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Bücher in Bewegung

Ein Weltrekord und auch Literatur: Die Frankfurter Buchmesse mit Gastland Indonesien

Wer die Buchmesse in Frankfurt besucht, die weltgrößte ihrer Art, ist ganz geplättet vor lauter Superlativen. Und dann stößt Literaturkritikerin Christine Westermann auch noch ein Domino mit 10 200 Büchern an.

15.10.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Frankfurt "Mehr Literatur, weniger Events", hat Buchmesse-Direktor Juergen Boos versprochen. Okay, aber in Halle 6.3. bauen sich jetzt Fotografen, Kameraleute und Reporter auf und warten auf den Anstoß von Christine Westermann. Die stupst als Literaturkritikerin sonst eher die Leser an, um sie auf tolle Lektüre aufmerksam zu machen. Gestern Mittag aber setzt sie ein Buch-Domino in Bewegung. Also los, Boos ist richtig froh, dass er nicht ranmuss, "ich hätte panische Angst, etwas falsch zu machen". 10 200 Bücher fallen um, schön choreografiert der Reihe nach. Weltrekord!

Patrick Sinner und seine Truppe aus Kefenrod (Hessen, Wetteraukreis) übertrumpften damit die Japaner, die es nur auf 9862 Exemplare gebracht hatten. Seyda Subasi-Gemici, die extra aus der Türkei herbeigeflogen ist, holt die gerahmte Urkunde. Sie ist offizielle Richterin von Guinness World Records. Richtig: Was sich wie Dominosteine niederstreckte, waren gelb glitzernde Bände von "Guinness World Records 2016" - übrigens ein Bestseller, seit 1955 wurden von diesen Rekordbüchern in mehr als 100 Ländern rund 134 Millionen Exemplare (in 21 Sprachen) verkauft.

Auch das ist die Frankfurter Buchmesse, übrigens die amtlich weltgrößte, wie Frau Subasi-Gemici stolz erzählt. Aktuell, um jetzt noch mehr Zahlen zu diesem superlativen Event zu bieten, sind 7100 Aussteller aus mehr als 100 Ländern dabei, 270 000 Besucher werden erwartet. Und es geht wirklich nicht nur um Literatur.

Irgendwie bezeichnend, dass im neuen Guinness-Buch auch keine Rekorde aus der Buch-, dafür aber aus der Comic-Welt verzeichnet sind: Der größte Comic-Strip? 3785,35 Quadratmeter groß, im Jahre 2010 zusammengesetzt aus 13 Einzelbildern der japanischen Fußballnationalmannschaft.

Comics spielen auch eine Rolle in der Forum-Halle, wo sich Indonesien, das Gastland der Buchmesse, stimmungsvoll präsentiert. Debby Susando aus Jakarta, die nach Deutschland kam, um Medienmanagement zu studieren, hat hier einen Buchmesse-Job und teilt Broschüren aus: Nein, sagt sie, die Lesekultur in ihrem Heimatland sei nicht so ausgeprägt, und sie weiß warum: "Die armen Leute hatten nie viel Geld für Bücher."

Nach 300 Jahren unter niederländischer Kolonialherrschaft ist dieser hauptsächlich islamische Staat der 17 000 Inseln erst seit 1945 unabhängig - in diesen 70 Jahren seither fiel die Analphabetenrate aber von 95 auf 8 Prozent! Es ist ein Land, das den beschwerlichen Weg zur Demokratie geht: "Denke immer daran, wenn der Wind sich erhebt, dass auf dem Land, das wir erträumten, Tote waren, viele Tote", steht auf einem der zahllosen, vom Hallenhimmel herunterhängenden Leuchtstangen, ein Satz Rivai Apins. Die politische Buchmesse, die Salman Rushdie mit einem Plädoyer für die Meinungsfreiheit eröffnet hatte, auch im indonesischen Pavillon mit den "Inseln der Imagination" findet sie Worte.

Aber gekocht wird auch. "Spice it up!" lautet das Motto. Von der täglichen Show der Gourmet Gallery bis zu mobilen Garküchen in der Stadt: Indonesien geht ziemlich durch den Magen. Im Pavillon darf man die Gewürze kosten. "Be careful", warnt noch eine Indonesierin in Landestracht vor "Cabe Jamu", vor langem Pfeffer aus Java. Nicht nur gute Literatur wirkt nachhaltig.

Aber jetzt wieder ein paar Rekorde: Auf dem Blauen Sofa des ZDF hatte Volker Weidermann, der neue Anführer des "Literarischen Quartetts", den "überraschendsten Buchpreisträger der Welt" zu Gast, nämlich Frank Witzel. Und dessen Roman trägt auch einen sehr langen Titel, der aber wiederum die kürzest mögliche Wiedergabe des Inhalts ist: "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969".

Witzel, 1955 in Wiesbaden geboren, freut sich darauf, dass sein Roman jetzt weltbekannt werde, auch in Saudi-Arabien und China. Doch, auf der internationalen Buchmesse, wo zwei Drittel der Aussteller aus dem Ausland kommen, glaubt man das sofort. Wahnsinn, Revolte, Melancholie im sehr bundesrepublikanischen Deutschland der 1960er Jahre habe er versucht, in Einklang zu bringen. Da sei er schon gespannt darauf, wie sich das auf Arabisch oder Chinesisch lese. Witzel jedenfalls hat 15 Jahre lang an seinem Roman geschrieben, und vor 2030 erwarte er auch keine Übersetzung. Das ist jetzt eher kein Event.

Ein Weltrekord und auch Literatur: Die Frankfurter Buchmesse mit Gastland Indonesien
Leer ist der gemeinsame Stand iranischer Verlage - der Iran hatte seine Teilnahme wegen der Anwesenheit Salman Rushdies abgesagt. Rechts purzelt ein Rekord: 10 200 Ausgaben des Guinness-Buchs der Rekorde fielen im Buch-Domino. Foto: dpa

Ein Weltrekord und auch Literatur: Die Frankfurter Buchmesse mit Gastland Indonesien
Träger des Buchpreises: Frank Witzel. Foto: dpa

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15.10.2015, 12:00 Uhr
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