Durch verlassene Ställe und Katakomben

Ein Rundgang durch die ehemalige Bundesforschungsanstalt

Die letzten Forscher des Friedrich-Loeffler-Instituts sind vor drei Jahren ausgezogen. Das Gelände gehört seit kurzem der Stadt Tübingen. Fast 60 Jahre lang wurde in Labors und Ställen der Bundesforschungsanstalt (BFA) für Viruskrankheiten der Tiere an Tollwut oder BSE geforscht. Bis nächsten Sommer soll alles abgerissen sein.

28.11.2014

Von Volker Rekittke

An Labors und Tierställen weisen Zettel auf das Datum der Desinfektion hin. Rund um das ehemalige BFA-Gelände zieht sich noch immer ein Hochsicherheits-Stacheldrahtzaun, dahinter nicht mehr aktive Überwachungskameras. Bilder: Sommer

Tübingen. Die Ställe sind leer. Nirgends ein Schwein, ein Rind, ein Schaf oder eine Ziege. Doch der Tiergeruch hängt auch nach über drei Jahren in den halbdunklen Gängen. „Desinfiziert“-Zettel mit Datum vom November 2011 kleben an den Türen der teils versiegelten, teils offenen Stallungen. Die Hinweise kleben auch an den Laboreingängen im fünfstöckigen Forschungstrakt. Jahrzehntelang wurde hier zu Tollwut und Rinderpest, Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche oder auch Rinderwahnsinn (BSE) geforscht. Am 1. Oktober 1955, nach Abschluss des ersten Bauabschnitts, wurde auf der Viehweide der, wie es damals hieß, „Seuchenbetrieb“ aufgenommen.

Vor drei Jahren zogen die letzten von früher einmal an die hundert Mitarbeiter(inne)n auf die Ostseeinsel Riems zum dortigen Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), andere suchten sich einen neuen Job oder gingen in den Ruhestand. Zum Abschluss wurden noch einmal alle Oberflächen gereinigt, die Stallungen mit Natronlauge, die Werkbänke mit Formalinbegasung behandelt, die Schwebstofffilter ausgebaut und sterilisiert, erklärte der damalige Leiter des Tübinger FLI-Standorts Lothar Stitz im Herbst 2011: „Möglicherweise ist es so, dass es nichts Sterileres gibt als unsere Labore. Jede Wiese hat mehr Keime.“

Trotzdem bleibt ein komisches Gefühl beim Anblick von „Tierkadaver-Kühlraum“, den vielen Desinfektionsschleusen und Warnhinweisen wie „Vaccinia-(Kuhpocken)Virus“. Joachim Wahl ist öfter hier, zur Zeit vielleicht einmal die Woche. Wahl arbeitet für die Stuttgarter Außenstelle der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), die zuständig ist für das ehemalige BFA-Gelände. „Essensmarkenabgabe im Isolierteil bis 10.45 Uhr möglich“, verkündet ein alter Aushang. Ist ihm manchmal etwas mulmig zumute? Wahl schüttelt den Kopf. „Es ist ja alles desinfiziert.“ Ein bisschen vorsichtig ist er dann doch lieber: „Man muss ja nicht alles anfassen.“

1992 wurde das Friedrich-Loeffler-Institut auf der bei Greifswald gelegenen Insel Riems als Teil der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere neu gegründet. Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit stehen Erkrankungen landwirtschaftlicher Nutztiere und der Schutz des Menschen vor „Zoonosen“, vor zwischen Tier und Mensch übertragbaren Infektionen. Festgelegt sind diese Aufgaben im Tierseuchen- und im Tiergesundheitsgesetz.

Kilometer um Kilometer ziehen sich die Rohrleitungen und Schächte an Wänden und Decken durch den Gebäudekomplex auf der Tübinger Viehweide. Manche Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Komplexen – Laborgebäude und Ställe, Büros, Konferenzraum, Kantine sowie Gästehaus – verlaufen unterirdisch. Riesige Filteranlagen sorgten einst dafür, dass keine gefährlichen Bakterien oder Viren in die Tübinger Umgebung gelangen konnten.

Ganz tief unten ist es dunkel. Der Strom ist überall abgestellt, Taschenlampen werfen ihre Lichtkegel auf einen kleinen Tisch. Die Zigarettenstummel quellen aus dem Aschenbecher, daneben ein Notizbuch. Durch die mehrere hundert Quadratmeter großen, gut sechs Meter hohen Katakomben ziehen sich Rohrbahnen zu Filtern und Kesseln. Auf dem Betonboden der Abwasserdesinfektionsanlage, unter den riesigen Tanks, steht mehrere Zentimeter hoch von Außen eingedrungenes Wasser.

„Das soll ja ohnehin alles abgerissen werden“, sagt Joachim Wahl. Bis zum Sommer 2015 will die BIMA der Stadt Tübingen die geräumte Fläche übergeben. Es ist das erste Mal überhaupt, dass eine ehemalige Bundesforschungsanstalt zurückgebaut wird. Rund 2,5 Millionen Euro, ermittelten Gutachter, werden Abbruch und Entsorgung den Bund kosten. 4,1 Millionen Euro bezahlte im Gegenzug die Stadt für das 7,5 Hektar große Gebiet. Auf dem dürfte schon bald der Tübinger Teil des Technologieparks wachsen. Es soll Firmen geben, die bereits sehnsüchtig darauf warten.

BFA-Gelände: Eine Forschungsanstalt im Dornröschenschlaf
Videoplayer konnte nicht geladen werden.

BFA-Gelände: Eine Forschungsanstalt im Dornröschenschlaf --

01:55 min

Im Untergrund der ehemaligen Bundesforschungsanstalt auf der Viehweide befindet sich auch eine große, möglicherweise noch intakte Heizungsanlage. Bild: Sommer

An Labors und Tierställen weisen Zettel auf das Datum der Desinfektion hin. Rund um das ehemalige BFA-Gelände zieht sich noch immer ein Hochsicherheits-Stacheldrahtzaun, dahinter nicht mehr aktive Überwachungskameras. Bilder: Sommer

Zum Artikel

Erstellt:
28. November 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. November 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. November 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+