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Ein Schultyp sucht Stärkung
Nicht nur die Schüler brauchen Unterstützung, auch der Schultyp: Lernen in der Gemeinschaftsschule Horgenzell (Kreis Ravensburg). Foto: dpa
Bildung

Ein Schultyp sucht Stärkung

Fünf Jahre nach Einführung der Gemeinschaftsschulen sinken die Anmeldezahlen, das Bild in der Öffentlichkeit ist nicht optimal und auch die politische Unterstützung war schon besser.

13.11.2017
  • AXEL HABERMEHL

Stuttgart. Auf dem Tisch der Arbeitsgruppe 10 liegt ein großer Bogen Papier, in der Mitte steht in roter Farbe: „Akzeptanz für gemeinsames Lernen“. Drumherum hat der SPD-Landtagsabgeordnete und Bildungspolitiker Stefan Fulst-Blei eine Mindmap gemalt. Linien führen zu Begriffen wie „Elternarbeit“ oder „Flüsterpropaganda“. Um den Stehtisch hat sich eine Handvoll Rektorinnen, Lehrer und Eltern von Gemeinschaftsschülern versammelt und debattiert, wie das Image der Schulart zu verbessern sei. Alle sind sich einig: Ein gesellschaftliches Klima der Akzeptanz für „gemeinsames Lernen“ muss im Südwesten erst noch geschaffen werden.

2012 hat die damals grün-rote Landesregierung die Gemeinschaftsschule eingeführt. Kinder sollten über alle Leistungsniveaus hinweg gemeinsam, aber individualisiert lernen. Ganztags, inklusiv, mit neuen pädagogischen Methoden, für jeden Abschluss vom Hauptschulabschluss bis zum Abi.

Fünf Jahre später ist die Euphorie abgekühlt. Die Qualitätsfrage wird gestellt und CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann und ihre Landtagsfraktion gelten eher nicht als begeisterte Befürworter. Vor allem aber: Viele Eltern schicken ihre Kinder nicht, vor allem die, die eine Empfehlung fürs Gymnasium haben.

Im aktuellen Schuljahr seien trotz fünf weiterer Gemeinschaftsschulen 1126 weniger Schüler angemeldet worden, sagt sagt Doro Moritz, Landeschefin der Bildungsgewerkschaft GEW. Darüber müsse man reden und „die Ausgangslagen der einzelnen Schulen genau anschauen“.

Deshalb haben GEW und die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung zur Tagung in die Stuttgarter Altenburgschule geladen. Ziel sei, sagt Moritz, eine „ehrliche Bilanz, aber auch zu diskutieren, wie und wo man Gemeinschaftsschulen besser machen kann“. Von einem Absturz könne aber keine Rede sein.

Mehrere Dutzend Eingeladene sind gekommen, vor allem wohl Lehrer und Schulleiter. Nach den Reden und vor der Abschlussdiskussion – Kritiker hatte man bewusst lieber nicht geladen – finden sich Arbeitsgruppen zusammen.

„Das wichtigste ist die Akzeptanz der Eltern“, sagt Fulst-Blei. Eine Frau nickt und sagt: „Wir müssen unsere Erfolge viel besser verkaufen.“ Am Nachbartisch sagt Joachim Friedrichsdorf: „Wir müssen nachweisen, dass Gemeinschaftsschule auch Abitur kann. Das Konzept gemeinsamen Lernens kann nur funktionieren, wenn die Schülerschaft alle Leistungsbereiche umfasst.“ Friedrichsdorf war Leiter der GSS-Gemeinschaftsschule in Tübingen, einer der ersten und bis heute renommiertesten Gemeinschaftsschulen. Sie hat eine gymnasiale Oberstufe, steht damit aber fast allein. Nur zwei Oberstufen wurden bisher landesweit genehmigt.

Friedrichsdorf hält es für unabdingbar, dass mehr leistungsstarke Kinder kommen. An Gemeinschaftsschulen kann man auf drei Niveaustufen lernen, doch im obersten Niveau fehlen die Kinder.

Das hänge auch mit der Entstehungsgeschichte zusammen, sagt Friedrichsdorf. Der „überwiegende Teil“ der rund 300 Gemeinschaftsschulen seien „Standortretter“, also Schulen im ländlichen Raum, die zu wenige Kinder anzogen, um als Haupt- oder Werkrealschulen zu bestehen. Viele Umwidmungen wurden genehmigt. „Da gibt es grauslige Fälle“, sagt Friedrichsdorf. „Zum Teil steht das Kollegium nicht hinter dem Konzept.“

Die Gemeinschaftsschule steht vor etlichen Probleme, bis aus ihr eine etablierte Schulart wird, das macht spätestens die Abschlussdiskussion klar: Es geht um Lehreraus- und -fortbildung, um die Rolle der Rektoren, um Umbaumaßnahmen, Lehrmaterial, Elternarbeit, aber auch ganz einfach um Ressourcen, Geld und politische Unterstützung. Ob all das so gelingt, da sind sich auch die hier versammelten Befürworter nicht immer sicher. Aufgeben aber wollen sie hier nicht.

„Die Welt außerhalb der Schule – die Gesellschaft, das Familienverhalten – hat sich verändert“, sagt Katrin Steinhülb-Joos, Rektorin der Altenburgschule. „Schule muss sich darauf einstellen, kleinere Lerngruppen bereitstellen, mehr Differenzierung, Zeit zum Fördern und Fordern, Coachingzeit anbieten, damit wieder mehr gelernt werden kann.“ Die Gemeinschaftsschule, glaubt sie, passe besser zu dieser veränderten Welt als andere Schularten.

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13.11.2017, 06:00 Uhr
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