Kunst-Spektakel in Paris

Christo und Jeanne-Claude: Ein Traum in Silber und Weiß

Emmanuel Macron eröffnet das Mammutprojekt: Als posthume Ehrung für das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude ist der Arc de Triomphe in 25 000 Quadratmeter Tuch eingehüllt.

18.09.2021

Von Peter Heusch

Der Arc de Triomphe in der Nacht auf Freitag. An den kommenden Wochenenden wird der riesige Kreisverkehr für den Verkehr gesperrt. Foto: Thomas Coex/afp

Paris. Von einem Jugendtraum zu einer posthumen Hommage: Das Projekt des verhüllten Pariser Triumphbogens hat das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude ihr ganzes Leben begleitet – und darüber hinaus. „Es war ein verrückter Traum“, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron zur offiziellen Einweihung am Donnerstag. Er lobte die „Beharrlichkeit“ des Künstlerpaares, das vor bürokratischen Hürden nie zurückschreckte. Macron erinnerte an den 2020 verstorbenen Christo als „eleganten jungen Mann“, der heimlich die Statuen auf dem Trocadéro eingepackt hatte. Und er beglückwünschte das Centre Pompidou, das dazu beigetragen hatte, das Projekt wieder aufleben zu lassen.

Bereits im Juli hatten die Arbeiten begonnen. Hunderte Passanten verfolgen seitdem fasziniert, wie das Denkmal langsam unter großen, silbern glänzenden Stoffbahnen verschwindet, die 95 von Alpinisten geschulte Facharbeiter ausrollen. An diesem Samstag soll die Verpackung des Arc de Triomphe abgeschlossen werden.

Bis ins kleinste Detail entspricht das ephemere Kunstwerk Christos Plänen sowie seinen letzten mündlich erteilten Anweisungen. Seine ersten Zeichnungen für das Projekt stammen übrigens bereits aus dem Jahr 1962. Beinahe sechs Jahrzehnte lang nämlich haben Christo und seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude davon geträumt, den Pariser Triumphbogen zu verhüllen. Als ihn im April 2019 dann tatsächlich die Nachricht erreichte, dass das französische Zentrum Nationaler Denkmäler diesem Vorhaben zugestimmt hatte, freute sich der in New York lebende Künstler nach eigenen Worten „wie ein kleines Kind“.

Die Arbeiten des in Bulgarien geborenen Christo Wladimirow Jawaschew und seiner französischen Frau Jeanne-Claude haben immer wieder für weltweites Aufsehen gesorgt. Das war auch 1995 so, als sie den Berliner Reichstag verpackten oder 1985, als sie die älteste Brücke von Paris, den Pont Neuf, in sandfarbenes Tuch hüllten. Hundertausende verzückte Schaulustige flanierten damals über die verfremdete Seinebrücke.

„Ich bin ein Optimist und sehr hartnäckig“, erklärte Christo noch vor 16 Monaten und erinnerte daran, dass sich die Verhandlungen für die Verhüllung des Reichstages über 23 Jahre hinzogen und der damalige Pariser Bürgermeister sowie spätere Staatspräsident Jacques Chirac dem Verpacken der Pont Neuf erst nach neunjährigem Zögern seinen Segen gab.

Doch mit dem Triumphbogen lief es ganz anders. Im Herbst 2018 hielt sich Christo in Paris auf, um eine ihm gewidmete Ausstellung im Centre Pompidou vorzubereiten, deren Eröffnung dann wenige Wochen nach seinem Tod im Juli 2020 stattfand und wegen der Corona-Epidemie gleich wieder schließen musste. Bei dieser Gelegenheit fragte ihn Philippe Bélaval, der Direktor des Zentrums Nationaler Denkmäler, ob er nicht auch ein eigenes Projekt auf dem großen Platz vor dem Museum für Moderne Kunst verwirklichen wolle. „Nicht dort“, soll Christo geantwortet haben, „aber mich interessiert es seit jeher, etwas mit dem Triumphbogen zu machen“. Bélaval griff die Idee umgehend auf und erwirkte sehr rasch auch die Zustimmung von Präsident Emmanuel Macron.

Pandemie zerstört den Zeitplan

Frankreich hatte ursprünglich vor, Christo den Triumphbogen vom 6. bis zum 19. April 2020 gänzlich zu überlassen. Doch die Corona-Epidemie warf diesen Zeitplan über den Haufen. Dafür erhielt Projektleiter Jonathan Henery, Christos Neffe, nun wesentlich mehr Zeit. Sechs Wochen wurden ihm zugestanden, um das 50 Meter hohe, 45 Meter breite und 22 Meter tiefe Denkmal in rund 25 000 Quadratmeter silberblaues Tuch zu verpacken.

„Er wäre sehr glücklich gewesen“, meint Andrey Paounov, ein bulgarischer Filmemacher, der Christo für einen Dokumentarfilm begleitet hatte. „Für Christo gab es keine Grenze zwischen Leben und Kunst, es war alles eins“, sagt der Filmemacher.

Cristos Kunst bestehe nicht allein in dem fertig verhüllten Monument. „Alles gehört dazu, die erste Skizze, der Genehmigungsprozess, der Kampf gegen die Bürokratie“, erklärt Paounov. Das für das Projekt verwendete Polypropylen-Gewebe stammt aus dem Münsterland, genau wie bei der Verhüllung des Reichstags. Die Planen sind mit etwa 3000 Metern roten Seilen verschnürt, so dass der Triumphbogen wie ein überdimensioniertes Geschenkpaket mitten auf dem riesigen Kreisverkehr steht.

Die ersten Reaktionen sind begeistert. Als die ersten Planen heruntergelassen wurden, gab es spontanen Applaus der Zuschauer. „Es wird wie ein lebendes Objekt sein, das sich im Wind bewegt und das Licht spiegelt“, so hatte Christo einige Monate vor seinem Tod sein Werk beschrieben. Kritik kommt allenfalls von Umweltschützern, die eine unnötige Verschwendung einer großen Menge Kunststoffs bemängeln.

Zwölf Millionen Euro Kosten

Die Organisatoren, unter ihnen ein Neffe Christos, verweisen darauf, dass der Stoff wiederverwertbar sei und dass das Projekt ohne öffentliche Gelder auskomme. Christo hatte sich verpflichtet, die von ihm auf zwölf Millionen Euro geschätzten Kosten der Verhüllung aus eigener Tasche zu bezahlen.

Eine Summe, die nun aus Christos Hinterlassenschaft bestritten wird und die dem Künstler laut seinem Neffen keineswegs zu hoch erschien für die Verwirklichung seines Herzens-Projektes.

Und wann ist der schönste Moment, das riesige Paket anzuschauen? Für Paounov sind es Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Und da es am Wochenende in Paris regnen soll, könnte es über dem steinernen Bogen einen Regenbogen geben.

Das vollständig verhüllte Monument ist vom 18. September bis zum 3. Oktober zu sehen, an den Wochenenden ist der Kreisverkehr für den Autoverkehr gesperrt. Der Abbau wird vier Wochen dauern. (mit afp)

Komplett eingehüllt: Blick von unten auf das Kunstwerk, das für Fußgänger durch eine Unterführung erreichbar ist. Foto: Thomas Samson/afp

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Erstellt:
18. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. September 2021, 06:00 Uhr

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