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Ein Panzer als Biotop-Pfleger

Ein "Leopard" fährt von der kommenden Woche an im Biosphärengebiet Schwäbische Alb im Dienste

Vor über sechs Jahren bretterte zum letzten Mal ein "Leopard" über den Truppenübungsplatz Münsingen. Nächsten Dienstag kommt ein Kampfpanzer zurück. Nicht zum Schießen - sondern für den Naturschutz.

14.10.2010

Von JOACHIM LENK

Münsingen "Nein, das ist kein Witz", versichert Dietmar Götze von der Bundesforst-Dienststelle Heuberg. "Kommenden Dienstag kehrt ein tonnenschwerer Panzer ins Herzstück des Biosphärengebietes Schwäbische Alb zurück", sagt der Hausherr des 6500 Hektar großen Areals im Landkreis Reutlingen. Der ausgemusterte Münsinger Truppenübungsplatz werde aber nicht reaktiviert, versichert Götze. "Wir brauchen das Kettenfahrzeug, um 300 Biotope vor der Versandung zu retten." Ein nagelneuer Leopard A 3 als Naturschutz-Vehikel?

So paradox es klingt: Der jahrzehntelange militärische Übungsbetrieb auf dem Truppenübungsplatz Münsingen von 1895 bis 2005 war ein Gewinn für den Artenschutz. Die natürlichen Prozesse wurden durch die intensive militärische Übungstätigkeit kaum gestört. Das machte das Münsinger Gelände zu einem Rückzugsgebiet für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Es scheint so, als sei die Natur mit den Militärs ein Bündnis eingegangen.

Durch das Wirken der tonnenschweren Panzer entstanden neue Fahrspuren, Mulden, Pfützen und Tümpel, die Lebensräume für Amphibien bildeten. Ebenso bewirkte das Schießen mit schweren Waffen "mechanische Bodenverwundungen". Regenwasser sammelte sich in Fahrspuren, in Granattrichtern bildeten sich Tümpel. Dort fanden nicht nur Amphibien, sondern auch Feuchtbiotope wieder neue Lebensräume, berichtet Biologin Lydia Nittel. "Das sind sehr wichtige Brutgebiete, zum Beispiel für verschiedene Heuschreckenarten, die Heidelerche und die Wildbiene", fügt die Naturschützerin hinzu, die beim Bundesforst beschäftigt ist.

"Was Panzer erschaffen haben, müssen Panzer pflegen", ergänzt ihr Chef Götze. In den vergangenen Jahren wurde auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz mit dem Pistenbully "Flexmobil" versucht, die Biotope vor dem Vererden zu schützen. "Leider hat das Geländefahrzeug nicht den ausreichenden Bodendruck, den ein 60 Tonnen schwerer Panzer zustande bringt", sagt Götze.

Eine Anfrage bei der Bundeswehr, ab und zu mal einen Kampfpanzer in Münsingen übers Gelände fahren zu lassen, wurde von den Militärs aus versicherungstechnischen und aus finanziellen Gründen abgelehnt. Dass es nun dennoch klappt, ist dem Wahlkreisabgeordneten Ernst-Reinhard Beck zu verdanken, der gleichzeitig verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag ist. Beck kennt Frank Haun, den Vorsitzenden der Geschäftsführung des Münchener Rüstungsunternehmens Krauss-Maffei Wegmann, recht gut - und fädelte über ihn den Deal ein.

Von der Zusage profitieren beide Seiten. Der Bundesforst erhält ohne Zusatzkosten einen Panzer für Naturschutz-Zwecke. Das Rüstungsunternehmen, das seine Kettenfahrzeuge bei der "Wehrtechnischen Dienststelle für Kraftfahrzeuge und Panzer" in Trier (Rheinland-Pfalz) erprobt, kann seine Typen kostenfrei in Münsingen testen, ist von einem Firmensprecher zu hören.

Ob die ungewöhnliche Kooperation zur Dauereinrichtung wird, soll der Versuch nun zeigen. "Wir werden dieses einmalige Experiment wissenschaftlich begleiten", sagt Claudius Müller von der Naturschutzbehörde des Landratsamts Reutlingen. "Die Erkenntnisse, die wir durch diesen wissenschaftlich hochinteressanten Ansatz erhalten, dienen der Erhaltung der Biotope und der Forschung."

Im Jahr 2003 bretterte zum letzten Mal ein "Leopard" über den Truppenübungsplatz Münsingen. Am Dienstag kommt ein Kampfpanzer zum Schutz der Biotope auf die Schwäbische Alb. Foto: Joachim Lenk

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Erstellt:
14. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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