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Ein Fernseher kam Bücherwurm Heuss nicht in die Wohnung
Stiftungs-Geschäftsführer Thomas Hertfelder vor der Galerie mit Politiker-Porträts im Theodor-Heuss-Haus. Foto: Ferdinando Iannone
Gedenkstätte

Ein Fernseher kam Bücherwurm Heuss nicht in die Wohnung

Der erste deutsche Bundespräsident verbrachte auf dem Killesberg seinen Lebensabend. In seinem Haus lernt man seine private Seite kennen.

12.09.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Oben die ehemaligen Wohnräume, unten eine große Ausstellungsfläche, die mit Sonder- und Dauerausstellungen gefüllt ist. Den Besucher erwartet einiges an historischen und aktuellen Politikinformationen, wenn er das Theodor-Heuss-Haus besucht. In bester Stuttgarter Höhenlage, am Feuerbacher Weg, in direkter Nachbarschaft zur Porsche-Villa, steht das Wohnhaus des ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland – ein bescheidenes Einfamilienhaus. Heute würde aufwendiger gebaut. Nur das großzügige Grundstück ist – vor allem in dieser Gegend – purer Luxus.

Berührend ist der Besuch der mit Originalmöbeln ausgestatteten Wohnräume. Das gutbürgerliche Wohnzimmer sieht aus, als sei Heuss nur gerade mal aus dem Zimmer gegangen. Je nachdem, wie alt der Besucher ist, fühlt er sich, als ob er das Wohnzimmer der eigenen Eltern beziehungsweise der Großeltern betritt. Das erzeugt ein authentisches 50er-Jahre-Feeling.

Der Perserteppich auf dem Boden, Gemälde von Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts an der Wand, der Couchtisch von pastellfarbenen Sitzmöbeln umringt, Stehlampen, an den Wänden eine Seegras-Tapete, eine Kopie des Originals. Im Arbeitszimmer dominiert das große Regal mit umfangreichen Buchbeständen. Heuss, selber Journalist und Schriftsteller, war Zeit seines Lebens ein Bücherfreund und Vielleser. „Er war konservativ und wollte nicht einmal ein Fernsehgerät“, erzählt Thomas Hertfelder, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer der Stiftung Theodor-Heuss-Haus.

Diese überparteiliche Bundesstiftung hat das Gebäude 1995 gekauft, umgebaut und 2002 als Erinnerungsstätte geöffnet. Seitdem haben über 160 000 Besucher, darunter auch Politprominenz wie Christian Lindner, Johannes Rau, Erhard Eppler oder Hans-Dietrich Genscher, Heuss ihre Aufwartung gemacht. „Charakteristisch für ihn waren seine Bodenständigkeit und gleichzeitig sein weiter Horizont“, sagt Hertfelder. „So behielt er sein Schwäbisch auch in über 40 Jahren Bonn bei. Und ja, er hat Zeit seines Lebens gerne Spätzle gegessen und seinen Trollinger getrunken.“ Das persönliche Interesse der Besucher an der Person Heuss ist hoch, beobachtet Hertfelder.

Nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit zog sich der in Brackenheim, einer Kleinstadt im Kreis Heilbronn, geborene Heuss nach Stuttgart zurück und wohnte hier von 1959 bis zu seinem Tod im Dezember 1963. Er war zu dieser Zeit schon Witwer. Seine Frau Elly Heuss-Knapp, die als erste First Lady der jungen Bundesrepublik ihr Amt äußerst aktiv ausfüllte und unter anderem das Müttergenesungswerk ins Leben rief, war 1952 an einem Herzleiden gestorben.

Heuss wollte auf dem Killesberg in Ruhe Bücher und seine Memoiren schreiben. Stattdessen wurde der verehrte Altpräsident täglich mit 100 und mehr Briefen mit persönlichen Anliegen bombardiert. Sein Ehrgeiz war es, jedes Schreiben persönlich zu beantworten. So diktierte er Tag für Tag seinem Sekretär die Antworten – die Memoiren blieben unvollendet.

Anders als in den USA, wo jeder Präsident häufig schon zu Lebzeiten damit beginnt, eine pompös-bombastische Präsidenten-Library als persönliche Erinnerungs- und Kultstätte aufzubauen, wird in Deutschland wichtigen Staatsmännern selektiv und eher sachlich gedacht. „Es geht hierzulande nicht um Heldenverehrung, sondern darum, die jeweiligen Leistungen für Politik und Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen“, sagt Thomas Hertfelder.

So hat der Bundestag neben der Theodor-Heuss-Stiftung auch nur fünf weitere Politiker-Gedenkstiftungen in Deutschland zur Erinnerung an die deutschen Staatsmänner Otto von Bismarck, Friedrich Ebert, Konrad Adenauer, Willi Brandt und Helmut Schmidt realisiert. Aktuell soll eine weitere Stiftung für Helmut Kohl in Berlin entstehen.

Personenkult wird in Stuttgart nicht betrieben. „Theodor Heuss war ein deutscher Liberaler, und Liberalismus ist unser Hauptforschungsthema. Wir thematisieren die Rolle von Heuss in der Geschichte, beleuchten dabei auch kritische Phasen und weisen darauf hin: Auch dieser Mann machte Fehler“, beschreibt Hertfelder die Aufgabe von Stiftung und Gedächtnisstätte. „Aber wir sind nicht die Hilfstruppe der FDP.“

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12.09.2017, 06:00 Uhr
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