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Legende

Ein Leben ohne Beispiel

Mit glorreichen Höhenflügen wie kapitalen Abstürzen, auf dem Tennisplatz und daneben, setzt Boris Becker seit mehr als drei Jahrzehnten spezielle Akzente. Morgen feiert er seinen 50. Geburtstag.

21.11.2017
  • JÖRG ALLMEROTH

Ulm. Ein Frühlingsabend in seidenweicher Luft, im mondänen Luftfahrtklub von Dubai. Boris Becker sitzt am Tisch, er ist in diesem Moment noch der Coach des damaligen Weltranglistenersten im Tennis, Novak Djokovic. Becker hat ein Glas Rotwein vor sich, ab und zu steckt er sich einen Zigarillo an. Es soll eigentlich um Djokovic gehen, um diesen Trainerjob, aber an diesem sehr entspannten Abend am Arabischen Golf geht es schnell um viel mehr.

Es geht um sein ganzes Leben, mit allen Höhen und Tiefen. Es geht um die Brüche, die Verwandlungen, es geht auch um einen Becker, der immer auf der Flucht gewesen ist. Auf der Flucht, festgelegt zu werden. Vereinnahmt zu werden. Becker war nie ein einziger Becker. Sondern ganz viele Beckers. Er war sehr früh und sehr entschlossen auch derjenige, der sich gegen die allzu innige öffentliche Umarmung auflehnte. Und der sich später über Kreuz legte mit Deutschland, mit allen, die meinten, ihm jeden Tag Ratschläge geben zu müssen.

Für immer der 17-jährige Bursche

Beckers Gesicht rötet sich an diesem Abend, als er auf dieses Thema zu sprechen kommt, eines seiner Lieblingsthemen: „Ich bin niemandem etwas schuldig. Ich lebe mein Leben, wie es mir gefällt“, sagt er. Und natürlich fällt dann auch dieser Satz, den er in den letzten Jahren immer wieder gesagt hat: „In Deutschland glauben viele immer noch, dass ich der 17-jährige Bursche bin, der Wimbledon gewonnen hat.“

Tatsächlich ist Becker ja der, der in diesem blutjungen Alter Wimbledon gewonnen hat. Aber er ist eben jetzt der Mann, der seinen 50. Geburtstag feiert, er hat vier Kinder von drei verschiedenen Frauen, er ist der Chef einer bunten Patchwork-Familie, er lebt längst in London, weit weg von diesem schwierigen Deutschland, das er fasziniert hat als mitreißender Tennissolist. Und das ihn immer auch ein wenig argwöhnisch beäugt hat in den vielen Jahren nach der Profikarriere. „Ich bin dankbar, dass ich in London eine Heimat gefunden habe. Mit Menschen, die mich hier gut leben lassen“, sagt Becker, „direkt neben dem Ort, der mir so viel bedeutet.“

Was eine monströse Untertreibung ist: Denn Becker meint mit diesem Ort Wimbledon, das mythisch umrankte Tennisareal, dessen Centre Court er aus dem obersten Geschoss seines Hauses sehen kann. Wenn man so will, haben sich Becker und Wimbledon stets fest im gegenseitigen Blick. Was bedeutet ihm Wimbledon heute? „Es ist der Ort meiner zweiten Geburt“, sagt Becker, „da fing ein anderes Leben an.“

Fast alles, was in seinem Leben passierte, hat mit Wimbledon zu tun. Mit diesem 7. Juli 1985, an dem er den Matchball gegen den Südafrikaner Kevin Curren verwandelte und zum bis heute jüngsten Turniersieger in der Geschichte wurde. Von einer Sekunde zur anderen sei er „in ein anderes Universum geschleudert worden“, sagt Becker. „Ich wollte natürlich immer ein großer Sieger sein. Aber was es bedeutet, Wimbledonsieger zu sein, wusste ich nicht.“ Es begann ein Leben ohne Beispiel, das vor allem davon geprägt war, dass Becker gegen den Strom schwamm. Gegen die Erwartungen. Gegen die deutsche Wunschvorstellung, wie er als Idol sein sollte.

Das Verrückte an Becker ist auch dies: In all den Aufgeregtheiten, in all dem Wirbel und allen Wirren seines Lebens ist er sich stets treu geblieben – als jemand, der sich nicht greifen lässt, sich auch nicht greifen lassen will. „Bei mir weiß man nie, was kommt“, sagt Becker trocken, „ich weiß es oft selbst nicht.“ So war das ja auch in jenen Jahren, in denen er über die Kontinente und durch die Zeitzonen jettete.

Und es war eben jene buchstäbliche Unfassbarkeit, die seine Magie ausmachte: Das Schwanken zwischen den Extremen, manchmal in einem Match, manchmal über ganze Jahre. Becker konnte Spiele drehen, die verloren schienen. Und Spiele verlieren, die er eigentlich schon gewonnen hatte. Er fesselte die ganze Nation vorm Fernseher, er war ein Phänomen, in seiner Zeit der mitreißendste Tennisspieler, einer der bewegendsten Einzelsportler überhaupt.

Er war größer als sein Sport selbst. Alles, was er tat, wurde zur Staatsaffäre. Wurde von Literaten wie Martin Walser („Tennis ist eine Religion. Und Becker ist ihr Gott“) genau so wie von einem wie Bundespräsident Richard von Weizsäcker kommentiert. Hinter Beckers Dramen verschwanden sogar Auftritte der Fußball-Nationalmannschaft. Wie blickt er auf diese Zeit zurück? „Es war ein Leben, ständig am Limit. Ein verrücktes Leben. Ich hatte mit 20 schon mehr erlebt, als andere mit 100 Jahren.“

Die Seite-1-Garantie

Nein, langweilig ist es einem nie geworden mit diesem Becker. Niemals seit den Julitagen des Jahres 1985 bis heute, bis zu seinem 50. Geburtstag. Er hat auch jetzt noch die Seite-1-Garantie, Kameras umschwirren ihn auf Schritt und Tritt. In den letzten Monaten und Jahren war Becker so präsent wie in den großen Centre-Court-Tagen.

Noch einmal Nummer 1, Wimbledonsieger und Weltmeister mit seinem Schützling Novak Djokovic, dann die selbst gewählte Trennung vom Trainerjob, der Einstieg als TV-Experte, Lobeshymnen für den präzisen, launigen Kommentator. Im nächsten Moment die Hiobsbotschaften über den Pleitier Becker, die Millionenschulden, den angeblichen Horrorberg von 40 oder 60 Millionen Euro Miesen. Und dann, im wieder nächsten Moment, die Rückkehr ins deutsche Tennis, als Chef der Herrenabteilung.

Großer Bahnhof in Frankfurt bei der Amtseinführung, Live-Übertragung auf mehreren Kanälen. Und, ganz nebenbei, auch noch die mediale Aufmerksamkeit für den Patienten Becker, der in den sozialen Netzwerke über seine Sprunggelenks- oder Hüftgelenksoperation berichtet. Den Aufschlag hat er immer noch.

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21.11.2017, 06:00 Uhr
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