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Soziales

„Ein Segen für die Bewohner“

Mut machen und Freude schenken: Bei der Clown-Visite im Leonberger Seniorenzentrum besuchen Schauspielerinnen in bunten Kostümen Menschen mit Demenz.

17.10.2019

Von NADJA OTTERBACH

Alle 14 Tage sind die Roten Nasen in der Einrichtung zu Besuch. Foto: Ferdinando Iannone

Leonberg. Was is'n das? Fasnet? Um Gottes Willen!“ Die alte Dame im rosafarbenen Pullover schüttelt energisch den Kopf. Eigentlich wollte sie sich zu den anderen an den großen Tisch setzen, einen Kaffee trinken, Kuchen essen. Und jetzt machen da zwei Clowns Faxen. Langsam schiebt die Dame ihren Rollator zum Tisch, lässt sich auf einem Stuhl nieder und seufzt: „Jesses Gott!“ Drei Minuten später lacht sie und applaudiert den Clowns, die ein Lied übers Kaffeetrinken gereimt, Tricks vorgeführt und ein Tänzchen aufs Parkett gelegt haben.

Es ist Clown-Visite im Seniorenzentrum am Parksee in Leonberg (Kreis Böblingen). In der Pflegeeinrichtung wohnen 110 Menschen, viele von ihnen demenzkrank. Alle 14 Tage sind die Roten Nasen vor Ort, ein Verein, dessen Ziel es ist, Freude zu vermitteln und Mut zu machen. Die Clowns nehmen sich Zeit für die Bewohner, versuchen, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.

Zuhören und aufmuntern

Babette Walter und Tina Speidel sind an diesem Tag in quietschbunte Kostüme geschlüpft. Sie tragen Mützen, eine Fliege um den Hals. Besonders auffällig sind die dicken roten Nasen. Sie sind fröhlich und frech, lustig und lebensfroh. Vor allem aber: einfühlsam. Sie haben kein Programm, sondern improvisieren. Walter und Speidel sind keine gebürtigen Baden-Württembergerinnen, trotzdem schwäbeln sie.

„Guten Tag, isch noch‘n Plätzchen frei für mich?“ Schon sitzt Walter neben einem alten Herrn auf dem Sofa. Er fragt: „Was machet ihr Schönes?“ Dann erzählt er von seiner Frau, die gestorben ist. „Das ist furchtbar, jetzt bin ich allein.“ Die Clowns hören zu, muntern auf. Sie dichten ein paar Zeilen für ihn, lassen ein Tuch verschwinden, behaupten, der Leiter des Pflegeheims habe es gestohlen. Der Bewohner lächelt. Ein bisschen wenigstens.

Zwei Stunden sind die Roten Nasen im Haus unterwegs, witzeln sich von Zimmer zu Zimmer, meistens werden sie herzlich empfangen, auch mal umarmt. Es ist kein alltäglicher Job für die Künstlerinnen, die beide ausgebildete Schauspielerinnen sind. Walter erzählt von Momenten, in denen ihr das Herz aufgehe, aber auch davon, dass es passieren könne, dass Bewohner sie rausschmeißen. „Manche freuen sich total über unseren Besuch und erteilen uns beim nächsten Mal eine Abfuhr, weil sie sich nicht an uns erinnern. Das muss man akzeptieren.“

In Workshops hat Babette Walter gelernt, was auf sie zukommen kann. Tina Speidel ist überzeugt: „Der Clown ist eine der anspruchsvollsten Rollen in der Schauspielerei. Lustig sein ist nicht einfach, es braucht viel Wahrhaftigkeit. Es ist leichter, die Leute zum Weinen zu bringen als zum Lachen.“ Dabei geht es beiden gar nicht zwingend darum, dass über ihre Auftritte gelacht wird. „Jeder geht anders mit Humor um“, sagt Speidel.

Die Frauen haben Instrumente dabei, bunte Tücher, Schneekugeln, Seifenblasen und Leuchtstäbe. Sie achten darauf, nicht zu lange bei einem Bewohner zu bleiben. „Das Timing muss gut sein, sonst kippt die Stimmung.“ Jan Schmitting, Leiter der Leonberger Einrichtung, gibt zu, dass er anfangs skeptisch gewesen sei. Jetzt sagt er: „Die Roten Nasen sind ein Segen für die Bewohner. Sie sind Gold wert.“ Die Clowns seien oft noch Tage später Gesprächsthema, die Senioren ausgeglichener, wacher. Nicht zuletzt gehe es auch darum, nachhaltig die psychosoziale Gesundheit und die kognitiven Fähigkeiten der Demenzkranken zu stärken.

Walter und Speidel stehen nun im Zimmer von einer älteren Frau. Sie erzählt von ihrer Hochzeit und von ihrem 94. Geburtstag, den sie vor wenigen Tagen gefeiert hat. Die Clowns singen Lieder und immer wieder stimmt die Seniorin mit ein. Mit einem Handkuss verabschieden sie sich. Die Dame ruft ihnen hinterher: „Wann kommt ihr wieder? Ich hab euch ja so lieb!“

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Erstellt:
17. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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