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Tübingen · Sozialer Arbeitsmarkt

Ein Sechser im Inklusions-Lotto

Benjamin Kölbel hat es geschafft: Der 33-Jährige mit Down-Syndrom arbeitet als Hausmeister bei einer Tübinger IT-Firma. Doch der Weg auf den ersten Arbeitsmarkt ist für viele Schwerbehinderte im Landkreis immer noch steinig.

17.04.2020

Von Hannah Waltersberger

Foto: Ulrich Metz

Seit 14 Jahren arbeitet Benjamin Kölbel im Hausmeister-Team bei Atos in Tübingen: Er leert die Aktenvernichter, putzt die Kühlschränke und bringt den Müll raus. „Als Kind wollte ich immer Grillmeister werden, aber den Job jetzt finde ich auch richtig cool“, sagt der 33-Jährige. In der Tübinger IT-Firma ist er der erste und einzige Mitarbeiter mit einer geistigen Behinderung.

Im Zuge eines Projekts der Tübinger Lebenshilfe entschied sich das Unternehmen, die neue Stelle für einen Menschen mit Behinderung zu schaffen und legte dafür mehrere Hilfsarbeiten zusammen. Eine Mitarbeiterin kannte Benjamin Kölbel aus dem Kinderzirkus „Zambaioni“ und schlug ihn für den Job vor. „Diese Chance war wie ein Sechser im Lotto für unseren Sohn“, sagt Mutter Beatrix Rippmann-Kölbel heute. Denn Kölbels Weg von der Förderschule auf den ersten Arbeitsmarkt war keinesfalls selbstverständlich. „Der breite Weg war damals Förderschule gleich Werkstatt – wer mehr wollte, musste strampeln“, erinnert sich Rippmann-Kölbel.

Dieser Automatismus sei inzwischen durchbrochen, sagt Torsten Hau, Vorstand des „Freundeskreis Mensch“. Dennoch hätten Behinderte es auch heute noch deutlich schwerer, eine Anstellung auf dem regulären Arbeitsmarkt zu finden. Das zeigt unter anderem die Arbeitslosenquote von schwerbehinderten Menschen in Baden-Württemberg, die zwar seit Jahren sinkt, aber mit 8,4 Prozent im Jahr 2017 noch deutlich über der von Menschen ohne Behinderung liegt – diese lag im gleichen Jahr bei nur 3,5 Prozent. Außerdem dauert die Jobsuche von Menschen mit Behinderung deutschlandweit im Schnitt 100 Tage länger.

Die Gründe dafür sind vielfältig, mindestens genauso vielfältig wie die individuellen Einschränkungen von Menschen mit Behinderung. „Vielen Unternehmen mangelt es an Erfahrung und damit auch an Vorstellungskraft“, sagt der Behindertenbeauftragte im Landkreis Tübingen, Willi Rudolf. Der Wille zur Inklusion sei aber bei vielen Arbeitgebern im Landkreis da. Das bestätigt auch Rainer Dibbern vom Integrationsfachdienst Neckar-Alb. Oft hinge die Bereitschaft der Unternehmen gar nicht primär von der finanziellen Unterstützung, sondern vielmehr von den praktischen Hilfestellungen bei der Inklusion im Arbeitsalltag ab.

Seien es Eingliederungszuschuss oder Subventionen zum Einrichten eines behindertengerechten Arbeitsplatzes – finanzielle Anreize des Staates gebe es viele, so der langjährige Unternehmer Willi Rudolf. Im bürokratischen Dschungel blieben viele dieser Informationen und Möglichkeiten den Arbeitgebern aber verborgen. „Das Wissen und die Koordinationsleistung fehlen“, sagt auch Torsten Hau. Der „Freundeskreis Mensch“ plant genau aus diesem Grund aktuell einen Dienst zur betrieblichen Inklusion in Rottenburg. Der Dienst soll eine Schnittstelle zwischen interessierten Bewerbern mit Behinderung und Unternehmen im Landkreis werden und will Beratung zu den zahlreichen Fördermöglichkeiten anbieten. „Man kann nicht erwarten, dass interessierte Arbeitgeber erstmal eine halbjährige Fortbildung zu den Fördermöglichkeiten machen, bevor sie einen Schwerbehinderten einstellen“, sagt Hau.

