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Arbeitsleben

Ein Job reicht vielen nicht

Fast jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte verdient sich noch etwas dazu. Der DGB klagt: Es gibt zu viel Niedriglöhne.

22.01.2020

Von DIETER KELLER

Annelie Buntenbach, die in Rente geht. Foto: Markus Scholz/dpa

Berlin. Immer mehr Arbeitnehmer haben mehr als einen Job. Ende Juni 2019 waren es 3,54 Millionen, rund 124 000 mehr als ein Jahr zuvor, geht aus der Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann hervor. Da gleichzeitig die Beschäftigung weiter zunahm, stieg der Anteil an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur leicht auf 9,8 Prozent.

Überwiegend handelt es sich um Minijobs: Fast 3 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte verdienten sich maximal 450 EUR im Monat dazu. Sie dürfen nur einen Minijob haben unabhängig von der Höhe des Verdienstes. Mehrere Minijobs sind nur erlaubt, wenn es daneben keinen Hauptberuf gibt. Zusammen dürfen sie allerdings nicht mehr als 450 EUR bringen. Dies überwacht die Minijobzentrale

„Für immer mehr Beschäftigte reicht das Einkommen aus einem Job nicht mehr aus“, schließt Zimmermann aus den Zahlen. Die möglichen Beweggründe zeigt eine Studie der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2019: Danach nannte jeder Zweite finanzielle Not oder Schwierigkeiten als Beweggrund. Aber auch die Erfüllung von besonderen Konsumwünschen und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen wurden häufig als Motivation genannt. Für Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), ist die Entwicklung eine Folge des „viel zu großen Niedriglohnbereichs“, in dem mehr als ein Fünftel aller Arbeitnehmer festhänge. Wie Zimmermann fordert sie als Ausweg, den Mindestlohn auf 12 EUR pro Stunde zu erhöhen.

Anfang dieses Jahres war der Mindestlohn von 9,19 EUR auf 9,35 EUR gestiegen. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, werden 12 EUR erst 2029 erreicht, befürchtet DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell. Er sitzt selbst in der Mindestlohnkommission, die die Erhöhungsschritte festlegt. Aber dort blockieren die Vertreter der Arbeitgeber alles, was über den Anstieg der Löhne hinausgeht. „Deshalb ist die Politik gefragt“, so Körzell. In diesem Jahr wird das Mindestlohngesetz nach fünf Jahren überprüft. Das solle die Bundesregierung nutzen. Die Chancen sind allerdings schlecht, weil große Teile der Union auf der Bremse stehen.

Am liebsten würden die Gewerkschaften höhere Mindestvergütungen per Tarifvertrag durchsetzen. „Nur fehlen uns auf Arbeitgeberseite oft die Verhandlungspartner dazu“, klagt Körzell. Die Arbeitgeber flüchteten aus ihren Verbänden und weigerten sich oft, Tarifverträge abzuschließen. Daher fordert der DGB, dass der Staat öffentliche Aufträge nur noch an tarifgebundene Unternehmen vergibt. Zumindest beim Bund und speziell bei Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) beißt er aber auf Granit.

Allerdings hat der DGB auch das Problem, dass die Zahl der Mitglieder in den acht bei ihm organisierten Gewerkschaften zurückgeht, 2019 wohl um etwa 0,5 Prozent auf rund 5,9 Millionen – und das, obwohl die Zahl der Erwerbstätigen immer neue Rekordhöhen erreicht. „Da ist noch Luft nach oben“, bekennt DGB-Chef Reiner Hoffmann. Die IG Metall als größte Gewerkschaft will genaue Zahlen am Freitag bekanntgeben. Bei der zweitgrößten, der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi), gab es einen Rückgang von 0,7 Prozent auf 1,96 Millionen. Die Entwicklung sei noch nicht so gut, wie gewünscht, aber der Trend sei besser, sagt Verdi-Chef Frank Werneke. Es gebe deutlich mehr Eintritte.

Anja Piel folgt beim DGB auf... Foto: J. Stratenschulte/dpa

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Erstellt:
22. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2020, 06:00 Uhr

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