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Ein Treppenlift für Fische
Fünfeinhalb Meter in drei Minuten: Die Fische in der Liftanlage bei Wangen werden eher gemächlich eine Ebene höher gelupft. Erfinder Georg Baumann spielt eine EU-Richtlinie in die Karten. Foto: dpa
Stauwehr in Wangen: Erfindung lässt Tiere Höhenmeter überwinden

Ein Treppenlift für Fische

Wer nimmt schon die Treppe, wenn es einen Aufzug gibt? An einem Wasserkraftwerk im Allgäu können Fische mit dem Lift hoch und runter fahren. Den nutzen sogar Arten, für die er gar nicht gedacht ist.

07.03.2016
  • KATHRIN DRINKUTH, DPA

Wangen. Der Slogan ist mit einem weißen Aufkleber direkt am Lift befestigt. "Wir bringen sie nach oben", heißt es darauf. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Aber der Aufzug, der am Stauwerk am Fluss Argen bei Wangen (Kreis Ravensburg) hoch und runter fährt, ist nicht für Menschen gedacht. Er transportiert Fische von einem Flussteil in den anderen. "Fünfeinhalb Meter in drei Minuten", sagt Erfinder Georg Baumann.

Denn ungehindert stromauf- oder -abwärts zu schwimmen, geht für viele Fische in Deutschlands Flüssen nicht mehr. "Alle Gewässer sind irgendwie künstlich beeinflusst", sagt Hilmar Grzesiak vom Naturschutzbund (Nabu) in Baden-Württemberg. "Sie werden begradigt, verlegt oder zur Stromerzeugung gestaut. Ein natürliches Gewässer wäre der Sonderfall." Umso wichtiger sei, die Flüsse durchgängig - also mit freiem Weg für Tiere - zu halten, sagt Grzesiak. "Fast alle Fische ziehen im jahreszeitlichen Rhythmus auf und ab, ähnlich wie Zugvögel." Sie wanderten flussaufwärts, um im sauerstoffreichen Wasser zu laichen.

"Wenn der Fisch nicht ziehen kann, muss man Besatzmaßnahmen vornehmen - also künstlich nachhelfen. Oder die Fische laichen in anderen Gebieten. Das kann aber gefährlich sein oder nicht in ausreichender Zahl, weil die Bedingungen nicht optimal sind." Doch nun macht auch die Europäische Union Druck: Laut Wasserrahmenrichtlinie müssen bis spätestens 2027 alle Gewässer "durchgängig" sein. Seine Erfindung sei daher genau zur rechten Zeit gekommen, sagt Baumann.

Sie funktioniert so: Durch eine künstliche Strömung werden die Tiere neben dem Stauwehr in den Lift gelockt. Nach 60 Minuten geht dann die Klappe zu, der Schacht wird von unten mit Wasser geflutet und der Lift nach oben geschoben. Dort geht die Klappe auf, und die Fische können in den oberen Teil des Flusses schwimmen. Eine Viertelstunde haben die Tiere Zeit zum "Aussteigen" - bevor es wieder nach unten geht. "In 15 Minuten hat s bislang noch jeder rausgeschafft", sagt Baumann.

Bislang wurde die Durchgängigkeit in Deutschland meist mit einer Fischtreppe gewährleistet. Dabei können Fische den Höhenunterschied etwa an einem Stauwerk Stufe für Stufe überwinden. Die Fischtreppe sei aber ein relativ großer Eingriff in die Natur, sagt Baumann: Die Beton-Bauten müssten vor allem bei einem großen Höhenunterschied sehr großzügig gebaut werden, um die einzelnen Stufen für die Fische nicht zu sportlich zu machen. "Für manche Tiere ist das sonst zu anstrengend", sagt der Geschäftsführer der Baumann Hydrotec GmbH.

Zudem reiche manchmal der Wasserstrom nicht aus, um eine Treppe zu betreiben, sagt auch Grzesiak. "Sie wird dann nicht genügend befüllt." Und je höher das Stauwehr sei, das umgangen werden müsse, desto teurer sei eine Treppe auch im Vergleich zum Lift - der bei rund 2,5 Millionen Euro liege, sagt Baumann. Inzwischen habe er schon mehrere Anfragen von Unternehmen, ein weiterer Fischlift mit zwei Aufzügen entsteht derzeit am Ruhrwehr Baldeney bei Essen (Nordrhein-Westfalen).

Es gebe zwar auch schon andere Fischlifte, etwa in der Schweiz, in Frankreich oder Österreich, sagt Baumann. Allerdings könnten sie die Durchgängigkeit nicht im gleichen Maße gewährleisten, so dass der Fisch ungehindert wandern könne - die Tiere würden stattdessen in den Behälter reingelockt und dann oben am Fluss wieder ausgeschüttet. In seinem Aufzug merkten die Fische dagegen wenig von der Fahrt: Der Boden des Lifts ist mit Steinen und Kieseln dem Flussbett angepasst, der Druck im Wasser ändert sich während der Fahrt nicht.

Bevor der Lift in Betrieb ging, sei er am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) mit 850 Wildfischen getestet worden, sagt Baumann. So sei beispielsweise geprüft worden, wie hell es im nach oben offenen Aufzug sein muss oder wie stark die Strömung sein muss. Wie viele Fische im Schnitt mitfahren, lasse sich schwer beziffern, sagt Baumann. Bei einem Test während zwei Monaten seien aber rund 300 Fische mitgefahren.

Darunter war auch ein Überraschungs-Fahrgast: "Wir hatten eine Groppe, die einige Wochen vor dem Lift herumgeschwommen ist", sagt Baumann. Die Fischart bewege sich normalerweise am Boden des Flusses. "Aber irgendwann ist sie eingestiegen und war dann ein längerer Gast im Lift." Auch eine Gruppe von Barben sei zu Mitfahrern geworden.

"Sie fahren hoch, schauen sich um und dann gehts wieder runter", sagt Baumann. "Das sind unsere Tagesausflügler."

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07.03.2016, 08:30 Uhr
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