Kniebis · Wintersport

Tausende Touristen überrennen den Kniebis

20 Zentimeter Schnee locken Winter-Touristen an. Die Einwohner fühlen sich inmitten der Massen alleingelassen. Denn wegen des Lockdowns fehlt die übliche Infrastruktur, und der Müll bleibt liegen.

05.01.2021

Von Annette Maria Rieger

Wenn ab Mittag alle 1000 Parkplätze belegt sind, liegen bei vielen Autofahrern die Nerven blank. Ortsvorsteher Helmut Klaißle weiß von vielen unschönen Szenen.

Inge Kimmig aus Oppenau ist morgens eine der Ersten auf dem Parkplatz beim Besucherzentrum. Kommt sie zu spät, hat sie kaum noch eine Möglichkeit, Obst- und Gemüsekisten für ihren Verkaufsstand auszuladen. Dann ist alles zugeparkt; nichs geht mehr. Als landwirtschaftlicher Betrieb gilt ihr Verkaufsstand als systemrelevant. Doch ihre Kundschaft, die hier üblicherweise Brot, Gemüse und Obst einkauft, kommt gar nicht mehr durch.

Auf der Straße, so beobachtet die „Kniebisbäuerin“, ist ab Mittag nur noch Stop-and-go möglich. Am Sonntag konnte der Bus nicht mehr wenden und musste die Passanten im Schneeruder aussteigen lassen, weil die Wendeplatte belegt war. Kimmig sagt: „Wer selbst Ski fährt, kann verstehen, dass alle raus in den Schnee wollen, sowieso mit Kindern.“ Auch für einen Offenburger, der ihr erzählt hat, wie sehr ihm daheim die Decke auf den Kopf falle, hat sie durchaus Verständnis. Doch auf die Ausgabe von Heißgetränken verzichtet sie bewusst: „Andernfalls könnte ich gar nicht verhindern, dass sich Schlangen bilden und der Abstand nicht eingehalten wird.“

Die einzige Toilette weit und breit

Außer Parkplätzen fehlt es vor allem an sanitären Einrichtungen. Die Avia-Retro-Tankstelle hat bereits einen Hilferuf an Ortsvorsteher Helmut Klaißle abgesetzt: Bis zu 500 Leute pro Tag wollen dort einfach nur auf die Toilette – die einzige weit und breit.

Klaißle weiß: Diesen massiven Touristen-Ansturm verkraftet der Ort nicht ohne Weiteres: „Aber die Infrastruktur, die wir hier sonst durch die Gastronomie haben, ist gerade im Lockdown.“

Am Montagmorgen war der Ortsvorsteher mit einem Team der SWR-Landesschau unterwegs, um sich ein eigenes Bild von den Auswüchsen des Corona-Tourismus zu machen. Schon früh um halb neun war da beim Skistadion die Hälfte der 200 Parkplätze belegt.

Das 900-Einwohner-Örtchen verfügt insgesamt über 1000 Parkplätze. Derzeit sind es 1500 bis 2000 Autos täglich, so schätzt Ortsvorsteher Helmut Klaißle, die den kleinen Wintersportort auf knapp 1000 Metern Höhe ansteuern. Darunter sind viele Familien: An die 8000 Menschen brechen somit tagtäglich über den Touristenort herein und überfluten die Hotspots am Skiliftgelände, dem Heimatpfad, der Ellbachsee-Platte und dem Besucherzentrum.

Die Beschwerden über die Wildparker gehen Helmut Klaißle zufolge „auf keine Kuhhaut mehr“: Autos werden in Garageneinfahrten, auf wildfremde Höfe, mitten im Wald oder auf der Buswendeplatte: abgestellt. „Viele kommen in dieser amerikanischen Gangart: Me, myself and I“. Das bringe die Einheimischen in Wallung. Klaißle: „Man muss sich nicht wundern, wenn da mal einer explodiert!“ Wer einen Wildparker freundlich darauf hinweise: „Entschuldigen Sie, aber Sie parken meine Ausfahrt zu!“, der müsse noch froh sein, wenn ihm nur mit dem Götz von Berlichingen-Zitat geantwortet werde. Stattdessen komme es immer wieder zur Androhung körperlicher Gewalt: „Lauf zu, sonst hau i dir uff d’Gosch.“ Und das vor der eigenen Garage.

Bis zu 8000 Menschen drängen täglich im Schnee auf den Kniebis, um sich im Schnee auszutoben. Zurück bleiben Müll und Frustration bei den Einheimischen in dem 900-Einwohner-Örtchen.Bilder: Karl-Heinz Kuball

Ab Mittag, wenn alle Parkplätze belegt sind, sind die meisten Schneesucher nur noch genervt. „Die Kniebiser sind so weit, dass sie vor sieben Uhr abends gar nicht mehr rausgehen, weil alles so voll ist“, sagt Klaißle. „Das Problem ist nicht, dass die Menschen kommen – sondern wie. Seit dem ersten Lockdown strömen die Massen. Als im Sommer die Schwimmbäder geschlossen wurden, holten sich die Leute Mountain- und E-Bikes oder Wanderrucksäcke. Der Winter im zweiten Lockdown hat die Situation verschlimmert. Jetzt sind es die Leute mit Schlitten, Schneeschuhen, Langlaufskiern, die über den Ort hereinbrechen.“

