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Ein Kanadier soll Kroatien regieren
Verblüffung in Zagreb: Der politisch völlig unbekannte Pharma-Manager Oreskovic erhält Auftrag zur Kabinettsbildung

Ein Kanadier soll Kroatien regieren

Gut sechs Wochen nach der Wahl ist in Kroatien die Entscheidung für eine Mitte-Rechts-Regierung gefallen. Ungewöhnlich: Der parteilose Manager Oreskovic hat den Auftrag, die Regierung zu bilden.

28.12.2015
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Verblüffung machte sich breit, als den Kroaten an Heiligabend ein völlig neues Gesicht in die Wohnzimmer flimmerte. An der Seite der sichtbar nervösen Staatspräsidentin Kolinda Grabar Kitarovic stellte sich ein unscheinbarer, etwas steif wirkender Herr mit schwarzer Brille als künftiger Regierungschef vor. In knappen Worten und mit starkem amerikanischem Akzent lud der Unbekannte die "Appasition" zur Mitarbeit ein und beteuerte: "Wir sind alle hier, um den kroatischen Gebäuden zu dienen."

Gemeint waren die Bürger. Auch wenn die Wörter für "Gebäude" und "Bürger" im Kroatischen ähnlich klingen, würde sie doch niemand, der hier aufgewachsen ist, miteinander verwechseln. Doch der designierte Regierungschef Tihomir Oreskovic ist schon anderthalb Jahre nach seiner Geburt in Zagreb mit den Eltern nach Ontario gezogen, dort zur Schule gegangen, hat in Kanada Chemie und Betriebswirtschaft studiert und in der Pharmaindustrie Arbeit gefunden. Zu ihrem fernen Heimatland pflegte gerade die kanadische Diaspora ein sentimentales Verhältnis. Wer kroatischer Abstammung war, ließ sich nach dessen Unabhängigkeit in der Regel dort einbürgern und musste nicht befürchten, die kanadische Staatsangehörigkeit zu verlieren.

Oreskovic, 49, machte beim Pharmakonzern Eli Lilly in Toronto und dann beim Generika-Giganten Teva Karriere. Als das israelische Unternehmen 2008 auch den kroatischen Arzneihersteller Pliva kaufte, war der ehrgeizige Manager zum Bereichsleiter für Osteuropa aufgestiegen und wurde bei Pliva Vorstandschef. Seit dem vorigen Jahr lebt und arbeitet der verheiratete Vater von vier Kindern als Teva-Chef für Europa und Nahost in Amsterdam.

In der kroatischen Politik ist der Manager weitgehend unbekannt. Die wenigen, die ihn kennen, sprachen an den Weihnachtstagen respektvoll, aber mit Distanz über Oreskovic. Er sei ein "ausgezeichneter Fachmann", sagte Ex-Vizepremier Radimir Cacic, der als Unternehmer mit ihm zu tun hatte. Die frühere Regierungschefin Jadranka Kosor warnte vorsorglich, man könne einen Staat nicht wie ein Unternehmen führen. Politische Ansichten oder gar Initiativen sind von dem diskreten Mann nicht bekannt. Ein einziges Interview ließ sich auftreiben: Da beklagte Oreskovic die mangelnde Offenheit Kroatiens gegenüber ausländischen Investoren.

Dass Oreskovic in einer künftigen Regierung eine Rolle spielen sollte, war schon seit Monaten angedacht, verriet der Chef einer der beiden großen Koalitionsparteien, Bozo Petrov von der liberalen Listenverbindung Most.

Bei der Wahl am 3. November hatten weder der bisher regierende sozialdemokratische noch der nationalkonservative Block (HDZ) eine Mehrheit errungen. Die Rolle des Königsmachers fiel damit Most - zu Deutsch: die Brücke - zu. Im parteienverdrossenen Kroatien hatte der lose Verband regionaler Listen, der sich erst für die Parlamentswahl zur Partei formiert hatte, mit 19 Sitzen einen überraschenden Erfolg erzielt. Mit der Position des Züngleins an der Waage erwies sich die neue Formation aber als heillos überfordert. Den einzigen erfahrenen Politiker verlor die neue Partei schon nach wenigen Tagen. Der ungeübte Parteichef Petrov agierte misstrauisch und konzeptlos, wechselte im Wochentakt die Strategie und schaffte es nicht, die auseinanderstrebenden Mitglieder seiner Fraktion beisammen zu halten. Erst wollte der junge Arzt, der im Vorjahr im Adria-Kleinstädtchen Metkovic den Bürgermeisterposten erobert hatte, der Regierung fernbleiben, dann selbst Ministerpräsident werden und schließlich eine Allparteienregierung unter einem parteilosen Fachmann bilden.

Den Großparteien mit ihren trickreichen Taktikern zeigte sich die neue Formation nicht gewachsen. Erst am vorigen Wochenende hatten sich HDZ und Sozialdemokraten geeinigt, mit Most vorerst nicht weiter zu verhandeln. Sofort aber brach der amtierende Regierungschef, der Sozialdemokrat Zoran Milanovic, die Vereinbarung wieder, handelte Umrisse eines Programms aus und überließ Petrov den Posten des Regierungschefs. Schon tags darauf beschwerte sich Petrov wutentbrannt, dass die Sozialdemokraten parallel Mitglieder seiner Fraktion bearbeitet hätten, bei einem Scheitern doch Milanovic wieder zum Regierungschef zu machen. Petrov ließ die Gespräche platzen und schwenkte um. Nach weiteren 24 Stunden stand die Koalition mit der HDZ.

Der designierte Premier Oreskovic hat mit Politik bislang nichts zu tun gehabt. Bei seiner öffentlichen Beauftragung durch die Präsidentin haspelte sich der Pharma-Manager mühselig durch fünf kroatische Sätze, die er von einem Blatt ablesen musste. Über die Weihnachtstage wurde in Kroatien deshalb spekuliert, der mögliche neue Regierungschef sei von der HDZ schon lange für das Amt ins Auge gefasst und dann erst zu einem taktisch günstigen Zeitpunkt aus dem Hut gezaubert worden.

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28.12.2015, 08:30 Uhr
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