Willi Rudolf selbst sitzt aufgrund seiner körperlichen Behinderung im Rollstuhl und machte sich früh mit dem Vertrieb von Liftsystemen selbstständig. In seinem kleinen Unternehmen beschäftigte er immer auch Mitarbeiter mit Einschränkungen. „Bei Menschen mit Behinderung ist die Motivation oft sehr hoch, da sie nicht so viele Alternativen auf dem Arbeitsmarkt haben und ihre Stelle anders wertschätzen“, sagt der Unternehmer Rudolf. Er erkennt darin den Mehrwert für Unternehmen, Schwerbehinderte zu beschäftigen. Auch Torsten Hau hat viele behinderte Kolleginnen und Kollegen beim „Freundeskreis Mensch“ und ist daher überzeugt, dass sich das Arbeitsklima durch ein solidarisches Miteinander positiv verändern kann.

Behinderte Menschen, die nicht auf den regulären Arbeitsmarkt vermittelt werden können, haben im Landkreis die Möglichkeit, in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu arbeiten. Doch Ziel dieser Einrichtungen sei immer die Vorbereitung auf den ersten Arbeitsmarkt, so Torsten Hau. Sein Verein „Freundeskreis Mensch“ stellt im Landkreis über 300 Werkstattarbeitsplätze. „Viele unserer Mitarbeiter in den Werkstätten streben nach Normalität, wollen „draußen“ arbeiten“, sagt Hau. Doch die Quote derer, die es von einer Werkstatt für behinderte Menschen in ein sozialversicherungspflichtiges Anstellungsverhältnis schaffen, ist verschwindend gering. Deutschlandweit lag sie 2017 bei unter einem Prozent.

Auch Hau gibt zu, dass Menschen aus den Behindertenwerkstätten seines Vereins nur selten den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Vor dem Eintritt in die Werkstätten hätten sie schon viele Stationen der Berufsvermittlung, sei es in der Schule oder direkt beim „Freundeskreis Mensch“, durchlaufen. „Jeder Mensch hat Talente, aber nicht für jedes Talent findet sich sofort ein Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt“, sagt Hau. Außerdem gebe es vereinzelt auch Werkstatt-Mitarbeiter, die sich aufgrund ihrer psychischen Vorerkrankung bewusst gegen eine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt entschieden. „Stress und Produktivitätsdruck nehmen in der Arbeitswelt immer weiter zu - dem sind nicht alle gewachsen“, so Vorstand Hau.

Benjamin Kölbel hat nach seinem Schulabschluss auch schon einmal für zwei Monate in einer Gomaringer Behindertenwerkstatt gearbeitet. Seine Mutter kann deshalb verstehen, dass manche Menschen mit Behinderung einen solchen geschützten Raum benötigen. „Doch die Werkstätten dürfen keinesfalls eine Einbahnstraße sein“, warnt sie. Diese Meinung vertritt auch Willi Rudolf. Er kann aufgrund seiner eigenen Erfahrungen nachvollziehen, warum sich nicht jeder direkt eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zutraut. „Umso wichtiger ist, es Menschen in Werkstätten immer wieder zu motivieren und ihnen neue Optionen aufzuzeigen“, sagt er. Inklusionsprojekte wie das „Café Stadtgespräch“ in Rottenburg oder ausgelagerte Arbeitsplätze wie der Bettenservice im Uniklinikum können solche Abzweigungen aus der Werkstatt sein, so Hau. Der „Freundeskreis Mensch“ hat sich durch seinen neuen Dienst zur betrieblichen Integration bewusst für ein Schrumpfen der Werkstätten entschieden und unterstreicht so die Relevanz der Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Warum diese auch in Zukunft noch weiter ausgebaut werden sollte, zeigt Benjamin Kölbels Geschichte. Sein Job als Hausmeister ermöglicht ihm ein größtenteils eigenständiges Leben. Mit einem weiteren Mitbewohner lebt er in einer von der Lebenshilfe betreuten Zweier-WG. Seine Sonntage verbringt er mit seiner Familie und freitags geht er gemeinsam mit seinen Eltern in der „Kichererbse“ Falafel essen - seinem Lieblingslokal in Tübingen. Lediglich für die Assistenz der Lebenshilfe, die beim Kochen und Putzen hilft, erhält er ein „persönliches Budget“ vom Landratsamt. Die Miete und seinen Lebensunterhalt finanziert er durch sein Gehalt selbst. Mit den durchschnittlich 211 Euro Werkstatt-Lohn wäre das nicht möglich gewesen. Für den Behindertebeauftragten Willi Rudolf ist diese Erwerbsbiografie beispielgebend: „Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt bedeutet Lebensqualität.“

Hinweis: Dieser Artikel erschien in der Sonderbeilage „Wirtschaft im Profil“.

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Erstellt:
17. April 2020, 07:28 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2020, 07:28 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2020, 07:28 Uhr

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