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Ein Riss geht durch die Zeit
Bigottes, orgiastisches Renaissance-Treiben auf der Opernbühne. Foto: Karl Forster/ Bregenzer Festspiele
Festspiele

Ein Riss geht durch die Zeit

Bregenz startet mit einer Oper von Berthold Goldschmidt, den die Nationalsozialisten als „entartet“ aus dem Land gejagt hatten. „Beatrice Cenci“: Eine Groteske mit mörderischer Story.

20.07.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Bregenz. Nichts ist mehr selbstverständlich in unseren Demokratien. In Österreich, wo die Rechtspopulisten der FPÖ in der Regierung sitzen, muss ein (grüner) Bundespräsident bei einer Festspiel-Eröffnung an die Freiheit der Kunst erinnern. Die Kunst, sagte Alexander Van der Bellen in Bregenz, könne alles sein, unterhaltend, kritisch oder sonstwas – aber sollen müssen, das muss sie nicht in einer liberalen Gesellschaft. Diese messe sich an dem, was sie möglich mache, und nicht an dem, was sie verhindere.

Nicht, dass jetzt am Bodensee schon der Kulturkampf tobte, aber man sieht und hört in diesen Tagen eine Oper wie „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt weit fokussierter. Denn es ist das Werk eines jüdischen Komponisten (1903-1996), den die Nationalsozialisten aus dem Land trieben und dessen Musik sie als „entartet“ eliminierten.

Goldschmidt, gebürtiger Hamburger, war Schüler Franz Schrekers und früh erfolgreich; als Celesta-Spieler war er Assistent Erich Kleibers 1925 bei der Uraufführung von Alban Bergs „Wozzeck“. Ein Riesentalent, das zum Verstummen gebracht wurde. 1932 kam in Mannheim noch Goldschmidts erste Oper „Der gewaltige Hahnrei“ zur Uraufführung, aber schon eine Berliner Premiere an Carl Eberts Städtischer Oper scheiterte nach der Machtübernahme der Nazis, die Goldschmidt auch rassistisch kaltstellten.

Der floh 1935 ins Exil nach London, schlug sich als Dirigent durch und gewann 1951 mit seiner Oper „Beatrice Cenci“ folgenlos noch einen Kompositionswettbewerb. Dann gab er auf. Erst in den 80er Jahren meldete sich Goldschmidt zurück, endlich erinnerten sich die Deutschen seiner. In der viel beachteten Reihe „Entartete Musik“ etwa legte Lothar Zagrosek eine Einspielung des „Gewaltigen Hahnrei“ vor; 1992 gab es eine konzertante Aufführung in der Berliner Philharmonie, ein fast 90-jähriger Goldschmidt bekannte sich damals sentimental zum „Berlin der 20er Jahre bevor die Mörder kamen“.

Im Exil komponiert

Auch „Beatrice Cenci“ war in Vergessenheit geraten, die Oper wurde erst 1988 konzertant in London und 1994 in Magdeburg szenisch uraufgeführt. Es ist ein sehr theatralisches, musikalisch reiches Werk, irgendwie aus der Zeit gefallen: In Bregenz feierte es jetzt eine stark beklatschte Premiere, und zwar in deutscher Sprache.

Zwei tief gedemütigte, seelisch zerstörte Frauen befreien sich von einem Mörder durch Mord. Beatrice und Lukrezia lassen ihren Vater und Ehemann, den tyrannischen Francesco Cenci, umbringen, der sie vergewaltigte, der auch nicht davor zurückgeschreckt hatte, seine zwei Söhne zu töten. Ja, er brüstet sich damit; der prassende Cenci kann sich alles erlauben, weil er unter dem Schutz der katholischen Kirche, des Papstes steht, aber sich sowieso als gottgleich sieht. Das ist eine wahre Geschichte aus dem Rom des 16. Jahrhunderts, aus der orgiastischen Renaissance, die auch eine Hölle war. Percy Bysshe Shelley etwa hat sie schauerromantisch 1819 aufgeschrieben. Ein solcher Stoff kann einem Komponisten einfallen, der den nationalsozialistischen Terror erlebt hat und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Oper schreiben will. Eine Oper über eine brutale, hoffnungslose, verantwortungslose Welt, in der, immerhin, zwei Frauen den Mut haben, zu handeln. Und dafür hingerichtet werden. Es ist auch ein Requiem.

Und eine moderne „Belcanto-Oper“, wie Goldschmidt selbst sagte. Denn es wird ungemein emphatisch, lyrisch gesungen. Das überrascht, das irritiert den unbefangenen Hörer. Kein Gedicht mehr schreiben nach Auschwitz, wie Theodor W. Adorno postuliert hatte? Goldschmidt suchte keinen radikal neutönerischen Weg, er komponierte den Schmerz mit Melodien, zumeist auf tonaler Basis.

Bittere Wehmut

Der Dirigent Johannes Debus hat das treffend beschrieben. „Die gebrochenen Seelen sehnen sich nach einem Melos, das von Liebe, Schönheit, innerer Kraft und Widerstand, großer Sehnsucht, bitterer Wehmut und dem Wunsch nach Erlösung singt.“ Das klingt auch nach einem Gustav Mahler, wie er banal-grell die Realität verkomponiert, aber mittlerweile in den rhythmisch pulsierenden Neoklassizismus weitergewandert ist. Es sind die 20er Jahre auch der schwelgend zugespitzten Klangfarben eines Schreker und eines Korngold. Und englisches Barock mischte der Exil-Brite mit hinein. „Der gewaltige Hahnrei“ war avantgardistischer, freitonaler, „Beatrice Cenci“ ist eine aufwühlend milde, sinnliche Musik, die Johannes Debus mit den Wiener Symphonikern wirkungsvoll aufführte.

Puccini ertönt auch: „Tosca“-Klangfetzen mit einem Blick auf den Petersplatz – bis das Grammophon stottert, der bigotte Kardinal (Per Bach Nissen) die Platte zerstört. Eine schöne Pointe von Regisseur Johannes Erath: Einen Sprung hat gewissermaßen die ganze Oper, seine Inszenierung. Die Zeiten geraten durcheinander, alles irritiert, und zwar überaus kunstvoll.

Wie durch ein expressionistisches Kameraobjektiv schaut das Publikum auf die opulente Szenerie (starke Bühnenbilder und Kostüme von Katrin Connan und Katharina Tasch): Renaissance, ins Absurde gesteigert, mit Goldbergen und in Vitrinen zur Schau gestelltem Fleisch. Glamour und Vergänglichkeit. Francesco Cenci (Christoph Pohl) singt mit schmuckem, mächtigem Suspensorium eine Arie in ein Mikrofon wie ein von sich berauschter Pop-Star. Die von Gal James furios gesungene Beatrice und auch Lucrezia (Dshamilja Kaiser) sind dagegen von Wahnsinns-Leid zerfurchte Figuren. Wie hätte die Regie auch die Gräuel-Story toppen wollen: Es ist eine Groteske. Sehr freie, bedenkenswerte Kunst.

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20.07.2018, 06:00 Uhr
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