker ihr Wort halten, ist eine noch viel großartigere Geschichte.

Denn tatsächlich bedeutete das schwierige Terminfindungen, Probenwochenenden mal in München, mal in Berlin, mal in Stuttgart, in Stralsund, Lorch, Hamburg, Scheeßel oder Starkow – es sollte ja reisetechnisch niemand benachteiligt werden. Jahresurlaube wurden verbraten, Kinder wurden geboren, Großeltern wurden zwecks Kinderaufsicht bestochen, Lebenspartner wurden einfach mitgenommen oder vor vollendete Tatsachen gestellt. Telefonkonferenzen und Theaterproben via Skype wurden abgehalten. Nach ihrer eigenen Buchführung reisten die Schauspieler während der gesamten Zeit 113 417 km – was einer dreimaligen Erdumrundung entspricht – und tranken auf den Proben 994 Tassen Kaffee.

Drei Männer im Clinch, viel Spannung

Das Außergewöhnliche dieser Unternehmung wird vielleicht einen Tick verständlicher, wenn man bedenkt, dass es 1999 bei Gründung der (nach dem Proberaum im Untergeschoß des Brechtbaus benannten) Theatergruppe U34 in Tübingen bereits mit die ambitioniertesten, damals schon seit Jahren leidenschaftlichsten Schauspieler und Leiter diverser Theatergruppen am Neuphilologicum waren, ein Allstarensemble sozusagen, das sich hier zusammenfand. Möglicherweise auch die frechsten oder zumindest selbstbewußtesten, denn da das Ende ihres Studiums sehr geschickt mit dem Ende der Intendanz des damaligen Zimmertheaterchefs Klaus Metzger zusammenfiel, bewarben sie sich ein Jahr nach Gründung gleich mal mit einem Konzeptpapier um die Nachfolge – vermutlich ohne je eine reelle Chance zu haben. Das Rennen machte damals bekanntlich Vera Sturm.

Aus Studenten sind inzwischen berufstätige Enddreißiger und mehrfach Eltern geworden, Lehrer, Theaterpädagogen, Film- und Fernsehautoren, Informatiker, Veranstaltungsmanager, Lektoren. Ein kurzer Blick in ihre Vita zeigt, dass das Theater auch die beruflich ganz anders Orientierten bis heute nicht recht los lässt, was sich in entsprechenden Workshops, einem angehängten Film-und Fernsehstudium oder einer Promotion über deutsches Gegenwartsdrama ablesen lässt. Oder eben an diesem Wiederaufleben des Theater U34-Projekts, in dem sich Theaterleidenschaft und persönliche Freundschaften nicht mehr trennen lassen. Wobei, alle Ehemaligen waren nicht zu mobilisieren, so ist das ja immer. Lehrer und Kabarettist Kasra Hemmasi zum Beispiel oder die in Nürnberg lebende freie Regisseurin Tina Geissinger fehlen.

Wieder zurück zum Sonntag und zum Wilhelm-Schickard-Institut in Tübingen. Die drei Schauspieler haben sich inzwischen umgezogen und erscheinen nun in den Rollen von Hauslehrer Hodge, dem Dichter Ezra Chater und Captain Brice. Wir befinden uns im Stück nämlich im Jahre 1809. Lord Byron, berühmter Dichter und Liebhaber besucht die Familie Coverly auf dem Land. Briefe berichten von einem Duell mit dem Poeten Chater, der kurz danach tot ist. Die Mutmaßungen, was vorgefallen sein könnte, beschäftigen in der Gegenwart den Byron-Froscher Bernard. Wir haben also zwei Zeitebenen in diesem Stück und in jeder ziemlich viel Liebesverwirrung.

Mindestens genauso sehr wie um diese geht es, so Regisseur Mike Sperber, aber auch um Thermodynamik, Fraktale, Entropie und das Gegensatzpaar Determinismus und freier Wille. Aber vielleicht ist für diese Thematik dann doch eher das Programmheft zuständig. Denn im Proberaum, wo sich die Szenen mit jeder wiederholten Sequenz deutlich verbessern, sehen wir vor allem drei Männer im Clinch, ein sich anbahnendes Duell, viel Spannung und durchaus auch Humor. Premiere war übrigens im August im Hamburger Sprechwerk. An diesem Wochenende stehen die nächsten Aufführungen im Tübinger Sudhaus an.

Und weil bei einem Projekt am Studienort der Schauspieler und Gründungsort des Ensembles es ja noch hiergebliebene ehemalige Freunde, Bekannte oder Fans geben dürfte, sollen hier am Ende nochmal Namen sprechen, es spielen: Mayte Fleischner, Henry Toma, Mike Sperber, Andreas Wolfer, Katharina von Savigny, Chris Linder, Mo Sauer, Manuela Morlok, Nikolaus Frei, Frank Weiß und Timo Kraus.

Info: Theater U 34 spielt Tom Stoppards „Arkadien“ am Samstag und Sonntag, 3. und 4. Dezember jeweils um 19.30 Uhr im Tübinger Sudhaus

Ein Wiedersehen mit dem Theater U 34
Herrenrunde auf der Probe, von links: Andreas Wolfer, Henry Toma und Chris Linder.Bild: Metz

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01.12.2011, 12:00 Uhr
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