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Landgericht Stuttgart

Justiz: Ein Sportwagen als Waffe

Ein 20-Jähriger brettert mit 165 Sachen im Jaguar durch Stuttgart und tötet bei einem Unfall zwei Menschen. Der Prozess muss klären: Ist die tödliche Raserei als Mord zu werten?

09.09.2019

Von Melissa Seitz

Ein 20-Jähriger war mit einem gemieteten Jaguar (im Bild hinten) auf der Rosensteinstraße in Stuttgart mit hoher Geschwindigkeit mit einem anderen Fahrzeug zusammengestoßen. Dessen beide Insassen starben bei dem Unfall. Foto: Kohls/SDMG/dpa

Stuttgart. Auch sieben Monate nach dem Horror-Unfall in Stuttgart-Nord liegen noch Sträuße an der Stelle, an der zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Manche Blumen sind verwelkt, andere sehen so aus, als seien sie gerade erst hingelegt worden. Kerzen wurden aufgestellt, eine Engelsfigur wacht über ein kleines Grab. Auf dem Kreuz stehen die Namen der Opfer. Der Spruch „sinnlos aus dem Leben gerissen, ihr fehlt“ ziert einen Stein, daneben ein Bild des Paares. Sie lachen in die Kamera, sehen glücklich aus. Am 6. März endete ihr Leben.

Die Rosensteinstraße im Stuttgarter Norden war Schauplatz eines Raser-Unfalls: Ein 20-Jähriger ist mit einem Jaguar Coupé in der Innenstadt unterwegs, sein Kumpel sitzt auf dem Beifahrersitz. Sie brüsten sich mit dem schicken, weißen Sportwagen, den sie von einem Luxusautoverleih gemietet haben. Der 20-Jährige tritt das Gaspedal durch, beschleunigt bis auf 165 Stundenkilometer. Vor einem großen Kino-Komplex verliert er die Kontrolle, rutscht mit dem Wagen auf die Gegenfahrbahn und prallt in den Citroën eines 25-Jährigen, der gerade aus einer Tiefgarage auf die Straße fahren will. Er und seine 22-jährige Begleiterin sind sofort tot.

Trauer um ein junges Paar: Monate nach dem Unfall wird den zwei Toten noch mit Blumen und Kerzen gedacht. Foto: Ferdinando Iannone

Vier Monate nach dem Crash veröffentlicht die Staatsanwaltschaft Stuttgart Details aus dem Unfallgutachten – und erhebt Anklage wegen Mordes. Die Lage ist für die Sachverständigen eindeutig: Der 20-Jährige habe den Tod anderer Verkehrsteilnehmer durch seine Fahrweise „billigend in Kauf genommen“. Er sei mit durchgedrücktem Gaspedal und einer Geschwindigkeit zwischen 160 und 165 Kilometer pro Stunde unterwegs gewesen. Mit etwa 110 km/h sei er dann auf den Citroën geprallt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, „trotz unklarer Verkehrslage mit Vollgas auf den Einmündungsbereich zugefahren zu sein“ – obwohl ihm bewusst gewesen sein muss, dass es bei einer Kollision mit einem anderen Auto „gravierende Folgen bis hin zum Tode haben könnte“.

Der Strafverteidiger des Unfallverursachers, Markus Bessler aus der Stuttgarter Kanzlei „Bessler & Wizemann“ zeigt sich unbeeindruckt von dem Gutachten der Staatsanwaltschaft. Er hält dies für überzogen: „Es ist ein äußerst tragisches Unfallgeschehen, die Mordanklage ist aber nicht gerechtfertigt.“ Man wolle sich gegen den Vorwurf der Staatsanwaltschaft wehren.

Panne bei den Ermittlungen?

Ende August schaffte es der Stuttgarter Raser-Unfall erneut in die Medien. Laut einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers gab es während den Ermittlungen eine Panne. Die Strafverfolger sollen es versäumt haben, das Handy des 20-jährigen Rasers zu konfiszieren. Er soll noch in der Nacht des Unfalls seine Freunde aufgefordert haben, Videos von seinen Spritztouren mit dem Jaguar zu löschen. Diese habe er nämlich in Chatgruppen versendet.

Blumen an der Unfallstelle. Foto: Edith Geuppert/dpa

Heiner Römhild, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, weist den Pannenvorwurf zurück. Die Videos seien auch nicht relevant für den Tatvorwurf, meint er: „Ein Video ändert die Anklage nicht.“ Die Ermittlungen hätten gezeigt, dass es zweifacher Mord war. „Wir wissen: Der 20-Jährige war der Fahrer, er war zu schnell unterwegs und zwei Menschen sind gestorben“, sagt Römhild.

Das Handy liegt den Ermittlern inzwischen vor. Inwieweit das Videomaterial nun im Prozess eine Rolle spielen wird, zeigt sich am Mittwoch, 11. September. Dann beginnt der Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht. Die Jugendkammer wird über den Fall entscheiden, da es sich bei dem 20-jährigen Raser um einen Heranwachsenden handelt. Vormittags habe der Angeklagte die Möglichkeit, sich zu äußern. „Inwiefern er das macht, weiß ich nicht“, sagt Christoph Buchert, Pressesprecher beim Landgericht Stuttgart. Der Angeklagte müsse Angaben zu seinen Personalien machen, nicht aber zwingend zum Tatvorwurf. Am Nachmittag werden dann Zeugen angehört, zwei haben sich laut Buchert angekündigt. 15 weitere Verhandlungstermine stehen schon im Kalender.

Blumen stehen an der Unfallstelle. Foto: Edith Geuppert/dpa

Autovermieter mit Beleidigungen konfrontiert

Erstmals im Land wird in einem Raser-Prozess Mordanklage erhoben. Zuvor gab es das in Berlin und Hamburg. Den Jaguar, mit dem der 20-Jährige in den Kleinwagen raste, hatte er von einer Autovermietungsfirma aus Nürtingen (Kreis Esslingen). Der Verleih hat sich auf schnelle und exklusive Sportwagen spezialisiert. Kurz nach dem Unfall wurde der Inhaber in Kommentaren auf seiner Facebook-Seite beleidigt und bedroht. Er löschte daraufhin seine Facebook-Seite, auch die Homepage ist seither offline.⇥sei

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Erstellt:
9. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. September 2019, 06:00 Uhr

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