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Leitartikel · Israel

Ein Fest mit Schatten

Israel feiert. Im Mai vor 70 Jahren hatte der Gründer der zionistisch-sozialistischen Arbeiterpartei, Ben Gurion, den Staat Israel ausgerufen.

19.04.2018

Von ELISABETH ZOLL

Ein Traum wurde wahr für Juden in aller Welt. Das Volk ohne Land sollte eigenes Terrain bekommen. Visionäre wie der Zionist Theodor Herzl hatten die Idee vorangetrieben. Sie war aus jahrtausendealter Verfolgungs- und Drangsalierungsgeschichte erwachsen und durch den Vernichtungsfeldzug Hitlerdeutschlands gegen europäische Juden genährt worden. Im neuen Staat hofften Juden, Heimat und Sicherheit zu finden.

Erreicht haben die Einwanderer und ihre Nachfahren vieles: Die heute rund 8,8 Millionen Einwohner große Nation ist wirtschaftlich stark, militärisch einer der mächtigen Player, auch auf dem Feld digitaler Kriegsführung. Wissenschaftlich zählt das Land zur Weltelite. Dass eine kulturell so heterogen zusammengesetzte Gemeinschaft in nur sieben Jahrzehnten zu solch einem Aufbau fähig war, ist ein Grund zum Feiern. Nur politisch und sozial scheinen sich die Bruchlinien in der Gesellschaft zu vertiefen. Strenggläubige, Nationalreligiöse, säkulare Juden und der arabische Teil der Bevölkerung driften auseinander. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen darüber, was die Gesellschaft zusammenhalten soll: die Loyalität zur Nation oder die Religion? Ultraorthodoxe scheinen die Standortbestimmung in den nächsten Jahren am ehesten zu gewinnen. Ihr Anteil an der Bevölkerung wächst rasch, dank einer hohen Geburtenrate.

Das hat unmittelbar Folgen für den zweiten Teil des Traumes: das Leben in Sicherheit. Israel ist davon weit entfernt, trotz hochgerüsteter Armee. Schon die Staatsgründung war begleitet von Krieg. Die damit verbundene Vertreibung von 700 000 Palästinensern schuf Feindschaft in der arabischen Welt. Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Syrien und Libanon gingen auf maximale Distanz zum Nachbarn. Inzwischen haben Ägypten und Jordanien ihren heißen Konflikt zwar beigelegt, und auch der saudi-arabische Kronprinz signalisierte dieser Tage politisches Umdenken. Doch an den Grenzen zum Libanon und zu Syrien bleibt die Lage explosiv.

Der versäumte Ausgleich mit den Palästinensern ist ein Geburtsfehler mit Folgen. Er destabilisiert den Nahen Osten bis heute. Auch Palästinenser tragen dafür Verantwortung: durch fehlende politische Konzepte, Lagerkämpfe und die Radikalisierung in den eigenen Reihen. Israel reagiert darauf mit Unterdrückung, einem stillen Krieg mit zermürbender Bürokratie und – mit maßlosem Siedlungsbau. 600 000 Siedler haben sich im besetzten Westjordanland festgesetzt. Zuerst vereinzelt, mit Beginn der Regierung Netanjahu, 1996, in immer größerer Zahl und seit Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump fast ungebremst. Diese Israelis werden das palästinensische Land wohl nicht mehr verlassen. Eine lebensfähige Zwei-Staaten-Lösung ist damit ohne Fundament, auch wenn die internationale Politik das ignorieren will. Den Palästinensern werden wie schon vor 70 Jahren Land und Perspektiven genommen. Sie haben mit Sicherheit keinen Grund zu feiern.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
19. April 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. April 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 06:00 Uhr

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