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Der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse ist viel gereist und umgezogen

Ein Mann im Unruhezustand

„Du guter Koffer, wie oft habe ich dich schon vollgestopft und wieder geleert, auf wieviel Eisenbahnen, Wagen und Schiffen hast du meine Habe mir nachgeschleppt!“ Hermann Hesses Koffer hat den Dichter auf so mancher Reise begleitet. In die Schweiz, nach Italien und vor allem auf seiner weitesten Reise nach Südostasien. Über drei Monate war er 1911 in Colombo, Malaysia, Singapur und Sumatra unterwegs. Allein die Fahrt mit dem Schiff dorthin dauerte damals einen Monat.

27.08.2016
  • MADELEINE WEGNER

Calw. „Das Reisen wurde ihm fast mit in die Wiege gelegt“, sagt Timo Heiler vom Hermann-Hesse-Museum in Calw. Durch seine baltischen Wurzeln väterlicherseits wurde Hesse als russischer Staatsbürger geboren. Später erhielt er die württembergische und die Schweizer Staatsbürgerschaft. Hesses Großmutter stammte aus der französischsprachigen Schweiz. Ihr Mann, Hermann Gundert, war Missionar und als solcher in Indien unterwegs, wo wiederum Hesses Mutter Marie geboren wurde.

Bereits Hesses Kindheit und Jugend sind unruhig. Als Hesse fünf Jahre alt ist, zieht die Familie mit ihm nach Basel. Drei Jahre später kehren sie in Hesses Geburtsstadt zurück. Es folgen Lateinschule in Göppingen, Klosterseminar Maulbronn, Selbstmordversuch, Nervenheilanstalt Stetten, Gymnasium in Cannstatt, ein Praktikum bei der Turmuhrenfabrik in Calw, eine Buchhändlerlehre in Tübingen, eine Stelle als Buchhandelsgehilfe in Basel. „Wenn wir einen Blick auf seine Biografie werfen, so ist sie von Unruhe geprägt. Hermann Hesse war immer weg von zu Hause“, sagt Heiler.

Noch während seiner Tübinger Zeit unternimmt Hesse seine erste große selbstständige Reise – in die Toskana und nach Venedig. „Er war unglaublich fasziniert von dem Land“, sagt Heiler. Die antiken Spuren und die freundlichen Menschen begeisterten ihn, sodass er im Laufe seines Lebens noch oft nach Italien fuhr.

„Reisen ist bei Hesse immer ein Ausdruck seiner Unruhe“, sagt Heiler, „die Suche nach einem Ort, wo er sich aufgehoben und glücklich fühlen kann.“ Dieses Getriebensein prägte seinen Charakter, machte ihn jedoch auch zu einer schwierigen Person. Hesse war stets darauf bedacht, seine Freiheiten zu haben und hat diese auch vehement verteidigt.

Sicher hängt dies auch mit seiner schwierigen Jugend und den Zwängen seines Elternhauses zusammen. Die stark religiös und pietistisch geprägte Familie wollte ihn zum Pfarrer ausbilden lassen. Daraus versucht er schon als Kind auszubrechen. Aus dem Klosterseminar Maulbronn flieht er nach sieben Monaten: „Entweder Dichter oder gar nichts“ will er werden.

Mit Mia Bernoulli, seiner ersten von drei Ehefrauen, zieht er 1904 in ein Bauernhaus am Bodensee. „Hier zum ersten Mal hatte ich das Gefühl von Sesshaftigkeit und eben darum auch das Gefühl der Gefangenschaft, des Verhaftetseins an Grenzen und Ordnungen“, schreibt Hesse im Rückblick auf den Einzug in das Haus in Gaienhofen. Die Geburt seines dritten Sohnes erlebt er nicht mit: Hesse ist zu der Zeit unterwegs auf seiner mehrmonatigen Reise nach Südostasien.

Von Indien hatte ihm der Großvater Hermann Gundert oft vorgeschwärmt. Schon als Kind war Hesse fasziniert von den Buddha- und Shiva-Statuen, die der Großvater von seinen Reisen mitgebracht hatte. Später beschäftigt er sich mit Laotse und dem Buddhismus. Auf seiner Fernreise erkennt Hesse, dass nicht Europa die Wiege der Kultur sei, sondern die asiatische Kulturgeschichte viel weiter zurückreiche. Dies verarbeitet er auch in seinem „Siddharta“. Zwar führt ihn seine große Reise ins damalige Ceylon, doch bis nach Indien schafft er es nicht: Er erkrankt an einem Tropenfieber und muss zurückkehren.

Hesse ist auf seiner Asien-Reise von der Kultur der Länder fasziniert wie auch von den Menschen, insbesondere von den indigenen Völkern. Ihn reizt die Verbundenheit mit der Natur, die er stets selbst suchte – beim Durchstreifen der Landschaft oder beim Nacktklettern. Schon in seinem ersten Roman „Peter Camenzind“ beschreibt er diese Liebe zur Natur.

Damit verbunden ist Hesses Scheu vor der Öffentlichkeit. Dennoch hat er so manche Nacht in italienischen Weinkellern verbracht – die Begegnungen vor Ort auf seinen Reisen waren ihm durchaus wichtig. Doch: „Es war immer ein Austarieren zwischen dem Kontakt mit Menschen und dem Alleinsein“, sagt Heiler. Hesse ist kein Unbekannter mehr, viele Einladungen nimmt er aber nur aus Höflichkeit an.

Nach seiner Rückkehr aus Asien zieht Hermann Hesse nach Bern und noch im selben Jahr, 1912, nach Montagnola im Kanton Tessin. Den Ort hatte er bereits während seiner Tübinger und Baseler Zeit kennengelernt. Und hier in der Schweiz scheint der 35-jährige Schriftsteller anzukommen auf seiner eigenen Lebensreise. Das Glück und das Aufgehobensein, die Suche nach einem Zuhause, „das findet er nirgends als in Montagnola“, sagt Timo Heiler.

Hesse verbringt hier mehrere Jahrzehnte seines Lebens. Er reist immer weniger. In seine Geburtsstadt Calw kommt er kaum noch, generell fährt er nur zu Lesungen nach Deutschland. Selbst, um den Nobelpreis entgegen zu nehmen, will er 1946 nicht nach Stockholm fahren – stattdessen schickt er seine dritte Ehefrau Ninon. „Ab den 1930er-Jahren ist das Leben beschwerlich für ihn geworden“, sagt Heiler. Hesse beklagt häufig körperliche Gebrechen wie etwa sein Rheuma.

Seinen Koffer packt Hesse in seiner neuen Heimat in Montagnola also nur noch selten. Dafür schnürt er umso öfter seinen Rucksack mit dem Malzeug, um in der Natur zu aquarellieren und Landschaften zu malen. Oder aber er zieht sich in seinen Garten zurück, um Tomaten zu züchten. Vielleicht ist Hesse hier in Montagnola aber auch aus einem anderen Grund am Ende seiner suchenden Reise angelangt. In seinem „Siddharta“ schließlich schreibt Hesse: „Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.“

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27.08.2016, 06:00 Uhr
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