Da Wintersportler weder nach Österreich noch in die Schweiz können und auch kein Kanaren-Urlaub möglich ist, komme alles geballt auf die Schwarzwaldhochstraße. Klaißle: „Zu der 100-prozentigen Belegung, die wir im Winter haben, kommen jetzt noch 100 Prozent Corona-Touristen obendrauf.“ Der Polizei mache er keinen Vorwurf, die habe einfach zu wenig Leute. Das Einzige, was helfen würde, das wäre eine Sperrung der B28 ab Freudenstadt: „Fertig, aus!“

Das blanke Chaos, weil alles zu ist

Die Leute dürfen ja spazieren gehen, so sagt er. Doch das sollen sie bitteschön in Stuttgart machen oder dort, wo sie herkommen. Er könne sich nur wundern: „Offenbar ist eine leere Flasche schwerer als die volle, sonst würden die Leute sie ja auch wieder mit nach Hause nehmen.“ Überall werde Müll hingeschmissen: „Sie glauben gar nicht, wie viele Mundschutzmasken im Wald wachsen!“ Zwar fahren alle wieder pünktlich zur Ausgangssperre wieder heim, doch der Abfall bleibe da. Klaißle bedauert: Die Gastronomen und Liftbetreiber hätten ja hervorragende
Tausende Touristen überrennen den Kniebis
Hygiene-Konzepte gehabt und sich um die Einhaltung der Corona-Verordnung gekümmert. Doch weil das alles jetzt geschlossen bleiben müsse, herrsche das blanke Chaos. Die idealen Schneeverhältnisse mit 20, 22 Zentimeter Schnee erweisen sich als Bumerang. Da bleibt keine Rettungsgasse offen, sammeln sich Corona-Touristen um Einweggrills, wird mit Schlitten über die Langlauf-Loipe getrampelt, hinterlassen Wildparker eine zugeschneite Wiese als aufgewühlten Acker.

Klaißle hat resigniert: „Es macht keinen Sinn mehr, an die Vernunft zu appellieren. Der Egoismus und die Rücksichtslosigkeit der Leute sind unglaublich!“ Er gönne jedem das Wintervergnügen: „Aber nacheinander, nicht miteinander!“ Der eine meine, mit seinem Pick-up in den Wald reinfahren zu können, der nächste parke mit seinem Subaru auf der Loipe: „Und so geht es grad weiter!“ Dazu kommen die Drifter und Poser, die wegen der Ausgangsssperre nun schon nachmittags auf den den Parkplätzen buchstäblich durchdrehen.

Der Kniebis lebe zwar vom Tourismus. Doch im Moment habe von dieser Art des Tourismus keiner etwas auf dem Kniebis – „nur den Dreck und die Sauerei“. Um die öffentliche Toiletten zu betreiben, fehlen dem Ortsvorsteher die Leute.

Ein Parkleitsystem, wie es der Ort bereits 2012 einführen wollte, könnte die Situation entspannen. „Doch damals gab es von der Straßenbauverwaltung des Landratsamtes die Aussage: ‚Wenn die Leute keinen Parkplatz mehr finden, sollen sie weiterfahren.“ Da fühle man sich, so Klaißle, inmitten der Massen alleingelassen. Ähnlich gehe es auch den Busunternehmern, die bald keine Möglichkeit mehr sehen, die Haltestellen zu bedienen: „Da bestraft man die Leute, die den ÖPNV nutzen – anstatt die Falschparker!“

Straßensperre nicht ausgeschlossen

Für letztere ist das Ordnungsamt zuständig. Marco Gauger von der Pressestelle der Stadt Freudenstadt teilt dazu mit: Oberbürgermeister Julian Osswald hat sich dazu bereits mit Landrat Dr. Klaus Michael Rückert abgestimmt und dem Polizeipräsidium Pforzheim einen entsprechenden Handlungsbedarf weitergemeldet. Dieses, so Polizeisprecher Frank Weber, stellt zusätzliche Einsatzkräfte zur Verfügung, um verstärkt Präsenz zu zeigen und auf Verstöße zu reagieren. Auch werde man „lageangepasst“, so Weber, verkehrslenkende und -regelnde Maßnahmen ergreifen. Kurzfristige Straßensperren sind also nicht ausgeschlossen.

Die Situation bleibt auf jeden Fall angespannt, solange der Lockdown anhält, da ist sich Klaißle sicher. Zumal der Wetterdienst weiteren Schnee vorhersage.

Und die Waldputzete in diesem Frühjahr, so weiß Klaißle bereits jetzt, wird Rekordergebnisse einbringen. Spätestens dann werde an der Müllsammelstelle offensichtlich: „Der Mensch sucht die Natur. Und wenn er sie gefunden hat, macht er sie kaputt.“

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Erstellt:
5. Januar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Januar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Januar 2021, 01:00 Uhr

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