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Stadtführung durch größten Tübinger Stadtteil

Ein Hauch von Lenin in Lustnau

Von den Gönnern auf dem Lustnauer Berghof bis zur fiesen Unistadt, die nur auf Lustnaus Gewerbesteuer schielte, reichte die Stadtführung von Günther Herre und Gerhard Nagel.

23.09.2009

Von Mario Beisswenger

Lustnau. Bebel, Liebknecht, Luxemburg, ja sogar Lenin: Die ganze Arbeiteraristokratie aus der Zeit um 1900 holte Gerhard Nagel am Montagnachmittag nach Lustnau. „Diese Personen der Zeitgeschichte sind auch in die Lokalgeschichte eingebunden“, sagte er auf der zehnten und für dieses Jahr letzten Stadtführung unter dem Motto „Kennen Sie Tübingen?“.

Paula Bosch nach Clara Zetkin

Richtig eingemeinden konnte Nagel die Arbeiterführer nicht. Aber über Friedrich Zundel hätten sie doch was mit Lustnau zu tun, erklärte der Lokalhistoriker, als er vor den historischen Gebäuden des Berghofs stand. Der als Maler bekannte Zundel entwarf das Tuffsteinhaus für seine zweite Frau Paula Bosch – und später auch die benachbarte „Sonnhalde“ für seine Schwiegermutter Anna Bosch.

Damals war Zundel aber noch mit Clara Zetkin verheiratet. Die Frauenrechtlerin und Sozialistin verhalf ihrem Mann zu Aufträgen und Kontakten auch zur Familie Bosch. Als diese Ehe auseinander ging, heiratete Zundel die Bosch-Erbin Paula. Nagel hatte für den Mann Verständnis: Zetkin, zuletzt Reichstagsabgeordnete der Kommunistischen Partei, sei ja immer unterwegs gewesen. „Da ist ja klar, dass sie sich auseinander gelebt haben.“

Zundel brachte, so Nagel, die großen Namen mit nach Lustnau. Erst die Familie seiner Frau, dann das Geld der Technologie-Firma Bosch. Paula und ihre Schwester Margarete Bosch fanden wohl während des Studiums Gefallen an dem 20 Hektar großen Berghofgelände, das ihr Vater Robert dann für sie kaufte. Die Familie Bosch und die Nachfahren hinterließen eine Spur von Wohltaten. Das begann mit Geld für Konfirmanden-Kleider nach dem Ersten Weltkrieg, ging über Baukosten für einen Kindergarten und Zuschüsse für die Turnhalle bis hin zu den Wannenbädern in der Dorfackerschule nach dem Zweiten Weltkrieg. Schließlich finanzierten die Schwestern Paula Zundel und Margarete Fischer-Bosch auch die Kunsthalle. Zuletzt steuerte der inzwischen verstorbene Georg Zundel, Sohn von Anna und Friedrich, noch 500 000 Euro für die Kunsthallenstiftung bei.

Die Zundelschen Wohltaten stellte Günther Herre beim Spaziergang durchs Dorf vor, bis er dann im Kirchhof neben dem alten Schulgebäude auf die Stadt Tübingen zu sprechen kam. 1934 nämlich wurde Lustnau „zwangseingemeindet“. Die damals schon von den Nazis geführte Verwaltung habe „die Lustnauer Industrie und die Steuern einsacken“ wollen. Der Schaden fürs Dorf sei beträchtlich gewesen. Der Hebesatz der Bürgersteuer stieg von 100 auf 400 Prozent, der Satz bei der Gewerbesteuer von 14 auf 20 Prozent. Bekommen habe das Dorf für diese Steuergaben wenig. „Etwas zugespitzt“ sah Herre das so: „Die Zundels haben für Lustnau mehr gegeben als die Stadt.“

Angeblich Toter zeugte Kinder

Nebenbei wiesen die beiden Stadtführer auf dies und das am Wegesrand. Die wundersame Rettung einer Lustnauerin zum Beispiel, weil sie just in der Nacht, als ihr Haus im Zweiten Weltkrieg durch Fliegerbomben zerstört wurde, zum allerersten Mal in der damals beliebten Wirtschaft „Bierkeller“ war (heute Gärtnerei Fischer). Oder die Geschichte vom „Totenhaus“ neben der Kirche, wo ein für tot gehaltener Mann nach seinem angeblichen Verscheiden noch fünf Kinder zeugte. Oder die geschichtsvergessene Bebauung der Burganlagenreste des alten Dorfadels. Nur noch das Straßenschild „Auf der Burg“ erinnere an den Ort. Für Herre ein Beispiel für den falschen Umgang mit der Bausubstanz, der sich noch schlimmer in den Gebäuden zeige, die heute anstelle der früheren Gastwirtschaften Hirsch und Ochsen stehen.

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Erstellt:
23. September 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. September 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. September 2009, 12:00 Uhr

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